Besuch in einer Ein-Mann-Autowerkstatt in Dettenhausen Der Schrauber in der modernen Autowelt

Bei der Arbeit: Erik Balding Foto: sto/Peter Stolterfoht

Erik Balding betreibt in Dettenhausen einen Autohandel samt Werkstatt. Zu Besuch bei einem Romantiker in einer Branche, die sich gerade von Grund auf neu aufstellt.

Automobilwirtschaft/Maschinenbau: Peter Stolterfoht (sto)

Erik Balding ist ein Autoschrauber wie aus dem Bilderbuch. Der 59-Jährige mit dem verschmitzten Lächeln und den motoröligen Fingern trägt Latzhose und Strickkäppi. Golden sind Nickelbrille und Ohrring. Wie lange es noch Bilderbücher gibt, ist nicht absehbar. Sicher dagegen scheint: Typen wie Erik Balding, der in Dettenhausen – zwischen Waldenbuch und Tübingen – im alten Stil einen Autohandel samt Werkstatt im Alleingang betreibt, wird es irgendwann nicht mehr geben. „Mir wird es aber sicher in den Ruhestand reichen“, sagt Balding und grinst.

 

Dass sich sein gut funktionierendes Geschäftsmodell Richtung Auslaufmodell entwickeln könnte, hat mit der Mobilitätswende zu tun. Das E-Auto hat nun Vorfahrt. Dieses braucht zur Reparatur aber keinen Kfz-Mechaniker mehr, sondern einen Hochvoltelektriker für den Batteriebetrieb. „In dieses Geschäft werde ich nicht mehr einsteigen“, sagt Erik Balding, um gleich klarzustellen: „Ich bin überhaupt kein Gegner von E-Autos, ich sehe daneben aber auch eine große Chance für Verbrennermotoren, die mit klimaneutralen Kraftstoffen betankt werden.“

Die EU aber will ganz auf den Batterieantrieb setzen. Was Balding für falsch hält, womit er auf der Seite von Verkehrsminister Volker Wissing von der FDP steht – auch wenn das nicht unbedingt die Partei des Autoschraubers ist. Der ist eher alternativ. Aber gleichzeitig auch konservativ, wenn es ums Geschäft geht. „Ein bisschen traurig ist es ja schon: Bei uns wurde der Verbrenner erfunden, und jetzt soll er auch hier beerdigt werden“, sagt er mit Blick auf die heimische Autoindustrie.

Das Problem mit den Diagnosegeräten

Dabei ist die E-Mobilität gerade gar nicht Erik Baldings großes Thema. Vielmehr ist es eine andere Entwicklung in der Branche, die ihn beschäftigt: der Einsatz von Diagnosegeräten. „Echte Erschwernisse“ nennt er die immer größere Bedeutung von Tablets, die an Buchsen unterhalb des Lenkrads angeschlossen werden. Auf diesem Weg lassen sich fehlerhafte Teile per Bildschirm schnell orten. Ohne dieses Diagnoseverfahren geht bei der Reparatur heutzutage immer weniger. Deshalb hat auch Erik Balding in diese Technik investiert. Der Haken dabei: Sein Gerät ist nicht mit allen Automarken kompatibel. Während Baldings Tablet 2000 Euro gekostet hat, werden für den alle Hersteller abdeckenden Allrounder mittlerweile etwa 5000 fällig. Dadurch können Betriebe, die keine Vertragswerkstätten des Herstellers sind, ausgebremst werden, wenn zum Beispiel Gebühren fürs Einloggen aufgerufen werden.

Das Instrument, das den ungebundenen und häufig billigeren Werkstätten das Wasser abgraben kann, trägt den Namen Security Gateway. Dieses System ermöglicht es den Herstellern, den Zugriff auf Fahrzeugdaten nach Belieben einzuschränken. „Die Entwicklung macht es für Leute wie mich kompliziert“, sagt Balding, der gerade mit einer Lampe ins Innenleben eines Land Rover abtaucht: „Jetzt habe ich’s endlich, der Kupplungsgeberzylinder ist kaputt.“ Auch so ein Teil, das es im technisch reduzierten E-Auto nicht mehr gibt.

Gleichzeitig profitiert aber auch ein kleiner Autohändler von der modernen Technik, die im Verbrennerauto von heute verbaut ist. „Es kommen immer mehr Leute zu mir, die sagen, dass sie sich von den blinkenden Kontrollleuchten belästigt fühlen“, sagt Erik Balding, der diesen Kunden dann ein Auto mit deutlich weniger Elektronik besorgen soll. Einen Mercedes-Kombi der 124-Baureihe aus den 80er Jahren zum Beispiel, den der Händler übers Internet, bei Versteigerungen oder auf der Messe Retro Classics ersteht und dann weiterverkauft, Wartung inbegriffen.

Kunden, die von der Technik überfordert sind

Balding stößt dabei in eine Marktlücke. Der Durchschnittsneuwagenkäufer ist über 50 Jahre alt und legt häufig gar keinen gesteigerten Wert auf das reichhaltige Bedienungsangebot. Die sich bietenden neuen Möglichkeiten werden von vielen Fahrerinnen und Fahrern nur zu einem Bruchteil genutzt. „Manche sind auch schlichtweg damit überfordert“, sagt Erik Balding, der auf der anderen Seite einräumen muss, dass die wieder gefragten schlichten Autoklassiker keine Umweltengel sind, was allein schon der Kraftstoffverbrauch unterstreicht.

Erik Balding hat sich mit seinem Kleinbetrieb im Lauf der Zeit einen Ruf erarbeitet – sogar international. Er erwartet gerade einen Stammkunden aus Finnland. Diesmal hat der einen Sprinter geordert, den er in den kommenden Tagen abholen will. Mit Auslandsgeschäften begann für den Stuttgarter Erik Balding in den 80er Jahren auch die automobile Berufskarriere. Nach der Ausbildung zum Zimmermann wollte er die Welt sehen. Er tat sich deshalb mit Freunden zusammen. Gemeinsam kauften sie Lkw, überführten sie nach Afrika, um sie dort weiterzuverkaufen.

Auf dieser langen Strecke machte sich Balding selbst zum Reparaturprofi. „Wenn du in der Wüste liegen bleibst, muss du dir selbst helfen können“, erzählt er. Und davon, wie er zwischenzeitlich einen Autohandel mit Sitz in Togo betrieb. In den 90er Jahren fand er dann in Dettenhausen das, was er suchte. Eine Werkstatt mit großer Stellfläche davor. Dort hat sich Erik Balding seine Nische eingerichtet, die er noch so lange wie möglich besetzen will.

Das Kfz-Gewerbe

Gesamtzahl
In Deutschland gibt laut letzten Zählungen 36 420 Autohäuser und Kfz-Werkstätten, in denen 434 000 Personen beschäftigt sind. Unter dem Dach des Zentralverbands (ZDK) sind 236 Innungen, 14 Landesverbände und 34 Fabrikatsverbände.

Verhältnis
Aus der Statistik geht hervor, dass die Anzahl der freien Werkstätten in Deutschland zuletzt höher war als die der Markenwerkstätten. Vor einem Jahr gab es in Deutschland rund 14 500 Markenwerkstätten, die Zahl der freien Werkstätten lag bei etwa 22 000. sto

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