Wohnen auf dem Stuttgarter Killesberg Villa mit Aussicht über die Stadt

Mit Weitsicht: Blick auf Stuttgart von der Dachterrasse des Hauses aus. Die Fassade des Gebäudes von Alexander Brenner ist aus Beton. Foto: Alexander Brenner/b-and

Aus unserem Plus-Archiv: Das Haus sei eine Art gebaute Biografie, sagt Alexander Brenner. Der vielfach ausgezeichnete Architekt will mit seinem „Research House PR 39“ zeigen, was architektonisch und bautechnisch möglich ist. Ein Besuch.

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

Stuttgart - Von guter Architektur erwartet man, dass sie sich bescheiden gibt und an die Umgebung anpasst. Das hat etwas mit Bauvorschriften zu tun und mit dem Empfinden der Bewohner, die sich nicht allzu sehr exponieren wollen oder sollen.

 

Und dann steht man vor dem Haus von Alexander Brenner und sieht: Es geht auch anders. Man kann die Umgebung achten und dabei selbstbewusst auftreten.

Passanten gehen an fein schimmernden Metallplatten im Parterre vorbei. Darüber etwas zurückgesetzt: ein turmartiger Flachdachbau mit vor- und zurückspringenden Elementen, eine grau-beige-vanille-farbene, rau strukturierte Fassade, die wie Naturstein aussieht, aber aus Beton ist. Steht man auf der Dachterrasse, wähnt man sich irgendwo an der Côte d’Azur.

Anspielungen ans Bauhaus

Derart eigen ist das Gebäude, dass man es, von der gegenüberliegenden Halbhöhe des Stuttgarter Ostens auf den Killesberg schauend, rasch entdeckt. Dabei sieht es nicht einmal aus wie ein typisches Brenner-Haus.

Es ist nicht strahlend weiß verputzt, und es ist auch eher ein Turm als eine der imposanten, eher horizontal sich ausbreitenden Flachdachvillen, für die der Architekt bekannt ist, für die ein „internationaler Häusersammler“, wie Brenner belustigt erzählt, schon hohe zweistellige Millionenbeträge geboten habe. Die Bauherren hatten abgelehnt, wollten lieber in ihrem Haus wohnen bleiben.

In dem neuen Haus mit 300 Quadratmetern am Stuttgarter Killesberg residiert der vielfach ausgezeichnete Architekt selbst. Er nennt es „Research House PR 39“. Ein Labor, das zeigt, was architektonisch und bautechnisch möglich ist. Schon die Gebäudeform ist anspielungsreich: Bauhaus, Internationaler Stil, klassische Moderne – das ist es, was Alexander Brenner auch schätzt.

Eine Hommage an Lois Welzenbacher

„Ich habe in den 80er Jahren studiert, in der Hochzeit der Postmoderne. Immer hörte ich: Zeichnen Sie da bitte noch dorische Säulen davor! Da war die klassische Moderne meine Rettung“, sagt Alexander Brenner wenige Minuten, nachdem sich die burgtorartige Eingangstür geöffnet hat.

„Auch das Klingelschild mit seinen zylinderförmigen Löchern an der Sprechstelle“, sagt der Architekt, „ist eine Reverenz an die Luftlinie nur wenige Hundert Meter entfernte Weißenhofsiedlung.

Auch aus politischen Gründen ist ihm das von den Nationalsozialisten abgelehnte Bauhausdenken nahe – noch Ende der Neunziger Jahre habe er im Stuttgarter Bauamt Sätze gehört, wie dass seine Entwürfe „aber schon gegen das gesunde Volksempfinden verstoßen“.

Die Form des Hauses ist zudem eine Verbeugung vor einem weniger bekannten Vertreter des Internationalen Stils, Lois Welzenbacher, der viel im Alpenraum gebaut hat. „Er war als Architekt erstaunlich undoktrinär und wandlungsfähig. Und er hatte im Übrigen auch keinerlei Berührungsängste mit regionalen Elementen“, notierte eine Architekturkritikerin in der Zeitung „Standard“ über Welzenbacher – das ließe sich ebenso von Brenner sagen.

Die vertikale Ausrichtung der Hausform ist nicht zuletzt ein regionales Hutlüften: Wer schon im Stuttgarter Herdweg unterwegs war, sieht Ähnlichkeiten – Flachdach, Turmform, Fensterfronten – zu dem Haus von Paul Stohrer.

