Und was passiert mit der Zimmerdecke? Was soll da schon passieren, werden sich jetzt alle fragen, die ihre Wohnung neu einrichten, ob mit oder ohne professionelle Unterstützung. Eine Decke ist nun mal eine Decke, meist eine weiße oder möglichst helle Fläche mit einem Loch für Stromkabel für eine Hängeleuchte oder mehreren Aussparungen, in denen Lichtstrahler platziert sind. Stuck oder Holz über dem Kopf? Findet man höchstens noch in Gründerzeitwohnungen oder in der alpinen Architektur, aber nicht in einer Frankfurter oder Stuttgarter Neubauwohnung.
Um so eindrücklicher ist daher das für seine Extravaganz prämierte Einrichtungsprojekt „Apartment Phoenix“ des Berliner Architekten Fabian Freytag. In einem Zwanzigerjahre-Bau am Ludwigkirchplatz im Stadtteil Charlottenburg empfängt die Bewohner und Besucher eine Art Zeltdach: in einem Salbeiton aufgemalte dreieckige Streben verjüngen sich sternförmig zur Deckenmitte hin.
Der Trompe-l’œil-Effekt? Der Raum wirkt höher, breiter und länger. Selbstbewusste Formgebung, starke Kontrastierung, hochwertige Materialien mit einer gewissen Neigung zu Opulenz und Verschwendung, dafür stehen die 20er Jahre, ein Jahrzehnt, das auf die Architektur und das Design eine befreiende Wirkung hatte.
Fabian Freytag zitiert in dieser frisch gestalteten Berliner Wohnung diesen dynamischen Geist, der uns heutzutage oft fehlt. Die Gestaltung unserer Wohnräume orientiert sich nicht selten am Ideal des asketischen Rückzugs, der puristischen Engführung von Leben und Arbeiten. Und daher wundert es auch nicht, dass Freytags Gegenentwurf zum omnipräsenten „Weniger ist mehr“ in Design und Innenarchitektur nun mit dem renommierten Preis „Best of Interior 2023“ ausgezeichnet worden ist.
Einer der wichtigsten Awards
Die Auszeichnung gilt als einer der wichtigsten Wohndesign-Awards der Welt, der angesehenste Deutschlands ist er ohnehin, und er wird vom Callwey Verlag ausgelobt; beteiligt sind unter anderem auch der Bund Deutscher Innenarchitekten und die Zeitschrift „Schöner Wohnen“. Aus zahlreichen Einreichungen hat eine Fachjury 50 Beiträge ausgewählt, die nun auch in einem Band vorgestellt werden – der Callwey Verlag versteht ihn als ein „Jahrbuch zum Thema Wohnen“, das „die schönsten Wohn-Konzepte und Gestaltungsideen“ versammle und einen „Überblick über die Wohntrends des Jahres“ biete.
Tatsächlich lassen die versammelten beispielhaften Konzepte den Schluss zu, dass das Interior Design hierzulande einen neuen Weg einschlägt: weg vom Ideal einer protestantisch angehauchten Kartausenästhetik hin zu einem sehr hochwertigen, mit natürlichen Materialien und Farben ausgestatteten Wohlfühlrefugium. Wer es zurückhaltend mag, wird ebenfalls fündig: Es herrscht ein dezenter Minimalismus – Eierschalenfarbe statt gleißendem Weiß, warme Holztöne, viel Grau, Petroltöne, tiefes Schwarz.
Mut zu Rosa
Ein weiterer Trend: der Mut zum Materialmix. Gefragt sind natürlich anmutende Nuancierungen, Stoffe und Oberflächen – Rattan, Holz, Filz –, kombiniert mit Materialien wie Eisen, Marmor, Glas, Blech oder matt glänzendem Messing. Und immer häufiger zu sehen: Chromsilber, Goldtöne.
Apropos Weiß: Die Interior-Designerin Constanze Ladner, die beim „Best of Interior 2023“-Award eine besondere Anerkennung für die Gestaltung eines Hauses in Mainz erhalten hat, wagt sich an eine Küche in Rosafarben, einen Salon in Gelb. In einem Land, in dem die meisten Küchen weiterhin in klinischem Weiß erstrahlen, kommt die rosa Attacke einer wahren Provokation gleich.
Die meisten Anerkennungen gehen übrigens neben dem Hauptpreis nach Berlin und München, in diesen beiden Städten verwirklichen sich offenbar die meisten innovativen Designerinnen und Designer, Innenarchitektinnen und Innenarchitekten. Immerhin: Stuttgart ist auch mit von der Partie.
Felix Becker und Astrid Kirchner von Studio 211 haben eine Dachgeschosswohnung in Wiesbaden zu neuer Pracht verholfen. Das Haus stammt aus dem Jahr 1848, und das Mansardengeschoss bestand vor allem aus vielen Wänden und Türen im Fachwerk. Was die Stuttgarter dann daraus gemacht haben, ist absolut sehenswert. Viel Luft und Helligkeit wurde hereingelassen, das Raumgefühl ist ein ganz anderes als zuvor.
Der Innenarchitekt Alexander Fehre wiederum hat für eine junge Familie auf der Stuttgarter Gänsheide eine Villa aus Jahr 1911 umgebaut und eingerichtet. Das Ergebnis ist im besten Sinne cosy, sinnlich und dennoch auf die Bedürfnisse der kleinen und großen Bewohner ausgerichtet.
Der Clou: die Raumfolge im Haus wurde so gestaltet, dass es kein Wohnzimmer mehr gibt. Dafür eine Rutsche und eine Lounge für die Kinder. Und trotzdem ist das keine Villa Kunterbunt, sondern ein sehr wohnliches Zuhause, transparent und humorvoll. Geht doch!
Das Buch
Best of Interior 2023
Eva Brenner und Ute Laatz, 448 Seiten, 350 Fotos und Zeichnungen, Callwey Verlag, 59,95 Euro.