Viele Menschen glauben, es sei das höchste Glück, seine Arbeitszeiten selbst zu bestimmen. Doch nicht jeder kann mit so viel Freiheit umgehen. Ein IT-Experte und eine Einzelhandelskauffrau berichten über ihre Erfahrungen.
Stuttgart – Die Fahrtkilometer zur Arbeit kann Wolfram Palmer nicht von der Steuer absetzen. Vom Bett bis ins Büro sind es nur wenige Meter Fußmarsch. Wenn Wolfram Palmer wollte, könnte er direkt nach dem Aufstehen mit der Arbeit beginnen, in Puschen und Pyjama. Doch diese Freiheit hat er sich nie genommen. „Ich beginne den Tag wie jeder andere Berufstätige auch“, sagt er. „Mit einer Dusche und einem Frühstück.“
Der 44-jährige IT-Experte ist selbstständig, ein digitaler Bohemien, der den Groschen nicht umzudrehen braucht. In seinem kleinen Büro im Stuttgarter Westen baut er Webseiten und betreut Netzwerke für kleine Unternehmen. Alles, was er dazu braucht, steckt in seinem klugen Glatzkopf und dem rechteckigen Gehäuse mit dem Apfel drauf. Wann immer ihm danach ist, kann er mit der mobilen Computerversion in den Park gehen. Oder in den Urlaub fahren. Selbst wenn eine Firma Probleme mit dem Server hat, diagnostiziert er die Ursache von seiner Tastatur aus. Einsam wird er dabei nicht. Dafür sei er zu häufig draußen beim Kunden, sagt Palmer.
Wer sehnt sich nicht nach solch einem Arbeitsleben? Der Mann mit Laptop in freier Natur – das Motiv begegnet einem immer wieder in Lifestyle-Magazinen und in der Werbung als Sinnbild für ein glückliches Berufsleben. Nach Ansicht der Wirtschaftspsychologin Sabine Siegl ist die große Freiheit jedoch nicht für jeden geeignet. „Viele Menschen brauchen Kollegen, die ihnen Impulse geben, die motivieren, durch Anerkennung oder als Wettstreiter.“ Wer allein arbeite, müsse hingegen aus sich selbst schöpfen können, müsse „intrinsisch motiviert“ sein. „Das sind häufig Menschen aus der IT-Branche oder aus dem künstlerischen Bereich“, sagt Siegl. Für sie liege der Anreiz nicht im verdienten Geld oder im Lob anderer, sondern in der Tätigkeit selbst. Geregelte Arbeitszeiten würden diese Menschen in ihrer Leistung eher einschränken.
Palmer kennt keine Neun-Uhr-Konferenzen, in der Mitarbeiter auf Linie gebracht werden. Er steht nie im morgendlichen Berufsverkehr, wartet nie am Kopierer, jammert nie über den Speiseplan der Betriebskantine. Festen Essenszeiten kann er ohnehin nichts abgewinnen. Er isst, wann er will und wo er will. Am liebsten beim Italiener in der Silberburgstraße. Oder gar nicht, wenn viel zu tun ist. Das war schon immer so. Palmer hat Rechnungen geschrieben, als er noch zur Uni ging und Kommunikationsdesign studierte. Während andere Vorlesungen über Typografie besuchten, gestaltete er gegen gutes Geld selbst Broschüren und Flyer.
Hulay Erdogan wurde in ihrem Leben schon häufiger auf Linie gebracht. Die Arbeitswelt der 34-jährigen Türkin hat mit der von Palmer nichts gemein. Hulay Erdogan machte eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau – und unterwarf sich damit dem Diktat der Ladenöffnungszeiten. Ihr Alltag ist durchstrukturiert, getaktet nach Früh- und Spätschicht, nach Werk- und Feiertag. Seit fast 20 Jahren ist Hulay Erdogan in der Branche tätig, anfangs für den Lebensmittelhandel Real, später für das Drogeriegeschäft Müller, zuletzt für die Bekleidungskette H&M.