Leopardenmuster und eine rosafarbene Wand

Der Architekt galt als wirklich exzentrisch; die Geschichte allerdings, er sei mit einem Leoparden spazieren gegangen, ist erfunden. Wilde Tiere gibt’s auch bei Alexander Brenner nicht, aber eine Messing-Leopardenfigur formt an der Eichentür die Klinke.

Warum? „Ein Leopard ist so ziemlich das Gegenteil eines Architekten“, sagt Alexander Brenner etwas geheimnisvoll. Zumindest rechte Winkel hat das Tier keine und es ist auch wilder als „ein guter Architekt“.

Die Sache mit den Leopardenmustern ist nur eines der Architekten-No-Gos: ein sinnfreies Stuck-Ornament! Eine rosafarbene Wand. „Rosa ist nicht die klassische Farbe des Architekten, deshalb habe ich Rosa gewählt“, sagt Alexander Brenner. „Ich versuche mich zu öffnen, jeden Tag etwas zu machen, das ich noch nie gemacht habe.“ Und man kennt ja das Klischee vom Schwarz tragenden Architekten.

Nicht nur bei ihm selbst findet sich Rosé. Auch in zweien der Villen, die er für Bauherren gebaut hat, machen sich Wände oder Küchen mit rosafarbenen Fronten hervorragend zu den klaren architektonischen Linien.

Gesunder Pigmentputz

„Der Pigmentputz ist natürlich gesund und er hat etwas unruhig Wolkiges. Ich wollte etwas Unkontrolliertes mit einbringen in das Haus. Dass hier Menschen gearbeitet haben, darf man ruhig sehen.“ Sein Haus, sagt der 1958 in Salach im Kreis Göppingen geborene Architekt, sei eine Art gebaute Biografie.

Schon der Eingangsbereich spricht von der langen Verbundenheit Alexander Brenners mit denen, die seine Bauten realisieren. „Ich habe Respekt vor dem Handwerk. Ich schätze es, wenn etwas gut und mit Liebe gemacht wird.“

Das 500 Kilo schwere Eingangstor aus Zunderstahl beispielsweise, das auf einem filigranen Drehfuß steht, hat ein Schmied präzise gefügt und geschweißt, es bewegt sich aber federleicht.

Auch mit dem Schlosser, der das Treppengeländer aus Stahl gefertigt hat, arbeitet er schon lange zusammen. Brenner sagt, auch um dem Material seine Reverenz zu erweisen und so sparsam wie möglich damit umzugehen, habe er auf einem 20 Millimeter Rohr bestanden.

Natürlich hätte es sich dann über die lange Spannweite verbogen, weshalb es nun dort an der Unterseite ein verstärkendes Blech angeschweißt bekam. Die Tür mit dem Leopardengriff spricht auch von Gastfreundschaft, sagt Brenner, ein Eingang sei schließlich ein Willkommensgruß an den Gast.

Vieles stammt aus der Region

Zu den Experimenten fürs Haus zählt, „auf fragwürdige Baustoffe vorzugsweise aus Kunststoff zu verzichten. Ich konnte relativ frei in die Werkzeugkiste greifen, auf 1000 Jahre alte Traditionen zurückgreifen und ganz Neues ausprobieren.“ Technik und elektrische Steuerungen gibt es, doch vieles in dem Haus ist manuell, wirkt roh. Keine künstlich behandelten Oberflächen, dafür Genageltes, Genietetes, mit Feuer behandeltes Holz für Türen.

Vieles stammt aus der Region. Der Beton auch, er ist heller als gewöhnlich. Und was ist mit dem typischen weiß strahlenden Brennerhaus-Putz? „Der ist nicht mehr im Angebot!“, sagt er. Ein Scherz, natürlich. Allerdings ist dem Architekten sehr wichtig, dass er nie gegen seine Überzeugung bauen muss, er hat deshalb „lieber auf Familie und Freizeit und andere schöne Dinge verzichtet“.

