Bestseller-Autor Klaus Wanninger Der Erfinder des Schwaben-Krimis
Mit mehr als 750 000 verkauften Taschenbüchern ist Klaus Wanninger der Auflagenkönig im Genre „Schwaben-Krimi“. Ein Hausbesuch bei dem 72-jährigen Bestseller in Backnang-Maubach.
Mit mehr als 750 000 verkauften Taschenbüchern ist Klaus Wanninger der Auflagenkönig im Genre „Schwaben-Krimi“. Ein Hausbesuch bei dem 72-jährigen Bestseller in Backnang-Maubach.
Klaus Wanninger sitzt neben seiner imposanten Bücherwand und erzählt, dass er ausschließlich Gedrucktes lese. Denn im Internet, sagt der 72-Jährige, „findet sich nur Stammtisch-Geschwätz“. So kriegt er aber auch nicht mit, wenn der Amazon-Rezensent „Krimisüchtigst“ schwärmt: „Wanninger-Krimis sind einfach nur gut. Wanninger schreibt spannend und realitätsnah, er greift aktuelle Themen auf und baut sie in seine Krimis ein.“
Begonnen hat Klaus Wanninger seine Schwabenkrimi-Reihe vor einem Vierteljahrhundert. Damals war er hauptberuflich Lehrer für evangelische Religion und Geologie am Backnanger Gymnasium in der Taus. In „Schwaben-Rache“, so der Titel des ersten Bands, wird der Vorsitzende eines großen Autoclubs überfallen und eine qualvolle Nacht lang in einer Nische des Stuttgarter Wagenburgtunnels festgehalten. Was zunächst wie ein Terrorakt von radikalen Umweltschützen aussieht, entpuppt sich im Laufe der Ermittlungen als unappetitliche Privatfehde in besseren Kreisen.
Schnäpperlesjockel: ein männliches Wesen, das sich von seinem kleinsten, dennoch nicht immer unauffälligsten Körperglied getrieben fühlt, Frauen hinterherzurennen. Ein gravierendes Problem vieler vor allem älterer Schwaben. (aus: „Schwaben-Rache“, 2000)
Auch als Schriftsteller verfolgt der Studienrat Wanninger einen pädagogischen Anspruch. „Ich will nicht nur unterhalten, sondern auch geschichtliche Zusammenhänge erläutern, auf Missstände aufmerksam machen und Werte vermitteln“, sagt er.
Typisch für Wanninger-Krimis sind Tatorte, deren Historie in seitenlangen Exkursen geschildert werden. Wer seine Bücher liest, weiß am Ende nicht nur, wer der Mörder ist, sondern auch, wie die Grabkapelle auf dem Württemberg entstanden ist, was es mit der Festung Hohenasperg auf sich hat oder welches Adelsgeschlecht auf Schloss Lichtenstein herrschte. Die Verbrechen, die er an diesen Schauplätzen ansiedelt, dienen ihm als Mittel zur Erforschung der dunklen Seiten des Menschen: Wie entsteht Gier? Wohin führt das maßlose Streben nach Besitz?
Jahrzehntelang wurden die neoliberalen Prinzipien gepredigt, dass nur der zählt, der sich rechnet, der kurzfristig Profite erzielt: Jetzt ist die Saat aufgegangen, und die Raubtiere in Menschengestalt, die diese menschenverachtende Ideologie am skrupellosesten realisieren, sitzen zahlreicher denn je in den Führungspositionen. (aus: „Schwaben-Fest“, 2017)
Dass Klaus Wanninger für seine Gesellschaftskritik ausgerechnet das Genre des regionalen Kriminalromans gewählt hat, erklärt er pragmatisch: Er wolle „die ganz normalen Leute“ erreichen „und nicht nur jene, die ohnehin meiner politischen Meinung sind“. In seinen Büchern tragen die – eher konservativen Durchschnittsschwaben – oft Nachnamen mit der Endung „-le“. Und nicht selten schwätzen Häfele, Heimerle oder Rössle in breitem Dialekt.
