Besuchshund Lui Das Tier als Ansprechpartner

Mika ist ein Junge, der schon immer etwas anders war als Gleichaltrige. Der Umgang mit Menschen fällt ihm manchmal schwer. Zu dem Hund Lui hat er hingegen sofort Vertrauen gefasst. Foto: Simon Granville

Einmal die Woche besuchen Andrea Katzer und ihr Hund einen Jungen. Was nach Gassi gehen aussieht, ist in Wahrheit viel mehr: eine Hilfe zum Leben.

Stuttgart - Die Arbeit beginnt, wenn Andrea Katzer ihrem Hund das blaue Halstuch umbindet: „Lui im Dienst“ steht darauf. An einem Montagnachmittag im Oktober, an dem die Sonne nach Stunden zähen Nebels schließlich den Himmel zurückerobert hat, besteht diese Arbeit aus einem Spaziergang. Andrea Katzer, Spitzname Andi, hat die Leine an einen Blondschopf abgetreten, dem der spanische Lauf- und Jagdhund bis zur Hüfte reicht. „Lui komm“, „Lui weiter“, „Lui Fahrrad“. Im Minutentakt feuert der Junge Kommandos ab, während sie Häuserreihen passieren und auf einen staubigen Feldweg neben einem Maisfeld abbiegen. Man könnte meinen, dass dem Tier schon bald die Ohren dröhnen. Aber nein: Lui kommt her. Läuft brav weiter, obwohl eine streitlustige Katze den Weg kreuzt. Stoppt, als sich ein Radfahrer nähert. Für den Hund eine Disziplinfrage, für den Jungen ein Stück Lebenstraining.

 

Andi Katzer ist eine Frau mit kurzen braunen Haaren, Brille und einer festen, klaren Stimme, die schnell Befehle geben kann, wenn es sein muss. Seit mehr als zehn Jahren ist sie für die Malteser im Einsatz. Die Hilfsorganisation bietet die sogenannten „Besuchsdienste mit Hund“ vor allem einsamen, kranken und behinderten Menschen an. Die ausgebildeten Mensch-Hunde-Teams machen Hausbesuche, gehen in Pflegeeinrichtungen oder auch zu Kindertageseinrichtungen. Ein Hund, so die Idee, kann ein Türöffner sein, Menschen aus ihrer Lethargie reißen, die soziale Bindung fördern, den drögen Alltag durchbrechen.

Das Tier als Ansprechpartner

Normalerweise besucht die 57-jährige Andi Katzer mit Lui alle zwei Wochen Demenzkranke in einem Stuttgarter Altersheim. Manche Bewohner, erzählt sie, habe erst der Hund dazu bewegt, mal wieder das Bett zu verlassen. Und einige würden dem Tier mehr aus ihrem Leben erzählen, als sie je einer Pflegekraft anvertraut hätten. Dann traf vor gut einem halben Jahr eine E-Mail ein. Die Mutter des Blondschopfs, er soll in diesem Text Mika heißen, fragte an, ob man nicht auch mal bei ihrem Sohn vorbeischauen könnte. Mika, das merkte Andi Katzer schnell, ist ein Junge, der immer etwas anders war als Gleichaltrige.

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Auf einem abgeernteten Feld, nahe seines Wohnorts im Kreis Ludwigsburg, lässt sie den Jungen halten. „Magst du Leckerlis werfen?“, fragt sie. Der Sechsjährige hat einen kleinen Beutel um seine grüne Winterjacke gegürtet und zieht eine Handvoll Hundetrockenfutter daraus hervor. Mit so viel Schwung wie möglich pfeffert er ein Leckerli ums andere in den braunen Acker. Lui, schlank, grazil, mit spitzen Ohren, verfolgt den Flug durch die Luft, den Rest erschnüffelt die Nase. Er findet den begehrten Snack fast jedes Mal, und Mika wird des Spiels nicht müde. „Kannst du weiter werfen?“, fragt er lachend und fordert Andi Katzer auf, mitzumachen. Dabei hätte er bei den ersten Treffen kaum mit ihr gesprochen, erzählt sie. Nur zu Hund Lui hätte er sofort Vertrauen gefasst. Gerade bei Einzelbesuchen muss die Chemie zwischen Hund und Mensch stimmen.

