Frank-Walter Steinmeier hat sich im Kreis Esslingen über ehrenamtliches Engagement im Landschafts- und Naturschutz informiert. Er posierte dabei auch für Selfies und crashte eine Hochzeit.
So langsam macht sich Aufregung bei den Schaulustigen auf dem Parkplatz am Heidengrabenturm bei Erkenbrechtsweiler breit – schließlich hat man nicht alle Tage einen Bundespräsidenten zu Gast. Ob Frank-Walter Steinmeier ganz staatsmännisch im Anzug mit Krawatte zu diesem Termin kommt? Oder doch eher leger im Freizeitlook? Angekündigt hat sich der erste Mann im Staate nämlich zu einer Wanderung im Biosphärengebiet Schwäbische Alb. Rein dienstlich: Der Besuch im Landkreis Esslingen ist eingebettet in die Aktivitäten rund um den ersten deutschlandweiten „Ehrentag“ am 23. Mai.
Als die von der Polizei eskortierte Staatskarosse mit der Standarte vorfährt, werden die Handys gezückt. Das Motiv: der Bundespräsident in Cordhose und Pullover – und mit festem Schuhwerk, denn er hat ja ein paar Kilometer Wegstrecke vor sich. Zunächst aber geht es erst einmal 102 Treppenstufen den Turm hinauf. Von der Aussichtsplattform in 18 Metern Höhe bietet sich ein herrlicher Blick auf das Oppidum Heidengraben.
Das war einst die größte keltische Siedlung in Europa, erfährt er von Vertretern dreier Fördervereine, die sich der Vermittlung und Pflege dieses kulturellen Erbes verschrieben haben. Ihr beharrliches Engagement führte zum Bau des Aussichtsturms und des Heidengrabenzentrums, für dessen Besuch Steinmeier jedoch keine Zeit bleibt. „Ich komme wieder“, verspricht er.
„Demokratie braucht Menschen, die sich einbringen, die mitmachen, die sich nicht nur um sich selbst kümmern.“
Frank-Walter Steinmeier, Bundespräsident
Zusammen mit Ehrenamtlichen und Vertretern des Biosphärengebietes wandert der Bundespräsident dann auf dem Albsteig. Allerdings nur ein kurzes Teilstück der insgesamt 365 Kilometer langen Strecke, die von Donauwörth bis Tuttlingen führt. Der Hauptwanderweg 1 ist der älteste und prestigeträchtigste Weitwanderweg des Schwäbischen Albvereins (SAV), der für dessen Pflege zuständig ist. Dass er knapp 80 000 Mitglieder zählt, das beeindruckt Steinmeier sichtlich.
Auch bei der Veredelung eines Apfelbaumes hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mitgeholfen. Foto: Markus Brändli
Bei einem Halt an der Schutzhütte an der Barnberghöhle berichtet Regine Erb, die Vizepräsidentin des SAV, wie die Ehrenamtlichen das Wegenetz pflegen, Markierungen erneuern und Hinweisschilder instandhalten. Weil Steinmeier aber nicht nur schauen, sondern auch mitmachen will, greift er beherzt zum Putzschwamm, um einen Wegweiser vom Schmutz zu befreien: Reinigungsmittel aufsprühen, wirken lassen, abwischen, fertig. „Gut, dass ich das Zuhause geübt habe“, scherzt der ranghöchste deutsche Politiker.
Wacholderheiden und Streuobstwiesen brauchen Pflege
Weiter geht es zum Aussichtspunkt am Gleitschirmfliegerplatz oberhalb von Neuffen. Ob er mitfliegen wolle, fragt ein Sportler, der den Schirm schon ausgebreitet hat. „Nein, diesmal nicht“, antwortet Steinmeier lachend und schaut dabei hinunter ins Tal. „Das sind Wacholderheiden“, zeigt Bernhard Etspüler vom Nabu Neuffen-Beuren auf die Büsche und Wiesen, die typisch sind für die Schwäbische Alb. Diese Landschaft sei menschengemacht „und es braucht den Menschen auch für den Erhalt dieser Kulturlandschaft“, betont er. Ohne Pflege würden die Weideflächen verschwinden. Und mit ihnen viele seltene Pflanzen- und Tierarten.
Ein unvergesslicher Moment für das frisch vermählte Ehepaar Robert und Michelle Schindler aus Filderstadt: Plötzlich steht der Bundespräsident vor ihnen. Foto: Markus Brändli
Hochzeitsfoto mit einem Überraschungsgast
Dass auch Streuobstwiesen pflegeintensiv sind, hat der Bundespräsident beim Stopp auf der Burg Hohenneuffen erfahren: Rudolf Thaler, der Vorsitzende des Obst- und Gartenbauvereins Bissingen, reicht Steinmeier die Schere, um einen jungen Apfelbaum zu veredeln. Ein Schnitt am Ast, ein Schnitt am Edelreiser, dann wird beides zusammengefügt und fest umwickelt. „Wenn das nichts wird“, begutachtet der Politiker zufrieden sein Werk. Der Baum wird später einen Ehrenplatz auf der Vereinswiese erhalten.
Und dann passiert etwas, was nicht im Protokoll vorgesehen ist: Ein Hochzeitspaar, das sich auf der Burg gerade erst das Ja-Wort gegeben hat, entdeckt den Bundespräsidenten – und der steht gern für ein Erinnerungsfoto zur Verfügung. Robert und Michelle Schindler aus Filderstadt können ihr Glück kaum fassen. „Möge ihre Liebe wachsen wie dieser Baum“, gibt ihnen der Bundespräsident mit auf den gemeinsamen Lebensweg.
Ein Dankeschön für die vielen freiwilligen Helfer
So nahbar wie bei dieser Begegnung zeigt sich Steinmeier auf seiner gesamten Tour durch den Kreis Esslingen. Er posiert für Selfies, grüßt entgegenkommende Wanderer, wünscht den Polizisten am Straßenrand einen guten Dienst, schwärmt von der Schönheit der Schwäbischen Alb und findet lobende Worte für „die vielen Menschen, die freiwillig mithelfen, diese faszinierende Naturlandschaft zu bewahren und weiterzuentwickeln“. Auch darum ist er an diesem Tag hier: um Danke zu sagen.
Demokratie lebe vom Mitmachen, betont Steinmeier: „Sie braucht Menschen, die sich einbringen, die mitmachen, die sich nicht nur um sich selbst kümmern.“ Und weil der Bundespräsident das Grundgesetz als „das unverrückbare Fundament unserer Demokratie“ ansieht, hat er die Mitmach-Aktion „Der Ehrentag“ initiiert. Die Idee ist: Am Geburtstag der Verfassung, die am 23. Mai 1949 verkündet wurde, packen alle mit an, um unser Land ein bisschen besser zu machen. Deutschlandweit sind Tausende Veranstaltungen von Vereinen, Initiativen und Organisationen geplant.