In Wahrheit heißt Sonja anders. Auf keinen Fall wollen ihre Eltern, dass sie erkennbar ist. Zu groß ist die Furcht, ihr Kind könnte ausgegrenzt oder diskriminiert werden. Seit drei Monaten wohnt Sonja in einem Zweibettzimmer der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Klinikums Stuttgart. Die Abteilung liegt jenseits der Besucherströme, am hintersten Ende des Cannstatter Krankenhauses. Besucher sind im Wohnbereich nicht zugelassen. Die Patienten sind zwischen zwölf und 17 Jahre alt, in Notfällen kommen auch Kinder ab sechs Jahren. Die Lektüre im Wartezimmer reicht von den Schlümpfen bis zum Greenpeace-Magazin.
Eine mentale Gesundheitskrise für junge Menschen
Hier fangen Ärzte und Therapeuten die seelische Not auf, die während der Pandemie laut Studien deutlich zugenommen haben soll. In der viel beachteten Copsy-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf leidet „fast jedes dritte Kind ein knappes Jahr nach Beginn der Pandemie unter psychischen Auffälligkeiten“. Im jüngsten OECD-Bericht zur psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen heißt es, die Covid-19-Krise habe sich zu einer mentalen Gesundheitskrise für junge Menschen entwickelt.
Horst Schulmayer, leitender Oberarzt der Abteilung im Klinikum Stuttgart, präzisiert an dieser Stelle: „Kein Kind ist ausschließlich wegen Corona bei uns, die Pandemie ist nie die alleinige Ursache von psychischen Erkrankungen.“ Vielmehr wirke sie wie ein Brennglas auf Schwachstellen in den Familien und in der Gesellschaft, die bereits da waren – wenn Beziehungen schon vorher belastet waren, wenn Schüler schon vorher dem Leistungsdruck an Schulen kaum Stand hielten. Auch Sonjas Verhalten reicht weiter zurück. „Ich war schon immer ein Mensch, der alles unter Kontrolle haben muss“, erzählt das Mädchen. Früher lief sie nur auf Linien durch die Stadt – oder nur um Linien herum. Sie prüfte mehrmals, ob sie die Haustür zugeschlossen hat, und erstellte lange Lernlisten, um ja nichts zu vergessen. Corona bot ihr nur eine weitere Angriffsfläche. Der wahre Hintergrund für ihr Leiden ist hochkomplex und allenfalls ihren Therapeuten bekannt.
Der wahre Grund für ihr Leiden ist hochkomplex
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Ein Monat verstrich, bis Sonja in der Klinik aufgenommen wurde – eine eher kurze Wartezeit, wie die jüngsten Warnungen von Medizinern zeigen. Der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte beschrieb den Zustand gar mit dem „Triage“-Begriff, der an die dramatischen Zustände im italienischen Bergamo erinnert. Viele Chefärzte von Kinder- und Jugendpsychiatrien empörten sich über den Vergleich, räumten aber zum Teil ein, dass die Notambulanzen sehr stark in Anspruch genommen werden.
Nicht längere Wartezeiten, aber heftigere Fälle
Auch Schulmayer sagt, dass sein Haus wie eh und je „voll“ sei und mehr Kapazitäten gebrauchen könnte. Allerdings habe sich die Pandemie nicht in verlängerten Wartezeiten niedergeschlagen. Nach wie vor bekomme jeder, der akut gefährdet sei, sofort einen Platz im Klinikum Stuttgart. Was ihm aber auffällt: „Wir haben in den letzten Monaten eine Reihe von ungewöhnlich heftigen Fällen erlebt.“ Offenbar wurde zu spät Hilfe in Anspruch genommen. „Uns stellt sich daher die Frage: Finden Betroffene den Weg zu uns?“, so Schulmayer. Womöglich hätten geschlossene Schulen und reduzierte Hilfsangebote dazu geführt, dass psychisch auffällige Kinder und Jugendliche nicht wahrgenommen werden. Außerdem gibt es in Stuttgart zu wenig niedergelassene Kinder- und Jugendpsychiater. Entsprechend weniger Patienten werden in eine stationäre Behandlung überwiesen.