Am schönsten fand sie die Jahre bei Real in Sindelfingen. „Um 8.30 Uhr ging es los, und jeder zweite Samstag war frei“, erzählt sie. Die Tage glichen sich. Um Punkt sieben weckte sie die innere Uhr. Drei Minuten zum Anziehen, fünf Minuten zum Schminken, „immer mit denselben Handbewegungen“, wie sie sagt. Beim Bäcker holte sie sich einen Kaffee und ein süßes Stückle. Dann stempelte sie ein.
Hulay Erdogan ging immer gern zur Arbeit, „auch weil ich genau wusste, wann es vorbei ist“, sagt sie. Den Feierabend verbrachte sie oft mit den Kollegen. Sie gingen gemeinsam ins Kino oder zum Italiener. Außerdem war sie in einem Fitness-Studio Mitglied, wo sie sich körperlich in Form hielt. „Das war die schönste Zeit meines Lebens“, sagt sie im Rückblick. Frei zu arbeiten wie Palmer käme für sie dagegen nicht infrage. „Ich bin jemand, der feste Strukturen braucht.“
Selbst an die Zeit bei der Bekleidungskette H&M, die in der Gewerkschaft berüchtigt ist für ihre schlechten Arbeitsbedingungen, erinnert sich Hulay Erdogan gern zurück. Wie viele Einsteiger erhielt sie den auf ein halbes Jahr befristeten „flexiblen Teilzeitvertrag“, bei dem das Unternehmen einen Monat vorher festlegt, wer wann arbeiten darf. „Wenn ich mal nicht konnte, hatte ich die Möglichkeit, mit meinen Kollegen zu tauschen“, sagt sie. Aus unerfindlichen Gründen wurde das Arbeitsverhältnis nicht verlängert – und Hulay Erdogan schickt wieder Bewerbungen hinaus. „In diesen Phasen merke ich immer, wie gut es mir tut, regelmäßig arbeiten zu gehen“, sagt sie.
Was schließt man daraus? Welche Arbeitsweise ist nun die bessere? „Das ist schwer zu beurteilen, das hängt von der Persönlichkeit ab“, sagt Sabine Siegl. Bei Menschen wie Hulay Erdogan überwiege das Bedürfnis nach Sicherheit, nach festen Rahmenbedingungen, auf die man sich einstellen kann, so die Psychologin. Die meisten angestellten Menschen würden jedoch ein gewisses Maß an Mitbestimmung bevorzugen. „Man bekommt eine andere Einstellung zu seiner Arbeit, wenn man selbst entscheiden kann, wann man die Arbeit beendet.“
Auch die Frage, welche Arbeitsweise gesünder ist, lässt sich nach Siegls Ansicht nicht so einfach beantworten. Vor der Gesellschaftskrankheit Burn-out seien beispielsweise beide Persönlichkeiten nicht gefeit, sagt sie. Bei Freischaffenden sei die Gefahr etwas größer, sich zu überfordern. Ihnen fehle der Vorgesetzte, der – im Idealfall – seiner Fürsorgepflicht nachkommt und die Mitarbeiter davor schützt, zu viel zu tun. „Freischaffende müssen sich nicht nur selbst motivieren, sie müssen sich auch selbst in den Feierabend schicken“, sagt Siegl. „Das erfordert viel Disziplin.“
Palmer scheint diese zu besitzen. Die Fachliteratur verlässt nicht das Büro. Auf seinem Nachttisch liegen ausschließlich Krimis. „Ich kann Arbeit und Freizeit ganz gut trennen“, sagt er. Wer das nicht so gut könne, sei seine Familie, die einen Stock unter ihm lebt. Die ihn gerne auch mal einspannt „für Chauffeurdienste oder Tütenschleppen“, während er gerade über einem technischen Fehler brütet. „Immer greifbar zu sein kann auch Nachteile haben“, sagt er.