Bestseller-Autor Ken Follett „Bösewichter sind leicht zu erschaffen“

  Foto: Olivier Favre

Ein Gespräch mit Ken Follett („Die Säulen der Erde“) über Geschichte und Gegenwart, die Emanzipation und darüber, was der Glaube an die Aufklärung mit Glücksspiel zu tun hat

Der Autor des vielleicht berühmtesten Mittelalter-Romans der Welt lebt in einem Landhaus, das aus einem Agatha-Christie-Krimi stammen könnte: schmale Gänge, dicke Teppiche, viele Zimmer. Hier empfängt er distinguiert, aber sehr höflich, die Gäste zum Interview. Folletts Wohnort Stevenage, rund 40 Kilometer nördlich von London, war übrigens im Mittelalter ein Kaff. Erst durch das New-Towns-Städtebauprojekt der Labour-Regierungen in den 1950er Jahren wuchs der Ort auf heute knapp 90 000 Einwohner.

 

Sie kennen vermutlich den deutschen Schriftsteller Lion Feuchtwanger. Seiner Ansicht nach sollten historische Romane die Gegenwart widerspiegeln. Inwiefern spiegeln Ihre Romane aktuelle politische Umstände?

Das ist zumindest nicht meine Absicht, weil meine Romane meistens nicht von der Gegenwart handeln. Natürlich habe ich als Bürger meine Überzeugungen – etwa als Unterstützer der Labour-Partei – aber gerade deshalb kommentiere ich in meinen Büchern keine aktuelle Politik. Wenn die Leser den Verdacht bekommen, ich böte ihnen nur Propaganda, würden sie mich nicht mehr lesen. Wenn ich über etwas schreibe, das mit Politik zu tun hat, muss ich übrigens den Konservativen ihre besten Argumente geben. Würde ich das nicht tun, hieße es sofort, ich sei voreingenommen.

Am Ende setzen sich in Ihren Büchern die Guten durch. Ihre Romane durchstrahlt so etwas wie das Licht der Aufklärung, das in allen historischen Epochen scheint. Sogar, wie in Ihrem jüngsten Roman, im Neolithikum. Handelt es sich um eine Ihrer Grundüberzeugungen?

Ja, ich denke schon. In der Epoche, die wir „Aufklärung“ [auf Englisch: „Enlightenment“, „Erleuchtung“] nennen, lehnten sich die Philosophen gegen jahrhundertealte Weisheiten auf. Sie sagten: Die Kirche weiß nicht die Wahrheit über alles. Die Wahrheit finden wir nicht in alten Büchern, sondern indem wir die Welt, in der wir leben, beobachten. Das ist auch mein Wert.

Wenn man sich heute in der Welt umschaut, wimmelt es von Schurken – von Trump über Putin bis Xi. Wie können Sie da so optimistisch sein, dass sich am Ende die Aufklärung durchsetzt?

Ich weiß nicht, ob sie sich am Ende durchsetzt. Wenn Sie mich um Beweise bitten, könnte ich keine liefern. Heute bin ich ehrlich gesagt weniger zuversichtlich als früher. Die meiste Zeit meines Lebens waren liberale Werte in Großbritannien weithin akzeptiert. Jetzt scheint das schwächer zu werden – verschwunden sind sie nicht. Immerhin hat kein europäisches Land derzeit einen extrem rechten Premierminister…

Orban in Ungarn.

Ach ja, außer Ungarn. Und in der Türkei haben die Menschen Erdogan gewählt. Sehr merkwürdig: Menschen stimmen dafür, unfrei zu sein. Aber ich denke, die Antwort auf Ihre Frage ist wohl: Optimismus ist eher eine Frage des Temperaments als der Logik. Bei Glücksspielen denke ich immer, dass ich gewinnen werde. Natürlich weiß ich genau, dass es Glücksspiele sind – aber so bin ich eben. Ich bin ehrlich überrascht, wenn ich verliere, und denke dann: Das hätte nicht passieren dürfen.

Ihr neuer Roman „Stonehenge“ spielt in der Steinzeit. Manche sagen, sie sei die „glücklichste Zeit der Menschheit“ gewesen. Stimmen Sie dem zu?

Das ist eine romantische Fantasie. Manche meinen, Jäger und Sammler hätten frei gelebt, keine Gewalt gekannt, keinen Krieg. Aber wir wissen aufgrund von Skeletten mit eingeschlagenen Schädeln: Es gab Gewalt.

