Bestsellerkolumne von Markus Reiter Was zuvor geschah
Wer weiß, was Du letzten Sommer getan hast? Unseren Kolumnist wundert es sehr, wie gut sich Zeugen in Krimis an uralte Mordfälle erinnern.
Wer weiß, was Du letzten Sommer getan hast? Unseren Kolumnist wundert es sehr, wie gut sich Zeugen in Krimis an uralte Mordfälle erinnern.
Stuttgart - Kürzlich saßen wir mit einer Freundin bei einem köstlichen Karamell-Käsekuchen zum Teetrinken beisammen. Wir kamen darauf zu sprechen, dass wir vor vielen Jahren während einer Chinareise an einer traditionellen Teezeremonie teilgenommen hatten. Oder war das auf der Vietnamreise? Neee, China. Oder doch Vietnam? Am Ende einigten wir uns auf China. Ganz sicher waren wir uns nicht. Kein Wunder, denn das menschliche Gedächtnis ist in etwa so zuverlässig wie die Deutsche Bahn bei Schneesturm. Fast nie stimmt, was uns haften geblieben ist, mit dem wirklichen Geschehen überein. Unser Gehirn integriert vieles in die Erinnerung, was wir erst zu einem späteren Zeitpunkt von anderen gehört, was wir gelesen, was wir uns vielleicht nur eingebildet haben. Diese bittere Wahrheit kommt einigen Krimiautoren in die Quere. In den letzten Jahren ist es nämlich Mode geworden, die Ermittler sich an sogenannten Cold Cases abarbeiten zu lassen. Das sind Fälle, die zu den Akten gelegt worden sind, weil die Tätersuche zu keinem Ergebnis geführt hatte. Im richtigen Leben werden manche der Taten hin und wieder nach Jahrzehnten aufgeklärt. Fast immer, weil die Kriminaltechnik gewaltige Fortschritte gemacht hat, vor allem bei der DNA-Analyse.
Aus Laboruntersuchungen an alten Haaren vom Tatort ergibt sich leider keine gute Krimihandlung. Lieber lassen die Autoren daher die Ermittler die Tat noch einmal so aufrollen, als sei sie gestern erst geschehen. In „Böses Blut“ („Spiegel“-Hardcover-Bestseller Bellestristik Platz 8, Blanvalet, 26 Euro), dem fünften Band der Krimiserie von Robert Galbraith (einem Pseudonym der Harry-Potter-Autorin J. K. Rowling), befragen der Privatdetektiv Cormoran Strike und seine Assistentin Robin Ellacott reihenweise Zeugen in einem über vierzig Jahre zurückliegenden Fall. Damals, 1974, verschwand eine Londoner Ärztin auf dem Nachhauseweg von ihrer Praxis. Der ermittelnde Polizist verliert halb den Verstand, bedient sich bei der Spurensuche astrologischer Methoden und ist am Ende überzeugt, die Ärztin sei ein weiteres Opfer eines später geschnappten Serienmörders geworden. Die inzwischen erwachsene Tochter des Opfers ist sich da nicht so sicher. Sie beauftragt Cormoran und Robin herauszufinden, was wirklich geschah. Da die beiden sich zudem über ihr privates Verhältnis klar werden müssen, zieht sich die Sache über fast 1200 Seiten. Sie quetschen jeden aus, der nur entfernt mit der Tat zu tun haben könnte. Wenn die Beteiligten nicht mehr am Leben sind, müssen Töchter und Neffen Rede und Antwort stehen. Fast alle Zeugen sind mit einem fantastischen Gedächtnis gesegnet. Während ich kaum noch weiß, was ich vor einem Jahr gemacht habe, haben die Befragten hier nach über vierzig Jahren noch alle möglichen Details parat – selbst wenn sie diese nur vom Hörensagen kennen.
Übrigens kommen in dem Roman ein Kriegsversehrter, mehrere Opfer von Vergewaltigung und sexueller Belästigung, Krebskranke, ein lesbisches Paar, kognitiv beeinträchtigte und an Adipositas leidende Menschen vor, aber keine einzige transsexuelle Person. Zwar gibt es als Randfigur einen Serienmörder, der seine weiblichen Opfer mit Frauenkleidern und Perücke täuscht – aber das sagt nichts über seine geschlechtliche Identität aus. Die normalerweise etwas absurd erscheinende Bemerkung ist an dieser Stelle notwendig, weil der nahezu feministischen Autorin J. K. Rowling in den sozialen Medien Trans-Feindlichkeit vorgeworfen wurde. Das ist, zumindest was diesen Krimi betrifft, völliger Quatsch. Schade, wenn die Inquisitor*innen des politisch Korrekten lieber bei ihren Verbündeten kleinste Abweichungen von der Doktrin verfolgen, statt sich den echten Feinden gesellschaftlicher Diversität zuzuwenden.
Da ich die jeweils gültige Doktrin nicht in allen Verästelungen kenne, wüsste ich im Augenblick nicht zu sagen, ob Kommissarin Hulda Hermannsdóttir in Ragnar Jónassons Thriller „Dunkel“ („Spiegel“-Paperback-Bestseller Belletristik Platz 11, btb, 384 Seiten, 15 Euro) hinreichend politisch korrekt geschildert ist. Die Kommissarin wurde in ihrer Laufbahn immerhin wegen ihres Geschlechts ausgebremst. Jetzt steht Hulda kurz vor der Zwangspensionierung – und darf sich für die letzten Tage noch einen Cold Case aussuchen, der in diesem Fall allerdings nur ein Jahr alt ist. Logisch, dass Hulda sich sogleich an Befragungen macht und dabei ebenfalls auf tolle Gedächtnisleistungen stößt. Das einzig Originelle an diesem Krimi: Es handelt sich um den ersten Band einer Trilogie, die rückwärts erzählt wird. Die folgenden Bände spielen einige Jahre vor den hier geschilderten Ereignissen. So ganz verstehe ich nicht, wieso es dieses Buch auf die Bestsellerliste geschafft hat. Ich jedenfalls werde es wohl schon bald wieder vergessen haben.