„Hondsliadriche Hennedreckschwätzer. Ufblosene Bachstelzaärsch. Osere Nachbarn rollet dene rote Teppiche aus. Mir net. Mir lebet eher nach der Devise: Em Scheißhaus kommt bei älle dasselbe raus.“ (aus: Schwaben-Donnerwetter, 2020)
Mit seiner Belletristik schafft er es zwar nicht in die großen Feuilletons, aber der „Reutlinger Generalanzeiger“ ist begeistert: „Wanninger schreibt treffend und spannend!“ Seine Auftritte bei den Maubacher Landfrauen, im Fellbacher Rathaus oder in der Stadtbibliothek Weinstadt sind gut besucht. Manche seiner (überwiegend weiblichen) Fans folgen ihm von Lesung zu Lesung. Das schönste Kompliment, erzählt Wanninger, sei für ihn, wenn ihm jemand verrate: „Eigentlich lese ich gar keine Bücher. Aber Ihre Romane habe ich verschlungen.“
Daheim wird er wieder geerdet. Olivera, mit der er seit 31 Jahren verheiratet ist, liebt zwar die Klassiker von Agatha Christie, die Commissario-Montalbano-Reihe von Andrea Camilleri oder die Thriller von Stieg Larsson, tut sich aber mit Wanninger-Krimis schwer. Wenn sie in einem neuen Werk ihres Mannes auf eine Textstelle stößt, die sich mit dem Klimawandel auseinandersetzt, verdreht sie die Augen und fragt: „Musste das Thema denn wirklich schon wieder sein?“
Wobei mir inzwischen klar ist, dass der Verwandtschaftsgrad zwischen Menschen und Tieren wesentlich enger ist, als wir das gemeinhin glauben. Mit dem gravierenden Unterschied allerdings, dass keine einzige Tiergemeinschaft jemals das Leben aller Existenzen auf dieser Erde in Gefahr brachte. Wohl aber wir Menschen mit – wie es aussieht – wahrscheinlich sehr großem Erfolg. (aus: „Schwaben-Prinzessin“, 2024)
Klaus Wanninger lässt sich nicht beirren, nicht von seiner Ehefrau und auch nicht von all den Nörglern, denen seine Prosa zu linksgrün-moralinsauer erscheint. „Ich habe meine Linie, und die ziehe ich durch“, sagt er.
Der Erfolg gibt ihm recht. Mehr als 750 000 verkaufte Taschenbücher in der Marktnische „deutschsprachiger Regionalkrimi“ krönen Wanninger zu einem Auflagenkönig – trotz der über die Jahre gewachsenen Konkurrenz. Mittlerweile hat ja fast jedes Kuhkaff eine eigene Krimireihe. Selbst durch abgelegene ostfriesische Dörfer, Schwarzwaldtäler oder rheinische Kleinstädte geistert irgendein fiktiver Kommissar.
Anfangs war das Schreiben – „diese stille Arbeit im Elfenbeinturm“, wie er sagt – für Wanninger vor allem ein Ausgleich zum nervenzehrenden Berufsalltag am Gymnasium. Bei Klassen mit 34 Schülern konnte er seinem Anspruch, jedem gerecht zu werden, kaum entsprechen: „Manchmal bin ich an meine psychischen Grenzen gekommen.“ Sein Deputat hat er schrittweise reduziert, um mehr Muße für seine Bücher zu haben. „Christsein bedeutet ja nicht nur, für andere da zu sein, sondern auch, für das eigene Wohlergehen zu sorgen“, sagt er.
Ursprünglich ist der Schwabenkrimi-Autor Klaus Wanninger ein Badener. Am 1. März 1953 kommt er in Karlsruhe zur Welt. Schon als Gymnasiast tippt er Abenteuerromane auf einer mechanischen Schreibmaschine, liest die bis zu 800 Seiten starken Manuskripte seinen vier Schwestern vor. Während Mitschüler von einer Karriere als Fußballprofi oder Rockstar träumen, will er Schriftsteller werden. Nach dem Abitur erweist sich sein protestantischer Realitätssinn dann aber als zu ausgeprägt, um sich tatsächlich auf den ungewissen Weg in eine Künstlerexistenz zu wagen. Stattdessen entscheidet sich Klaus Wanninger für ein Lehramtsstudium in Heidelberg.
Zum Referendariat beordert ihn das Oberschulamt an ein Backnanger Gymnasium. Die Suche nach einer günstigen Bleibe führt ihn ins nahe gelegene Dorf Maubach. Klaus Wanninger läuft von Haus zu Haus, klopft an den Türen und fragt nach einem Zimmer. Schließlich steht er vor einem Hof, der von zwei alten Frauen bewirtschaftet wird. Die Bäuerinnen wollen wissen, was er als Referendar unterrichte. Die Selbstauskunft „Evangelische Religion“ genügt, um in ihre heimelige Wohngemeinschaft aufgenommen zu werden.
Sieben Jahre lebt Klaus Wanninger mit den beiden Bäuerinnen unter einem Dach. Ihn fasziniert, wie sie sich auf dem Hof weitgehend selbst versorgen, wie genügsam sie haushalten, ohne jemals auf den Gedanken zu kommen, öffentliche Zuschüsse für ihre kleine Landwirtschaft zu beantragen. 1986 verarbeitet Wanninger diese Erfahrungen in dem heiteren Roman „Ottilie und Hermine“ – sein erster literarischer Erfolg.
