Für Auto- und Radfahrer gibt es Interessenvertreter und Konzepte – und bald auch für Fußgänger.

Stuttgart - Die Fußgänger wurden bisher vernachlässigt. Autofahrer haben eine Lobby – auch oder vor allem in Stuttgart, bis heute eine Autostadt. Die nicht motorisierten Zweiräder haben aufgeholt und finden mittlerweile ebenfalls Beachtung als vollwertige Verkehrsteilnehmer. Im Sinne der Umwelt und der Sportlichkeit der Bürger bemüht sich die Stadt, für Radler attraktiver zu werden. Zwar wird Stuttgart allein wegen seiner Topografie wohl nie Deutschlands Fahrradstadt Nummer eins; dennoch können die Bedingungen für die Radfahrer mit dem Ausbau der Hauptradrouten verbessert werden.

Es hat den Anschein, als seien die Fußgänger bei all den Bemühungen um Radler und Autofahrer in Vergessenheit geraten. Dabei sind sie es, die eine Stadt beleben und auch für den örtlichen Handel bedeutsam sind. „Wir brauchen bessere Bedingungen für die Fußgänger, und das Thema Fußverkehr muss in der Politik verankert werden“, sagt Wolfgang Forderer, Leiter der städtische Abteilung für Mobilität.

Um das zu erreichen, gibt es in der Stadt ein Projekt, das in diesem Frühjahr richtig in Schwung kommen soll. Es heißt „Besser zu Fuß unterwegs in Stuttgart“. Damit zählte Stuttgart im April 2012 bei einem bundesweiten Wettbewerb zu den Siegern. Insgesamt 15 Gewinner gab es bei diesem Wettbewerb mit dem Titel „ZukunftsWerkStadt“. Ausgelobt hatte ihn das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Die Projekte befassen sich mit Themen wie Nachhaltigkeit und Bürgerbeteiligung. Für die Umsetzung haben die Stadt und die Universität Stuttgart als Projektpartner bis Juni 200 000 Euro zur Verfügung. Bereits im Oktober gab es einen Fahrrad-Aktionstag auf dem Schlossplatz. Ein zweiter folgt am 1. Juni. Bis dahin gibt es weitere Aktionen für und mit Fußgängern.

Spaziergänge durch Mitte und West

So finden im Westen, in Mitte und in Bad Cannstatt Anfang April so genannte Walking-Audits statt. Aus diesem Anlass kommt eine Expertin des Projekts „Walk 21“ aus England nach Stuttgart. Walk 21 ist eine global agierende Organisation, die sich für Fußgänger einsetzt und Städte auf der ganzen Welt das Laufen lehrt.

Die Bürger gehen bei diesen Spaziergängen mit der Expertin sowie Wolfgang Forderer und Manfred Wacker von der Uni Stuttgart einige Straßen in den Stadtbezirken ab. Wer teilnehmen darf und welche Routen gegangen werden, wird noch erarbeitet. Im Westen können die Organisatoren auf einen Streckenplan zurückgreifen, den engagierte Bürger bereits vor geraumer Zeit erstellt hatten.

Fest steht, dass auf der Strecke Abschnitte sein sollen, die Hindernisse oder Stolperfallen bergen. Es wird aber auch bequem zu gehende Etappen geben. Maximal 20 Teilnehmer soll es geben, damit noch eine Diskussion möglich ist. Die Erfahrungen des Spaziergangs, Kritik, Anregungen und Vorschläge werden zum Abschluss in einem Katalog zusammengefasst.

Die Bedingungen für Fußgänger sollen besser werden

Das Projekt klingt zwar nach einer einmaligen Aktion, es ist aber keine. „Das ist keine Eintagsfliege“, sagt Forderer. Vielmehr soll damit ein Samen gesetzt werden, auf den aufgebaut werden kann. Die drei Spaziergänge will Forderer als Startschuss für ein langfristig angelegtes Vorhaben verstanden wissen. „Wir müssen dauerhaft ein Fußgängerforum in der Stadt etablieren“, sagt der Abteilungsleiter Mobilität. Und dafür reichen Aktionstage und Walking-Audits nicht aus. „Wir erstellen eine Datengrundlage, die Aufschluss darüber gibt, wie und wo sich die Stuttgarter bewegen und wo und wie lange sie verweilen“, sagt Wolfgang Forderer.

Dafür ist die wissenschaftliche Hilfe der Universität notwendig. „Wir werden per Infrarot die Fußgänger zählen“, sagt Manfred Wacker vom Institut für Straßen- und Verkehrswesen an der Uni Stuttgart. Sobald es etwas milder ist, beginnen die Zählungen in der Königstraße über einen längeren Zeitraum. An anderen Orten geschieht dies punktuell über eine Woche lang. Bereits abgeschlossen ist eine telefonische Befragung bei 600 Haushalten. Die Daten werden in England ausgewertet, dem Hauptsitz von Walk 21. Am 12. und 13. April findet im Rathaus die ZukunftsWerkStadt statt. Per Zufallsgenerator werden Bürger angeschrieben und eingeladen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Später soll der Gemeinderat nach den Worten von Forderer einen Grundsatzbeschluss über die Leitlinien zum Fußverkehr fassen. Außerdem müsse dafür Geld im nächsten Haushalt bereitgestellt werden. „Wenn wir es schaffen, Hauptrouten festzulegen, brauchen wir auch Geld, um diese nach bestimmten Qualitätskriterien aufzuwerten“, sagt Forderer.