Betreuung in Esslingen Exklusivangebot für besondere Geschwister

Julia, Luisa und Elena Roos (von links) sind Schwestern. Die beiden älteren Schwestern Julia und Elena dürfen dank Luisa die Geschwistergruppe besuchen. Foto: Barbara /Scherer

Die Gruppe „Geschwisterkinder“ bietet Raum für Spiele, Gemeinschaftserlebnisse und den Austausch von Erfahrungen. Hier lernen die Brüder und Schwestern von Kindern mit einer Behinderung auch den Umgang mit unangenehmen Fragen.

Esslingen - Wer einen behinderten Bruder oder eine Schwester hat, ist als Kind in einer besonderen Situation. Loyalität und Zuneigung zum gehandicapten Geschwister vermischen sich mit dem Drang nach mehr Aufmerksamkeit und Zuwendung für die eigene Person. Um alle diese Themen aufzufangen, die auf diese Kinder einwirken können, gibt es seit vergangenem Jahr die Gruppe „Geschwisterkinder“ – eine Kooperation des Landkreises Esslingen mit derLebenshilfe Esslingen.

 

Wenn andere sie auf die Schwester ansprechen

Seit dem vergangenen Jahr gehen auch Julia und Elena Roos aus Esslingen zu den monatlichen Gruppensitzungen der „Geschwisterkinder“. Die Jüngste der Familie, die fünfjährige Luisa, ist mit Trisomie 21 geboren, ein fröhliches kleines Mädchen, das mit seinen älteren Schwestern auf dem Spielplatz Sandburgen baut und klettert. „Wir gehen gerne in die Gruppe“, sagt die neunjährige Julia. „Man kann dort spielen, basteln und andere Kinder treffen“, ergänzt ihre siebenjährige Schwester. Beiden ist bewusst, dass sie die Gruppe nur besuchen können, weil es eben Luisa gibt. „Man kann dort auch darüber sprechen, wie es ist, wenn andere uns auf unser Schwesterchen ansprechen und fragen, was sie denn hat“, erzählt Julia. „Dann erklärt man das halt“, fügt sie hinzu.

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Für Julia und Elena ist Luisa in erster Linie das süße kleine Schwesterchen, das die größeren Schwestern, wenn überhaupt, mit kleinen lustigen Sachen ärgert. Und Luisa, da sind sich beide einig, ist die beste Trösterin überhaupt. „Wenn eine von uns traurig ist, kommt sie sofort, tröstet und muntert uns auf“, berichten Julia und Elena.

Sie berichten aber auch über andere Erfahrungen aus der Gruppe: „Da sind auch schon Kinder beleidigt worden, von anderen, die schlecht über ihre Schwester oder ihren Bruder geredet haben.“ In der Gruppe würden sie lernen, wie man damit umgehen kann und welche Antworten man dann gibt.

Zwölf Kinder zwischen sieben und zwölf Jahren

Ihre Mutter, Andrea Roos, begrüßt das Angebot, auch wenn ihre Familie mit den Einschränkungen von Luisa gut umgehen kann. „Es ist ja so, dass Fragen und Unverständnis oft von außen herangetragen werden, das ist eher ein gesellschaftliches Problem“, hat sie festgestellt. Darauf könnten sich ihre Töchter in diesem Umfeld gut vorbereiten. Positiv sei für Julia und Elena, dass dieses Gruppenangebot exklusiv für sie gilt und nicht für alle ihrer Schulkameraden.

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Die klinische Heilpädagogin Laura Holzer leitet die Gruppe, die im Herbst vergangenen Jahres gegründet wurde. Zwölf Kinder im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren haben sich seither je nach Corona-Inzidenz in Präsenz oder auch online getroffen. „Es ist als präventives Angebot zu verstehen“, beschreibt Holzer ihren Ansatz. Es kämen unterschiedliche Kinder aus unterschiedlichen Situationen – insofern sei auch die Gestaltung der Sitzung offen. „Ich lasse die Kinder entscheiden, über welche Themen sie sich äußern wollen und in welcher Form: im Spiel oder im Gespräch.“

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Holzer hat erfahren, dass Kinder mit chronisch kranken oder gehandicapten Geschwistern große Herausforderung zu meistern haben. „Die Fürsorge der Eltern ist oft auf die Kranken fokussiert, sodass verschiedene Emotionen aufeinanderprallen: Ablehnung und Eifersucht auf Loyalität, Zuneigung und Mitleid für die Schwester oder den Bruder.“ Oft seien sie näher am kranken Kind als die Eltern, zuweilen auch dessen „Sprachrohr“.

Häufig sehr selbstständig und verantwortungsbewusst

Holzer hat auch festgestellt, wie manche Kinder an der Situation wachsen. „Etliche sind für ihr Alter sehr selbstständig und verantwortungsbewusst.“ Für sie steht im Zentrum: „Die Kinder dürfen vor allem sagen, was sie bewegt.“ Und gemeinsames Erleben sei wichtig. So stehe auch mal eine Stadtführungen auf dem Programm – wie kürzlich die Tour durch Esslingen zum Thema „Märchen und Sagen“. Das scheint gut zu funktionieren, denn die spezielle Box, in die man Notizen mit Sorgen und Nöten einwerfen kann, blieb bislang leer.

Auch Eltern freuen sich über das Angebot für die Kinder. Eine Mutter fasst die Erfahrungen auch anderer Eltern zusammen: „Meine Tochter ist begeistert von der Gruppe. Es tut ihr gut, in der Gruppe zu erleben, dass es anderen auch so geht wie ihr und sie sich nicht für die Situation mit ihrem Geschwister erklären muss.“

Chancen und Risiken für Geschwister von Kindern mit Behinderung

Kooperation
 Vor mehr als einem Jahr haben die Lebenshilfe Esslingen und die Psychologische Beratungsstelle für Familien und Jugend des Landkreises Esslingen die Gruppe ins Leben gerufen. Sie kommt einmal im Monat in den Räumen der Lebenshilfe in der Flandernstraße zusammen. In Präsenz dauert das Treffen zweieinhalb Stunden, online wird die Gruppe geteilt und ist für etwa eine Stunde zusammen. Derzeit liegt das Alter der Kinder zwischen sieben und zwölf Jahren. Laura Holzer kann sich vorstellen, dass man in Zukunft auch eine Gruppe für ältere Kinder anbietet. Dazu gibt es aber noch keine Planungen.

Geschwister
Ältere Geschwister werden von Eltern oft dazu angehalten, für den jüngeren Nachwuchs ein Vorbild zu sein. Ähnliche Mechanismen spielen sich bei Geschwistern eines Kindes mit einer Behinderung ab. Vom Geschwisterteil ohne Beeinträchtigung ist Rücksichtnahme gefragt, Vernunft und Selbstständigkeit. Es soll das auf Hilfe angewiesene Geschwisterkind unterstützen und begleiten. Studien haben bereits vor 20 Jahren aufgezeigt, dass Geschwister von Kindern mit Handycap zu sozial besonders kompetenten, lebenspraktischen, selbstbewussten Menschen heranwachsen können. Gleichzeitig sind sie jedoch auch gefährdet, zu kurz zu kommen, sich schuldig zu fühlen, schlecht soziale Kontakte aufzubauen und verstärkt Schulprobleme zu haben.

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