Reizend, wie gleich am Eingang die bunten Stableuchten schimmern. Und wie einladend der Gartensessel daneben. Und wie verlockend der Pool, der so schnell aufgebaut ist. Und der Grill, an dem Sommerabende so schön ausklingen können. Keine zwei Minuten im Baumarkt – und schon hat man eine Idee, wie schön das Leben sein kann. Und dann ist da noch der Mann, der fast beseelt lächelnd, Erde und Töpfe zur Vermehrung seiner Pflanzen in den Kofferraum lädt. Und die Dame, die ein bisschen verliebt auf die Chrysanthemen in ihrem Einkaufswagen schaut.
Ist das Leben schön?
Was man hier nicht sieht: Die neuen Chrysanthemen ersetzen alte, denen die Hitze nicht bekam. Man könnte schon sagen, dass der Baumarkt hilft, das Leben schöner zu machen. Oder macht er diese Zeit der Ungewissheiten nur ein bisschen erträglicher?
Ein Tag im August, draußen sind Ferien, im Markt, der in diesem Fall der Hornbach in Esslingen ist, kauft eine Frau einen Pool. Zeljko Kostic wundert sich. Kostic ist der Marktleiter, er fragt: „Fahren Sie nicht in Urlaub?“ – „Nein“, sagt die Frau. „Wie kommt’s?“ – „Zu unsicher!“ Alles, erklärt die Frau, ist so teuer geworden und wird immer noch teurer, und wer weiß, was noch an alles an Kosten ins Haus steht. Deshalb: lieber überschaubare 34,99 Euro für einen Pool ausgeben und statt einen Strand den Garten genießen.
An einem anderen Tag in diesem August steht ein Mann im Markt, er sucht einen Konvektor. Für Laien: Ein Konvektor ist ein elektrisch betriebenes Heizgerät. Für alle: Wenn im Hochsommer Heizgeräte verkauft werden, dann stimmt etwas nicht. Nicht mehr lange, dann sind wahrscheinlich auch die Generatoren weg, von denen ganz frisch eine Extraladung geliefert wurde. Wie die Braunkohle. Zwei Tage vorher kamen 25 Paletten an, jetzt sind alle weg. Vom Kaminholz stehen noch fünf Paletten auf dem Hof, aber sie sind alle reserviert. „Die Leute wollen für Notfälle gewappnet sein“, sagt Zeljko Kostic.
So viel zum Thema schönes Leben.
Fische, Fliesen, Farben
Zeljko Kostic ist 51, auf einer Fläche von fast 11 000 Quadratmetern hat er 120 000 Artikel im Sortiment. Er hat in einem Baumarkt gelernt, war erst Abteilungsleiter und dann Assistent, seit 11 Jahren ist er in Esslingen Chef. Aber was er in den letzten zwei, drei Jahren erlebt hat, beeindruckt selbst ihn. „Wir haben Nachfrage in allen Bereichen.“
Um die Bedeutung dieses Satzes zu ermessen, muss man wissen, wie es früher war. Früher war es so, dass Baumärkte ein beliebtes Ausflugsziel für Männer, vornehmlich ältere, waren. Solche, die Freude daran hatten, sich zwischen Senkkopfschrauben, Konusplättchen, Stuhlwinkeln, Lochplatten, Dübeln und Steckschlüsseln zu verlustieren. Heute trifft man Damen, die kartonweise Laminat kaufen, Ehepaare auf der Suche nach dem richtigen Durchlauferhitzer oder eben Poolkäuferinnen und Konvektorenkunden. Plus diejenigen, die Fische, Kissen, Farbe, Fliesen, Kühlschränke, Zement oder eine Staffelei suchen. Zeljko Kostic formuliert es so: „Dass wir ein wichtiger Grundversorger sind, ist vielen in der Pandemie bewusst geworden. “
Kraftstoffkanister gehen gut
Fragt man Zeljko Kostic, wie man sich seinen Job vorstellen kann, sagt er sinngemäß und anschaulich: Ein Baumarktleiter ist im Prinzip Hausmeister, Psychiater und Sozialarbeiter, der dafür sorgt, dass alles da ist, was der Kunde wünscht. In diesen vielen Rollen wandert Zeljko Kostic jeden Morgen erst mal durch die Gänge und schaut: Passt dies? Passt jenes? Oder auch nicht?
An diesem Morgen ist ihm aufgefallen, dass man langsam mal die Schlauchware auf einem der Topplätze abräumen sollte. Gießen ist bei dieser Trockenheit nicht so en vogue. Und dass die kleinen, gefragten Heizgeräte dringend einen besseren Platz brauchen – damit sie der Kunde gleich sieht, wenn er reinkommt. So wie im Moment noch die Klimageräte und die Standventilatoren. Und so wie die Kraftstoffkanister, die sich im Kassenbereich stapeln. Wo man sie vor dem Auschecken schnell noch auf den Wagen packen kann. Solange das Benzin halbwegs günstig ist.
