Bestsellerkolumne von Markus Reiter Ab sofort wird selbst gedacht

Albrecht Müllers Ratgeber steht auf der Spiegel-Bestsellerliste Foto: Verlag

Unser Kolumnist arbeitet für Mainstream-Medien, nutzt aber auch den eigenen Verstand.

Stuttgart - Mein Deutschlehrer in der Oberstufe war trotz seiner gelegentlich autoritären Lehrmethoden ein engagierter Vertreter der Aufklärung. Er zwang uns Schüler, den ersten Absatz von Kants Aufsatz „Was ist Aufklärung?“ von 1784 auswendig zu lernen. Dafür bin ich ihm dankbar, denn ich kann damit bis heute mächtig Eindruck schinden. Aufklärung, schreibt Kant, sei der „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“. Daher: „Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“.

 

Also Schluss mit Faulheit und Feigheit, die mich an die Unmündigkeit fesseln. Ab sofort wird selbst gedacht. Da kommt mir das Bestsellerbändchen „Glaube wenig. Hinterfrage alles. Denke selbst“ von Albrecht Müller (Spiegel-Sachbuchbestseller Paperback Platz 4, Westend, 144 Seiten, 14 Euro) gerade recht. Müller war ein paar Jahre Bundestagsabgeordneter der SPD und davor Wahlkampfmanager von Willy Brandt. Heute betreibt der 81-Jährige den Blog „Nachdenkseiten“. Schon auf Seite zwei der Einführung stoße ich auf einen ach so wahren Satz. Man treffe, so Müller, ständig Menschen, bei denen einem in den Sinn komme: „O Gott, was sind die vollgepackt mit Vorurteilen und Denkfehlern.“ Dabei ist glasklar, dass man, sobald man frei von äußeren Einflüssen (wie immer das funktionieren mag) selbstständig zu denken anfängt, unweigerlich exakt zu jenen Schlussfolgerungen kommen muss, die Albrecht Müller schon mal selbstständig vorgedacht hat. Sollte jemand zu einer abweichenden Auffassung gelangen, handelt er sich sogleich einen Rüffel des Autors ein, wie es dem von Müller eigentlich geschätzten Youtuber Rezo in einem Fall widerfährt.

17 Methoden, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen

Der Ex-Politiker sammelt in seinen Büchlein 17 Methoden, die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Sie haben sich schon zu Zeiten Willy Brandts und Rainer Barzels großer Beliebtheit erfreut. Mit derart geschärften Sinnen, stolpere ich augenreibend durch Müllers Buch. Der Autor setzt seine Tricks nämlich gleich um. Zum Beispiel die Methode „Geschichte verkürzt erzählen“: In der westlichen Debatte werde der saudische Kronprinz nie als Schlächter kritisiert, klagt er. Ernsthaft? Was ist mit der überparteilichen Resolution des US-Senats und Repräsentantenhauses vom Dezember 2018, die ihn für den Mord an dem Journalisten Kashoggi verantwortlich macht? Oder: Der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro werde anders als der syrische Präsident Assad nie als Diktator etikettiert. Einmal abgesehen davon, dass Bolsonaro im Gegensatz zu Assad (bedauerlicherweise) demokratisch gewählt wurde, wird sich kaum eine wohlwollende Einschätzung über ihn in den deutschen „Mainstream-Medien“ finden. Oder die Methode „Maßlos übertreiben – es wird schon etwas hängen bleiben“: Da setzt Müller ohne weiteren Beleg in die Welt, Präsident Macron sei „offenbar ausgesucht und gesteuert“. Während Präsident Putin „eher ein Glücksfall“ für Russland sei. So sähen das jedenfalls „Kenner der russischen Szene“ (Methode: anonyme Experten ins Feld führen). Kurzum: Nach der Lektüre wird klar, dass jeder, der nicht Albrecht Müllers Meinung teilt, manipuliert oder gekauft wurde.

Die beiden „Wirtschaftsexperten“ Marc Friedrich und Matthias Weik kennen die Müllerschen Tricks natürlich auch. Nach einigen Bestsellern mit apokalyptischen Wirtschaftsprognosen wagen sie sich jetzt an die ganz große Vorhersage: „Der größte Crash aller Zeiten“ (Spiegel-Sachbuchbestseller Hardcover Platz 4, Eichborn, 400 Seiten, 20 Euro) komme ganz sicher 2023. Das Datum ist geschickt gewählt. Nah genug, um Angst und Schrecken zu verbreiten, aber noch lange genug hin, dass die Prophezeiung bis dahin nicht wieder vergessen gemacht werden könnte. Gleich im Vorwort versammeln die Autoren die Krisenzeichen der Gegenwart von Negativzins bis Kirchenskandale, von Stuttgart 21 bis Harvey Weinstein, von EU-Wahl (?) bis Hongkong. Ein ebenso wildes Durcheinander prägt das ganze Buch. Von keinerlei logischem Aufbau getrübt, tischen die beiden Bestsellerautoren Halbgares, Verkürztes und schief Dargestelltes mit überwältigender Selbstsicherheit auf. Das Ganze garnieren sie mit teils unerklärten, teils quellenlosen Grafiken in so schlechter Auflösung, dass man die Achsenbeschriftung kaum lesen kann. Eine zeigt sogar die angeblichen Kreditzinsen in der Kupferzeit!

Mehr Tipps gibt’s nur gegen Honorar

Um nur ein Beispiel für eine der undifferenzierten Darstellungen zu nennen, die Friedrich und Weik präsentieren: Angeblich spare wegen der dortigen Vermögenssteuer „kein Niederländer irgendetwas an“. Erstaunlich angesichts einer Sparquote von 15 Prozent in den Niederlanden und mit 140 000 Euro dem höchsten Pro-Kopf-Geldvermögen in der EU. Das Buch endet mit gefährlichen (Immobilien ohne Grundbucheintrag kaufen), kuriosen (acht Prozent des Vermögens in Whisky anlegen) und einigen immerhin sinnvollen Ratschlägen zur Vermögenssicherung (KfZ-Versicherung nur abschließen, wenn man ein Auto besitzt). Mehr Tipps gibt’s von den Autoren gegen Honorar.

Nach der Lektüre der beiden Bücher bleibt mir eine Erkenntnis, die Immanuel Kant und mein Deutschlehrer wohl unterschreiben würden: Selbst denken muss man leider immer noch selbst.

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