Bestattungen ohne Angehörige in Stuttgart Das Chörle wird kaum noch gerufen

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Die Mitglieder des Chörle singen für Menschen, um die sonst keiner trauert. Besser gesagt: sie würden gerne wieder singen. Seit Juli 2018 ist der besondere Chor nicht mehr kontaktiert worden.

Der letzte Auftritt des Chörle hatte einen freudigen Anlass: die Verleihung des Bürgerpreises. Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Der letzte Auftritt des Chörle hatte einen freudigen Anlass: die Verleihung des Bürgerpreises. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Stuttgart - Das Chörle ist ein besonderer, ein in Stuttgart einzigartiger Chor. Die Sängerinnen und Sänger wollen Menschen, die einsam gestorben sind, einen würdevollen Abschied bereiten. Ist der Verstorbene in der Kirche gewesen, hat er ein Anrecht auf eine Trauerfeier. Es gab Zeiten, erinnert sich die Chorleiterin Sabine Ostmann, da habe sie fast täglich ihre E-Mails rausgeschickt, weil das Chörle so oft gerufen worden ist, um bei der Bestattung zu singen. Das ist vorbei. Das letzte Mal, dass sie für einen Verstorbenen gesungen haben, ist mehr als ein halbes Jahr her. Seit Juli 2018 sind die Sängerinnen und Sänger nicht mehr kontaktiert worden. Gerade erst sind sie aber für ihr herausragendes Engagement von der Bürgerstiftung mit dem Bürgerpreis ausgezeichnet worden. In ihrer Verzweiflung hat Ostmann, die den Chor im Juni 2010 gegründet hat, bei der Verleihung das Problem öffentlich gemacht.

„Es gibt einige von uns, die sagen, viel lieber als der Preis wäre uns, dass wir wieder gerufen werden“, sagt auch der Chorsprecher Manfred Scherer. Für sie sei schwer nachvollziehbar, woran es hakt, meint der Katholik aus Bad Cannstatt, der anzweifelt, dass seit Sommer vergangenen Jahres in Stuttgart keine alleinstehenden Menschen gestorben sind, die einer Konfession angehörten. „Wenn jemand Christ ist, hat er Anspruch auf ein christliches Begräbnis“, appelliert er auch an die Kirchen, sich des Themas anzunehmen. Scherer hat sich immer notiert, wenn er selbst bei einer Bestattung dabei war: 2014, 2015 und 2016 war dies immer zwischen 20- und 22-mal der Fall – 2017 dann nur noch sieben-, 2018 sechsmal. Davon seien fünf Trauerfeiern im Juli gewesen.

Nach „längeren Ermittlungszeiten“ finden sich oft Angehörige

Geändert habe sich auch, dass sie inzwischen nicht mehr vor einem Sarg stünden. Die Stadt hat umgestellt auf Urnenbestattungen und begründet das auf Anfrage damit, dass es „massive Beschwerden“ gegeben habe seitens von Angehörigen, wenn diese doch noch ermittelt werden konnten. „Damit konnte sichergestellt werden, dass die noch im Nachhinein gefundenen Angehörigen über die Bestattungsform entscheiden können“, erklärt eine Sprecherin nach Rücksprache mit dem Bestattungsdienst und dem Ordnungsamt. In der Regel hätten sich „nach längeren Ermittlungszeiten doch Angehörige“ finden lassen. Diese wünschten in der Regel keine Trauerfeier, was dazu geführt habe, dass „dem Chörle leider keine entsprechenden Trauerfeiern mehr gemeldet werden“ konnten.

Die Zahl der angeordneten Bestattungen ist 2018 (394 Anordnungen) laut Stadt fast genauso hoch wie 2017 (391 Anordnungen) gewesen. Ökumenische Sammeltrauerfeiern gibt es in Stuttgart bisher nicht. Und sie sollen auch nicht kommen. Diese seien am Runden Tisch Friedhof, dem auch Kirchenvertreter angehören, abgelehnt worden.

Bis zur angeordneten Bestattung vergehen oft fünf Monate

Die Mitglieder des Chörle finden die Erklärung der Stadt dünn, warum sie nicht mehr gerufen werden. Sie können sich weiterhin nicht vorstellen, dass seit Juli durchweg Angehörige ermittelt werden konnten, wenn Alleinstehende gestorben sind. Manfred Scherer stört sich zudem an den „längeren Ermittlungszeiten“, die die Stadt angibt. Aufgefallen seien ihnen diese bereits. Bei den Fällen, wo sie kontaktiert wurden, hätten zuletzt zwischen Sterbedatum und Bestattung oft vier oder fünf Monate gelegen. Er findet das „ungehörig“ und wirft der Stadt „eine Entsorgungsmentalität“ vor, sie entferne sich von der christlichen Mentalität des Abendlandes. Es gehe offenbar nur noch darum, keine Steuergelder zu verschwenden. Der Chorsprecher wünscht sich „ein würdiges Verabschieden von Menschen“ – und das zeitnah nach dem Tod. Das könne sich eine Stadt wie Stuttgart auch problemlos leisten, meint er.

Bei der Stadt versichert man, dem Chörle positiv gegenüberzustehen. Man sei „für Gespräche mit dem Chörle offen“, so die Sprecherin und „gerne bereit, nach geeigneten Möglichkeiten zu suchen, wie die tolle ehrenamtliche Arbeit unter anderen Umständen fortgesetzt werden kann“.

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