Besuch des Diakonie-Präsidenten Den Ausgegrenzten zuhören

Von Peter Buchholtz 

Diakonie-Präsident Ulrich Lilie hat in Bad Cannstatt das Sozialkaufhaus besucht und mit Langzeitarbeitslosen gesprochen.

Diakonie-Präsident Ulrich Lilie (schwarze Jacke) spricht mit Arbeitslosen Foto: Lg/Kovalenko
Diakonie-Präsident Ulrich Lilie (schwarze Jacke) spricht mit Arbeitslosen Foto: Lg/Kovalenko

Stuttgart - Am Mittwoch lud die Diakonie zum Sommerfest in „Das Kaufhaus“ in der Kreuznacher Straße in Bad Cannstatt ein. Neben dem Gottesdienst um 18 Uhr mit einer Predigt von Diakoniepräsident Ulrich Lilie stand besonders das „Unerhört!“-Forum im Mittelpunkt des Festes. Mit der Kampagne „Unerhört!“ wolle die Diakonie Wahlkampf für eine offene, lebendige und vielfältige Gesellschaft machen, so Lilie.

Beim öffentlichen Forum im Sozialkaufhaus hörte sich Lilie die Sorgen und Nöte derer an, die sich in der Regel schon lange keinen Urlaub mehr leisten können: Langzeitarbeitslose. Aber auch Menschen mit Behinderung kamen im Second-Hand-Sozialkaufhaus, das als Inklusionsbetrieb geführt wird, zu Wort.

Stört Arbeitgeber Kündigungsschutz?

Einer davon ist Hüseyin Kurt, seit März Mitarbeiter bei der Spendenannahme und Kundenbetreuung. Seit seiner Geburt sind bei ihm nur zehn Prozent des Sehvermögens vorhanden. Der gebürtige Pforzheimer nimmt an, dass Arbeitgeber sich wegen des besonderen Kündigungsschutzes von Schwerbehinderten mit einer Anstellung schwer tun. „Es gibt viele Möglichkeiten, uns einzubinden. Die Chance wurde mir nicht gegeben – leider“, sagt der 33-Jährige.

Auch das Potenzial seiner Kollegin Ramona Löffler wurde lange nicht erkannt, sie fühle sich aufgrund ihrer Stellung als Alleinerziehende benachteiligt. Bei der Neuen Arbeit sei ihr gezeigt worden, „dass ich doch was auf dem Kasten hab“. Alleinerziehende würden von der Gesellschaft ausgegrenzt, weil sie Kinder der Karriere vorzögen, fasst Martin Tertelmann, Moderator der Gesprächsrunde von der Neuen Arbeit, zusammen.

Seit 1999 gibt es die Kaufhäuser

Jan Frier ist Langzeitarbeitsloser und heute als ehrenamtlicher Mitarbeiter bei der Neuen Arbeit tätig. Er kennt die gesellschaftliche Ausgrenzung ebenso. Am Anfang seien die Freunde großzügig, doch schnell würde man als Mittelloser nicht mehr an der Freizeitgestaltung teilnehmen können.

Die fünf Kaufhäuser der Neuen Arbeit bieten seit 1999 benachteiligten Menschen eine dauerhafte berufliche Perspektive und bildet Menschen mit Handicap aus. Einkommensschwache Menschen erhalten beim Einkauf mit der Vorteilkarte auf alle Waren noch einmal 30 Prozent Rabatt.

Gesellschaft definiert sich über Arbeit

Am Runden Tisch kamen am Dienstag auch Ehrenamtliche und Kirchenvertreter zu Wort. Klaus Käpplinger, Dekan in Zuffenhausen und ab September Vorstandsvorsitzender der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart (Eva), bestätigt seine Vorredner: „Unsere Gesellschaft definiert sich über Arbeit.“ Geld sei das eine, aber das Selbstwertgefühl der Menschen sei ebenso wichtig.

Michael Sandfort ist ehrenamtlicher Mitarbeiter der Vesperkirche in Stuttgart und Gründer der Weinstädter Tafel. Im Remstal, sagt er, sei ihm Armut nie aufgefallen. Er könne heute noch nicht mit den Schicksalen umgehen, denen er in der reichen Stadt Stuttgart in der Vesperkirche begegne. „Das ist für mich ein brutales Kontrastprogramm.“

Ulrich Lilie sieht in der dreijährigen „Unerhört!“-Kampagne genau die richtige Aktion, in einem Land, das immer ungleicher werde. „Die Diakonie hat die Aufgabe, Stimme und Gesicht zu sein für andere“, sagt Lilie. Das Forum war die Auftaktveranstaltung der Sommerreise des Diakonie-Präsidenten. Sie führt ihn nach Frankfurt, Leipzig, Syke, Wilhelmshaven, Hamburg.

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