Der Zufall hat ihn in eine Region geführt, die seinem Wesen entspricht. Klaus Wanninger schätzt die schwäbische Mentalität, „das Nachdenkliche, Grüblerische“, das ihm selbst zu eigen ist. Wenn man sich mit ihm ein paar Stunden unterhält, gibt es wenig zu belachen, aber einiges zu beklagen: die skrupellosen Machtmänner Donald Trump und Wladimir Putin, die psychischen Probleme von Jugendlichen, den Niedergang der Tageszeitungen – et cetera. Eine charakteristische Wanninger-Einlassung klingt so: „Jeder Mensch sollte sich für seine Mitmenschen und die Natur verantwortlich fühlen. Doch der Zeitgeist entwickelt sich gerade leider in die entgegengesetzte Richtung.“
In seinen Büchern finden sich Seelenverwandte. „Schwaben-Sehnsucht“, der kürzlich erschienene Band 25 der Krimi-Reihe, ist aus der Sicht eines Landarztes erzählt. Wenn Dr. Mathis Halm eine zunehmende Verrohung der Gesellschaft diagnostiziert, spricht er seinem Schöpfer Klaus Wanninger unverkennbar aus dem Herzen. Und wenn sich der LKA-Ermittler Steffen Braig über die gigantische Baustelle in seiner Heimatstadt echauffiert, steckt auch hierin eine originäre Wanninger-Erfahrung.
Der Irrsinn um Stuttgart 21. Alle Gleise oben abzureißen und den Bahnanschluss einer ganzen Region mit Milliardenaufwand von einer Autobahn in einen holprigen Feldweg zu verwandeln, um der eigenen Klientel riesige Profite zu verschaffen. Dafür gibt es keine Entschuldigung. (aus: „Schwaben-Sehnsucht“, 2025)
Seit bald einem halben Jahrhundert lebt Klaus Wanninger in Maubach. Als er als Referendar hierherkam, hatte der Ort 400 Einwohner, heute sind es fast 4000. Es gibt noch immer keinen Laden, aber fünf Gehminuten von Wanningers Reihenhaus entfernt liegt eine S-Bahn-Haltestelle – sein Sprungbrett in die Ferne. Neben seinen Romanen hat er einige Bahnreiseführer verfasst. Wanninger liebt Personenzüge, „diese sozialen Verkehrsmittel“, im Gegensatz zu Autos, „in denen jeder für sich alleine sitzt und so die Isolierung in unserer Gesellschaft weiter vorantreibt“. Die Tantiemen, die er für seine Bücher erhält, spendet er an die Deutsche Umwelthilfe, den Verkehrsclub Deutschland und den Fahrgastverband Pro Bahn. Klaus Wanninger hat nie ein Auto besessen. Männer, die einen SUV fahren, sind in seinen Krimis generell verdächtig.
Seit 2016 ist er offiziell Pensionär. Doch anstatt nach 36 Dienstjahren als Gymnasiallehrer die Seele baumeln zu lassen, sitzt Klaus Wanninger täglich sechs bis sieben Stunden in seinem Arbeitszimmer und schreibt. Warum denkt er sich noch immer Mordgeschichten aus? „Meine Kommissare sind noch lange nicht auserzählt.“
Als Wanninger zum Millennium die Krimi-Reihe beginnt, ist sein Hauptcharakter Steffen Braig ein lediger Polizeibeamter, geprägt von einer alleinerziehenden Mutter, der es schwerfällt, ihren erwachsenen Sohn loszulassen. In „Schwaben-Hass“ (2001) begegnet ihm die große Liebe, in Schwaben-Sommer (2012) kommt Tochter Ann-Sophie zur Welt. In „Schwaben-Zukunft“ (2023) ist die Handlung ins Jahr 2073 verlegt und Ann-Sophie Braig ermittelt selbst als Kriminalhauptkommissarin. Wanninger wagt solche dramaturgischen Kunstgriffe, „um zu vermeiden, dass ich mich wiederhole“ – auch auf die Gefahr hin, damit eingefleischte Schwabenkrimi-Fans zu verstören.
Weit über 50 Prozent seiner frei verfügbaren Zeit verbrachte der Durchschnittsbürger inzwischen in der Schein-Existenz einer der im Internet angebotenen fiktiven Welten. Die Zahl derer, denen der Umstieg in die Realität Schwierigkeiten bereitet, wuchs unaufhaltsam. Ann-Sophie Braig war beruflich oft genug mit den daraus resultierenden Problemen konfrontiert, etwa wenn es eine Person gewohnt war, ihre Interessen mit rücksichtsloser Gewalt in der jeweiligen Meta-Welt durchzusetzen und dieses aggressive Verhalten ohne jede Einschränkung in der Realität fortsetzte. (aus: „Schwaben-Zukunft“, 2022)
Solange er gesund ist und ihn sein Verlag drängt, einen weiteren Schwaben-Krimi zu verfassen, verfolgt Wanninger seine Mission weiter. Band 26 wird, so Gott will, im kommenden Jahr zur Frankfurter Buchmesse erscheinen, die der Autor wie immer schwänzen wird, weil ihm dort „zu viel Trubel“ ist.
Vor der Terrassentür sitzt Molly und miaut. Der Hausherr lässt seine Katze in die warme Stube und nimmt sie auf den Schoß: „Die braucht nun ihre Streicheleinheiten.“ Und mag die Welt da draußen noch so sehr im Argen liegen – in Klaus Wanningers Reihenhaus herrscht in diesem Moment vollkommener Frieden.
Buch Klaus Wanninger: „Schwaben-Sehnsucht“. KBV-Verlag, 320 Seiten, 15,00 Euro.