Mit Paula hat sie sich einen Kindheitstraum erfüllt

Andi Katzer hat lange als Industriekauffrau gearbeitet, inzwischen hat sie sich selbstständig gemacht und verkauft selbst genähte Hundegeschirre, Decken, Taschen und Spielzeug für die Vierbeiner. „Ich habe quasi mein Hobby zum Beruf gemacht“, sagt sie. Mit ihrer ersten Hündin Paula hatte sie sich einen Kindheitstraum erfüllt. Schnell sei ihr klar gewesen, dass sie mit dem Tier gerne einen sozialen Beitrag leisten wollte. Sie hatte beobachtet, wie gut es der kranken Schwiegermutter tat, wenn sie mit dem Hund vorbeikam: „Das hat sie richtig gefördert.“ Und auch wenn sie Paula mit zu ihrer damaligen Arbeitsstelle nahm, einem Erwachsenenbildungswerk, spürte sie, wie sich das positiv auf die Menschen auswirkte. So ließ sie Paula zur Besuchshündin ausbilden.

Besuchshunde sind keine Therapiehunde, wie sie beispielsweise eingesetzt werden, um psychisch oder physisch kranken Menschen zu helfen und den Heilungsprozess zu unterstützen. Ihre Aufgaben wirken zunächst unscheinbarer: sich streicheln lassen, Nähe vermitteln, Abwechslung bieten. In erster Linie leisten sie Beziehungsarbeit – und hinterlassen, so Andi Katzers Erfahrung, meist ein Lächeln auf dem Gesicht der Besuchten.

Stressresistent und lieb

Die Besuchshunde der Malteser werden in kurzen Trainingseinheiten, verteilt auf mehrere Termine, geschult. Am Ende gibt es eine Abschlussprüfung. Zuvor muss jedes Tier einen Eignungstest bestehen. Die Rasse spielt bis auf wenige Ausnahmen keine Rolle, jedoch sollte der Hund ein freundliches Wesen haben, die Nähe zu Menschen suchen, stressresistent sein und keine Aggressionen zeigen.

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Auch Lui hat dieses Programm durchlaufen. Er kam als Welpe zu Andi Katzer. Acht Jahre ist das nun her. „Er war Pflegehund Nummer 14“, erinnert sie sich. Andi Katzer arbeitet mit einem Tierschutzverein zusammen, der Hunde aus Spanien vermittelt. Sie kümmert sich solange um ein Tier, bis sich eine passende Familie in Deutschland gefunden hat. Doch von Lui konnte sie sich nicht trennen: „Er war ein ängstlicher, unsicherer Hund, trotzdem hat er im Sturm mein Herz erobert.“

Schon als Welpe begleitete er Paula und sie bei Besuchen in Heimen – bis die Hundedame Arthrose bekam und langsam zu alt wurde für den Job. „Die Besuche fordern die Tiere stark, und es ist wichtig, dass sie den Spaß an der Sache behalten“, erklärt Andi Katzer. Lui stand als Nachfolger bereit. „Er kann Stimmungsschwankungen wie kein anderer wahrnehmen“, sagt sie. „Wenn es jemandem nicht gut geht, legt er seinen Kopf auf den Schoß.“

Enge Beziehungen sind für Mika schwierig

An diesem Oktober-Nachmittag kann keine Rede von Traurigkeit sein. Mika grinst fast ununterbrochen. Er rennt mit Lui um die Wette, lässt ihn Sitz machen, führt ihn stolz allein an der Leine. Fast zwei Stunden lang dreht er neben Andi Katzer, die nur ab und zu eingreifen muss, eine Runde durch die Felder.

Dabei falle es Mika schon schwer, mal für eine Weile allein bei seinem Opa zu bleiben, erzählt die Mutter später in der Wohnung bei Cappuccino und Kirschkuchen. Auf andere einzugehen, Beziehungen zuzulassen, ist für ihn nicht selbstverständlich. Jetzt steht er jeden Montagnachmittag ungeduldig am Fenster und kann es nicht erwarten, bis Lui und Andi Katzer endlich auftauchen.