Dafür kann er sich heute seine Aufgaben und seine Bauherren aussuchen. Nach dem Studium, zu Beginn seines Büros in den neunziger Jahren, sagt er, hatte er 10 000 Mark, die Büromiete war bei 600 DM. „Ich war in keinem Golfclub, nicht im Hasenzüchterverein und kannte auch sonst keine potenziellen Bauherren. Aber ich sagte mir, ein Jahr lang kann ich jetzt hier sitzen und es versuchen.“

Hunderte Anfragen erhält das Architekturbüro

Es klappte ganz offensichtlich. Und Alexander Brenner war in allen Bereichen der Architektur tätig, vom Städtebau, Industriebau zu Innenarchitektur. Seit zwei Jahrzehnten macht er aber fast ausschließlich Wohnhäuser und Villen. Hunderte von Anfragen erhält das Büro inzwischen pro Jahr, nur drei bis vier Projekte werden realisiert.

Nicht nur außen, auch im Haus selbst kann man sehen, gibt es schöne Steine auch aus der Region: Muschelkalk aus Öhringen im ersten Stock und auf allen Terrassen. Das erste von vier Stockwerken ist ein offener Raum, geeignet für alle möglichen Aktivitäten, als kleiner Konzertraum, aber auch für die Kunst, einer Leidenschaft des Architekten.

Während man von der Terrasse aus die Aussicht bewundert, berichtet der Bauherr, dass er wegen der 75 Zentimeter dicken Wand (50 Zentimeter starke Porenbetonsteine und davor eine 25 Zentimeter starke Sichtbetonschale) und der geschickten Ausnützung der Sonne vor Dezember so gut wie nicht heizen müsse. Geheizt wird mit einer Wärmepumpe.

Eigene Entwürfe in der Küche

Im Wohnbereich im zweiten Stock findet sich auch Natur auf dem Boden, das Eichenparkett mit Messing-Einlegearbeiten ist ein Brenner-Entwurf, es wird produziert von der Firma Listone Giordano, die auf nachhaltige Waldbewirtschaftung Wert legt.

Die Küche beeindruckt mit einer genieteten Kupferverkleidung am Tresen, einer Edelstahlarbeitsplatte und rosafarbenen Linoleumeinbauschränken. Die Herdplatten sind nebeneinander angeordnet, damit man besser arbeiten kann, sehr funktional ist der lange Glas- und Geschirrträger über der Arbeitsplatte, die Alexander Brenner eigens hierfür entworfen hat.

Ein langer Holztisch, dazu haltbare bequeme Möbelklassiker, die wie auch alles andere im Haus auf Langlebigkeit und Dauerhaftigkeit angelegt sind. „Oberflächliche und kurzlebige Moden sind nicht meins.“

Das Stockwerk öffnet sich auf die Hangseite hin zu einer überdachten Terrasse mit Außenküche und viel Grün. Von hier aus kann man auf den oben liegenden Garten seines Architekturbüros sehen. Beim Renovieren hatte er dort einen verschütteten Pool gefunden, weshalb das Büro Brenner eines der wenigen Architekturbüros mit eigenem Pool sein dürfte.

Eine Badehöhle und golden leuchtende Kammern

In seinem Wohnhaus finden sich neben offenen Räumen Rückzugsorte, kleine Verstecke, etwa die Lesenische beim Kamin. Im Badezimmer gibt es eine hammamartige Badehöhle neben der großzügig begehbaren Dusche. Hinter mit Stoff bespannten Türen finden sich Schächte für einen möglichen Aufzug, die werden derzeit als Abstellkammer genutzt und leuchten im Innern goldfarben, dank einer mineralischen Farbe von Keim.

Weil der Hausherr gerne kocht, verfügt die Küche über eine begehbare Vorratskammer mit Fensterluke. Von außen betrachtet sieht das wie eine Schießscharte aus. So offen das Haus sich von der Straßenseite aus gibt, so wirkt es hier, vom Hang aus, wie eine Burg. Es ist auch ein Heim, das sagt: Welt, bleib mir fern. Eines, das Solidität, Schutz und Geborgenheit vermitteln möchte.

Aber mit Aussicht. Im obersten Stockwerk, einem Rückzugsarbeitsort, schaut man, am Schreibtisch sitzend, durch die Panoramaverglasung auf die Stadt. In der gegenüberliegenden Ecke schweift der Blick weit Richtung Südwesten über den Wald auf der Botnanger Höhe.

Das ist der Luxus – das Haus zieht als ästhetisch überzeugendes Ausrufezeichen im Stadtbild Blicke auf sich; es belohnt sich selbst mit Blicken aus geschützten Innenräumen auf Außenräume, wie man sie in einer Großstadt selten zu sehen bekommt.

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