Aber auch freie Liebe…

Anthropologen haben heutige Jäger-Sammler-Völker untersucht. Einer berechnete dabei, dass jeder Erwachsene im Schnitt vier Liebhaber gleichzeitig hat. Das klingt für viele nach einer idyllischen, freien Welt. In Shakespeares „Wie es euch gefällt“ ziehen sich einige Adelige in den Wald zurück und leben wie Bauern. Wohl weil sie denken, es wäre großartig, ein einfaches Leben zu führen – ohne Intrigen am Hof, ohne Geld, ohne ständiges Gerangel um Rang und Stand. Im Englisch nennt man das eine „pastorale Fantasie“, ein Hirtenidyll. Ob man glauben möchte, dass ein solches Leben wirklich so schön ist, bleibt jedem selbst überlassen. Aber würde ich so leben wollen? Ich würde es hassen. Ich hänge zu sehr an Dingen wie bequemen Stühlen, schöner Kleidung, Champagner.

Ihre stärkste Figur in „Stonehenge“ ist Joia, eine Frau und Priesterin. Sie ist quasi die Patin des Monuments und denkt emanzipiert. Ist das realistisch oder eher eine moderne Aussage?

Es hat immer starke Frauen gegeben. Im Mittelalter schrieben Mönche und Priester zwar, Frauen seien minderwertig, müssten Männern dienen und könnten keine wichtigen Aufgaben übernehmen. Aber gleichzeitig finden wir Königinnen, die Länder regierten. Wir finden Äbtissinnen, die große Klöster mit riesigem Landbesitz, tausenden Schafen und viel Geld leiteten – sehr mächtige Frauen also. Frauen war es im Mittelalter eigentlich verboten, in Städten eigene Geschäfte zu führen. Aber es gibt viele Belege dafür, dass sie es trotzdem taten. Oft, weil sie zuvor mit ihrem Mann ein Geschäft geführt hatten und es nach dessen Tod weiterführten. Deshalb gibt es viele Familiennamen, die weibliche Berufsbezeichnungen sind: „Baxter“ ist die weibliche Form von „Baker“ (Bäckerin), „Webster“ die von „Weaver“ (Weberin). Diese Namen tragen viele Menschen heute noch – ein klarer Hinweis, dass Frauen diese Rollen ausgeübt haben.

Aber Sie haben einen modernen Blick auf die Rolle der Frau.

Natürlich sind meine Einstellungen die eines modernen Menschen. Ich war in den 1960er-Jahren Student in London, zur Zeit der zweiten Welle des Feminismus. Ich erinnere mich, wie eine Kommilitonin einmal sagte: „Wenn wir alle gleich sind, warum machen dann immer die Mädchen den Tee?“ – und das war damals absolut wahr. Männer machten nie Tee.

Das wurde vielfach gar nicht hinterfragt.

Mein Vater zum Beispiel hat den Feminismus nie akzeptiert. Meine Mutter hatte nie ein eigenes Bankkonto, sie durfte keine Hosen tragen, sie lernte nie Autofahren. Mein Vater war kein schlechter Mensch, er war ein netter Mann – aber er war überzeugt, das sei die „richtige“ Rolle der Frau, von der Bibel so vorgeschrieben. Diese Erfahrungen prägen natürlich meinen Blick auf Geschichte. Wenn ich über vergangene Zeiten schreibe, bin ich für diese Fragen sensibilisiert. Ich setze nicht absichtlich eine Diskussion über Frauenrechte in eine Steinzeitgeschichte hinein. Aber weil das Thema in meinem Leben wichtig war, interessiert es mich, ob und wie es damals schon Konflikte um die Rolle der Frau gab – und ich schreibe dann darüber.

Kritiker könnten einwenden, dass viele Ihrer historischen Figuren sehr modern denken und handeln.

Menschen aller Epochen sorgen sich im Grunde um dieselben Dinge: um Gewalt und Kriminalität, um Geld – auch wenn es in der Steinzeit kein Geld gab, ging es doch darum, wie man seine Kinder satt bekommt –, und sie interessieren sich für Sexualität, Ehe und Partnerschaft. Wenn eine Geschichte von diesen sehr grundlegenden Themen handelt, dann finden sich darin automatisch Parallelen zur Gegenwart.

Und eben immer Bösewichter…

Oh ja. Die Figur, auf die mich meine Leser am häufigsten ansprechen, ist William Hamleigh aus „Die Säulen der Erde“. Er ist von Anfang bis Ende durch und durch verdorben, ohne eine einzige gute Eigenschaft. Und genau dadurch ist er ein extrem erfolgreicher Schurke geworden. Bösewichte sind leicht zu erschaffen, Helden sind viel schwieriger

Zur Person

Ken Follett
 ist einer der erfolgreichsten Unterhaltungsschriftsteller der Welt. Geboren 1949 in Cardiff begann er nach dem Studium der Philosophie am University College in London als Reporter für seine Heimatzeitung „South Wales Echo“ zu arbeiten und wechselte dann zu den „London Evening News“. „Die Säulen der Erde“ (1989) ist sein erfolgreichstes Buch. Die Zeit als Journalist prägt bis heute Folletts Arbeit: akribisch recherchierte historische Romane. Vor wenigen Tagen erschien sein neuer Roman „Stonehenge. Die Kathedrale der Zeit“ (Lübbe, 672 Seiten, 36 Euro).

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