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Mika, muss man wissen, wurde als Säugling adoptiert. Seine leibliche Mutter hatte sich für eine vertrauliche Geburt entschieden. Viel wissen seine Adoptiveltern nicht über die Vorgeschichte. Nur, dass sie ein traumatisiertes Kind bei sich aufnahmen. Das erste halbe Jahr schrie er fast pausenlos, reagierte hypersensibel, spuckte bei der kleinsten Aufregung. Auch heute noch hat er schwierige Phasen. „Da ist so eine Unruhe in ihm“, sagt seine Mutter und meint damit, dass Mika sehr impulsiv reagieren und laut werden kann. Manchmal weiten sich seine Pupillen, als würde er am liebsten sofort die Flucht ergreifen. Es fällt schwer, ihn für eine Weile bei einer Sache zu halten. Egal ob Krabbelgruppe oder Kinderturnen, Mika wurde schnell alles zu viel.

Eine Art Probelauf

Eine Diagnose haben die Eltern nie erhalten. Sie bemühen sich auf ihre Weise, Ruhe in sein Leben zu bringen. Vielleicht, so die Idee, würde ja ein eigener Hund, speziell ausgebildet, als treuer Freund und Spielkamerad helfen? Allerdings konnte Mika mit Tieren nie viel anfangen. Die Katzen der Familie ignorierte er weitgehend, im Tierpark langweilte er sich. Die Treffen mit Lui sind daher auch eine Art Probelauf. Kann der Plan aufgehen?

Etwa zehnmal standen Andi Katzer und Lui seit der ersten Kontaktaufnahme im Mai vor der Tür der Familie. „Mika tun die Besuche gut, das merkt man“, sagt die Mutter. Er lerne langsam, mit der Unruhe umzugehen. Plötzlich habe er Lust, Tiere zu streicheln. Vorher undenkbar. Gegenüber anderen Menschen sei er achtsamer geworden, weniger ichbezogen. „Und manchmal nehmen wir einfach Lui als Beispiel, wenn wir ihm etwas vermitteln wollen.“ Die Mutter muss schmunzeln: „Zum Beispiel: Mika, du musst so geduldig sein wie Lui, wenn er auf ein Leckerli wartet.“

Die allererste Umarmung

Für die Familie sind die Besuche kostenlos, und auch Andi Katzer verrichtet ihren Dienst ehrenamtlich. „Wenn ich Mika oder einen der Alten strahlen sehe, ist das ohnehin nicht mit Geld zu bezahlen“, sagt sie. Vor Kurzem hat ihr der Junge einen Umschlag zugeschoben, die Mutter durfte nicht wissen, was drin war. Zu Hause zog Andi Katzer eine Zeichnung hervor. Mika hatte sich gemalt, mit breitem Lächeln, wie er Lui an der Leine führt.

Nach dem Spaziergang stürmen Mika und Lui das Treppenhaus hoch in die Wohnung. Drinnen knotet Mika das blaue Hundehalstuch auf. Lui hat Dienstschluss. Die beiden schmusen noch ein Weilchen auf dem Wohnzimmerteppich, bis Andi Katzer einen Kaffee später zur Leine greift. Aufbruch. Mika bettelt, sie ein Stück begleiten zu dürfen. Also noch mal rein in die blauen Gummistiefel, Jacke übergeworfen und raus aus dem Haus. Gemeinsam spazieren sie ein gutes Stück die Straße entlang, bevor sie mahnt: „Nun aber wirklich.“ Mika umarmt sie rasch, dann rennt er zurück. Andi Katzer geht weiter, nachdenklich jetzt – „Das war die allererste Umarmung“ – und muss lächeln.

Kontakt Wer sich für einen ehrenamtlichen Einsatz im Besuchsdienst mit Hund interessiert, kann sich an Linda Hofbauer vom Malteser Hilfsdienst wenden, Telefon 07 11 / 9 25 82 38, E-Mail Linda.Hofbauer@malteser.org.

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