Vorbereitung auf Weihnachten
Normalerweise würde sich Zeljko Kostic langsam auch auf Weihnachten einstellen. Dass genügend LED-Lichterketten auf Lager sind. Und die umweltfreundlichen Christbäume gut platziert werden. Und die Kugeln und Tischläufer und die selbst zu bastelnden Kränze. So sieht es die Struktur des Jahres vor. Im Frühjahr kommen Pflanzen und Erden groß raus, im Sommer Gartenhäuschen, Teiche und Pools. Im Herbst alles für die Ernte plus die Brennstoffe – und im Winter eben Weihnachten. Aber so einfach ist das nicht mehr. „Zack“, sagt Zeljko Kostic, „muss man umdenken.“ Und dann wieder. Weil der Bedarf ganz anders ist als erwartet.
Alles ist durcheinander
Weil während der Coronazeit, mit der das Durcheinander begann, plötzlich jeder sein Heim verschönerte. Farben, Lacke, Rasenmäher – her damit! Holz, Steinwolle, Styropor – mehr davon! Noble Einbaupools, Tierfutter in rauen Mengen, luxuriöse Grills – jetzt oder nie! Und weil im vergangenen Herbst dann die Energiepreise anzogen. Und weil dann noch mehr saniert wurde. Und weil im Frühjahr dann der Krieg in der Ukraine begann, mit dem alles noch extremer wurde.
Dass die Bau- und Heimwerkermärkte zu den Gewinnern des Geschäftsjahrs 2020 zählten ist bekannt. Für Hornbach war jenes Frühjahrsquartal sogar das erfolgreichste in seiner Geschichte. Trotzdem ist der Raum, in dem Zeljko Kostic sitzt, nicht mit Marmor ausgekleidet, und er trägt auch keinen Anzug aus Kaschmir, sondern ein stinknormales Baumwollshirt und sagt: „Die Zeit wollen wir nicht zurück. Wir waren ausgepowert.“
Und es ist ja auch nicht so, dass die Zahlen so gut blieben. 2021, rechnete der Branchenverband vor, ging der Gesamtumsatz auf Vorkrisenniveau zurück. Und wie sich das laufende Jahr entwickelt, mit Lieferengpässen und Inflation, vermag niemand zu sagen.
Lustige Werbeclips
„Gebt mir ein Horn“, ruft der fröhliche Zugführer den fröhlichen Kunden zu, die er in einer kleinen Baumarktbahn durch die Baumarktgänge kutschiert. „Horn“, rufen die animierten Damen und Herren. Und „Bach“ hinterher, weil es nur so richtig ist. So ein lustiges Bähnchen gibt es natürlich nur im Werbevideo („Erleben Sie Hornbach“). So, wie es auch nur im Film sein kann, dass struppige Bäume und halb vertrocknete Bäume in ein Auto steigen und zu einem besseren Zuhause fahren. („Komm zu Hornbach. Bevor es dein Garten tut.“) Und in Wirklichkeit ist es ja auch nicht so, dass man sich nicht ärgert, wenn der selbst gebaute Stuhl wackelt oder der selbst verlegte Boden quietscht („Es kann nicht schlecht sein. Denn es ist von dir.“)
Dafür gibt es in Esslingen eine Fahrradwerkstatt und einen Bereich mit allem, was das Home smart macht. Es gibt eine Abholstation, und einen Schlüsselservice gibt es seit Kurzem ebenfalls. Und all dies sagt mindestens so viel über diesen Baumarkt (und alle anderen) wie die Werbung.
Neu im Sortiment: ein Schlüsseldienst
Die Fahrradwerkstatt etwa gibt es, weil nicht nur Fahrräder wahnsinnig im Trend liegen, sondern auch selber Reparieren. „Wir fragen immer: Wo ist der Bedarf?“, sagt Zeljko Kostic, der gelernt hat, dass viele Kunden die Schlüsselservices vermissen, die früher zu jedem Einkaufszentrum gehörten – und wo sich bestens studieren lässt, was passieren kann, wenn sich Bedarfe ändern.
Der Baumarkt der Zukunft, prognostizieren Experten, bietet weniger Fülle auf weniger Fläche. Dafür mehr Orientierung und mehr Unterstützung. Denn der Kunde will es bequem, einfach und schnell, wie er es aus dem Internet kennt, wo Anleitungen zum Selbermachen längst millionenfach aufgerufen werden. Gut möglich also, dass der Baumarkt der Zukunft ein Projektmarkt ist und in der Innenstadt steht.
Sand ist in zwei Stunden abholbereit
Bei Hornbach am Rande des Esslinger Gewerbegebiets hofft Zeljko Kostic jetzt erst mal, dass er für den Herbst genug Holz, genug Kohle und genug Heizgeräte geliefert bekommt. Was soll er auch sonst tun? „Man kann den Kopf ja nicht in den Sand stecken.“
Sand, das noch an dieser Stelle, gibt es in seinem Markt natürlich auch. 850 Kilo mehrfach gewaschener Mauersand etwa für 64,90 Euro. Abholbereit in zwei Stunden.