Auch bei den Patienten beobachtet Schulmayer kleine Verschiebungen. „Zu uns kamen natürlich nicht mehr die vollgedröhnten Jugendlichen von der Partymeile“, erzählt er. Ansonsten seien nach wie vor sämtliche Milieus und Krankheitsbilder vertreten. „Natürlich treffen Familien mit geregeltem Einkommen die sozialen Folgen der Pandemie weniger hart. Doch nicht allein der Wohlstand einer Familie gibt Aufschluss darüber, ob die Kinder die Pandemie gut wegstecken,“ betont Schulmayer an dieser Stelle, „sondern der verständnisvolle Umgang miteinander in der Familie.“
Weniger Raum für zwanghafte Gedanken durch klare Regeln
Sonja umging die Schleife über den Facharzt und stellte sich direkt in der Ambulanz der Kinder- und Jugendpsychiatrie vor. Sie war schon einmal in stationärer Behandlung, ihre Eltern sind vertraut mit den Aufnahmebedingungen. An ihrem ersten Tag auf Station erhielt sie, wie jeder Patient, einen Wochenplan, der ihre Tage strukturiert in feste Essens- und Ruhezeiten. Dazwischen finden Schulstunden im Haus, Einzel- und Gruppengespräche sowie zahlreiche Therapieangebote statt, von Kunstprojekten bis hin zu Reittherapie. Jeder Bewohner ist mal dran beim Küchen- und Putzdienst. „Abends bekommen wir dann unsere Handys zurück und können für drei Stunden nach draußen“, erzählt Sonja.
Für Sonja stellten die Ärzte ein paar zusätzliche Regeln auf, um ihren zwanghaften Gedanken den Raum zu nehmen. „Ich dusche nur noch jeden zweiten Tag, und ich wasche meine Hände nur noch vor dem Essen, wenn ich Essen zubereite, wenn ich von draußen komme und nach dem Gang zur Toilette“, zählt sie auf. Desinfektionsmittel ist nicht zur Hand, Wasser und Seife müssen reichen. In den Therapiesitzungen lernt Sonja, zu erkennen, wenn ungesunde Gedanken aufkeimen, und den Teufelskreis, der sich mit jeder Zwangshandlung verstärkt, zu durchbrechen. Immer wieder wird sie in Expositionen mit ihren Ängsten konfrontiert – dazu gehören S-Bahn fahren und Schmutzwäsche in die Waschmaschine stopfen.
Zeitweise Einzelzimmer und keine gemeinsamen Mahlzeiten
Corona hat die Behandlungskonzepte der Ärzte und Therapeuten kaum beeinträchtigt. Zeitweise fiel die Reittherapie aus, zeitweise durften die Patienten nur jedes zweite Wochenende nach Hause fahren. Doch mit Maske, Abstandsregeln und regelmäßigen Testungen konnte man im Klinikum Stuttgart das therapeutische Angebot aufrecht halten. „Wir achten ohnehin auf kleine Gruppengrößen“, sagt Schulmayer. Nur zu Beginn der Pandemie, als das Virus noch eine Unbekannte war, wohnten und aßen die Bewohner in Einzelzimmern. „Keine schöne Vorstellung für einen Jugendlichen mit Depressionen. Doch da wir in ganz Stuttgart die einzige Anlaufstelle für stationäre kinder- und jugendpsychiatrische Notfälle sind, mussten wir einen Corona-Ausbruch unbedingt verhindern“, erklärt Schulmayer.
Dass für die jungen Menschen mit der Öffnung der Schulen nun alles wieder gut wird, hält der Arzt für Wunschdenken. „Nach so vielen Monaten ist auch die Rückkehr in die vermeintliche Normalität für viele eine Herausforderung.“ Er schließe nicht aus, dass man erst im Zuge dieser „Rückkehr“ junge Menschen wahrnehme, bei denen sich bisher unerkannte Depressionen oder Essstörungen verfestigt haben. „Uns wird in der nächsten Zeit gewiss nicht langweilig“, sagt Schulmayer.
Sonja darf bald nach Hause. Sie möchte andere Jugendliche ermutigen, ebenfalls Hilfe „aus der Klapse“ anzunehmen, wie sie sagt. „Hier sind ganz normale Menschen, niemand sitzt sabbernd in der Ecke“, sagt sie. Auch werde niemand zum Bleiben gezwungen. Dem Coronavirus ist sie fast ein wenig dankbar. „So kam alles rasch auf den Tisch, und ich werde künftig viel mehr Freude am Leben haben.“