Wird den heutigen Gymnasiasten immer noch das Aufsatz-Thema „Technik – Fluch oder Segen“ aufgetischt? Günstige Überseegespräche sind auf jeden Fall ein Segen – auch wenn der Feind mithört.
Stuttgart - Wird den heutigen Gymnasiasten immer noch das Aufsatz-Thema „Technik – Fluch oder Segen“ aufgetischt? Die Welt der modernen Telekommunikation bietet jedenfalls jede Menge gute Gründe zum Fluchen: Handys, die in Kinos und Konzerten klingeln. Nichtigkeiten, die sich unter „CC“ wichtig machen. SMS, die sich beim Kochen, Bücherlesen oder Schlafen Aufmerksamkeit erpiepsen. Mails, die geöffnet, gelesen und ausgedruckt werden, obwohl sie besser gar nicht erst geschrieben worden wären.
Ein Segen: Telefonieren kostet kaum noch etwas
Generell gilt die Faustregel: Die in einer Gesellschaft verhandelte Summe an Sinnhaftigkeit nimmt nicht so schnell zu wie sich die Möglichkeiten zu ihrer Mitteilung vermehren. Daraus folgt, dass der pro Kommunikationsakt mitgeteilte Sinn immer geringer wird. Einfacher gesagt: Alles wird immer blöder. Das einzig Tröstliche ist, dass die US-Schlapphüte, die abermillionenfach unsere Mails und Telefonate abgreifen, sich durch Abermillionen von Banalitäten wühlen müssen, bis sie mal auf eine Mitteilung stoßen, durch deren Entdeckung der Weltuntergang gerade nochmal verhindert werden kann.
So, und damit kommen wir nun zum Segen. Dass Telefonieren von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, von Kontinent zu Kontinent heute kaum noch etwas kostet, ist eindeutig die beste Seite der Globalisierung. Telefongespräche, die beginnen mit „Hallo Mama, ich bin’s, sag‘, wie geht’s Dir denn heute?“, oder mit „Hallo Liebling, äääh, ja also, ich wollt‘ nochmal anrufen – du, das war so ein wunderbarer Abend gestern…“, oder mit „Opa, Oooopa, rate mal wer hier spricht. Die Luisa!“
Was für die US-Agenten nur die Spreu vermehrt, ist für uns normale Menschen der Weizen: Sorge und Mitgefühl, Herzlichkeit und Liebe, Freude und Begeisterung. Wie gut, dass man, um all das auszudrücken, nicht mehr Briefe schreiben muss.