Betriebsseelsorger für Mercedes, Bosch und Co. Der Mann, dem Manager und Werksarbeiter ihr Herz ausschütten

Liturgisches Gewand für Gottesdienste, Warnweste für Kundgebungen: Die Arbeitskleidung von Diakon Michael Görg ist vielseitig. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Michael Görg ist Diakon, Betriebsseelsorger und Ingenieur. Zu seinem Einzugsgebiet gehören auch Mitarbeiter von Mercedes-Benz und Bosch. In diesen Krisenzeiten suchen mehr Menschen als sonst seinen Rat.

Automobilwirtschaft/Maschinenbau : Veronika Kanzler (kan)

Manche Menschen treten Michael Görg zunächst einmal skeptisch gegenüber. „Sie wollen hier doch keinen Gottesdienst abhalten?“, heißt es gerne mal zur Begrüßung. Nein, das will der Betriebsseelsorger von der Diözese Rottenburg-Stuttgart nicht. „Ich will zuhören“, sagt Görg. Auch wenn die katholische Kirche sein Arbeitgeber ist, so ist er als einer von zwölf Betriebsseelsorgern in Baden-Württemberg für jeden da. „Woran oder ob jemand glaubt – das ist mir völlig egal“, erklärt der Diakon. Die Kirche sei seine Motivation, sie gebe ihm Kraft.

 

Dabei hatte der 54-Jährige zu Beginn seines beruflichen Lebens einen ganz anderen Weg eingeschlagen: Er ist Diplom-Ingenieur. Michael Görg studierte Elektrotechnik mit Schwerpunkt IT. 20 Jahre lang war er in der IT-Branche tätig, arbeitete bei einem großen Konzern im Kunden- und Prozessmanagement und der Organisationsentwicklung. Damals habe er erlebt, was es bedeutet, Zukunftssorgen zu haben, wenn eine Firma in Schieflage gerät, Umbrüche und Entlassungen bei Kollegen anstehen. Er selbst musste sich mehrfach neu intern bewerben, weil Stellen abgebaut wurden.

Der Ingenieur studiert neben dem Beruf Theologie

Für Michael Görg rückte in dieser Zeit die Frage in den Mittelpunkt: Was macht das mit den Menschen? Arbeit ist für viele mehr, als nur Geld zu verdienen. Viele verbringen dort mehr Zeit als mit der Familie oder mit Freuden. Er fing an, sich als Betriebsrat zu engagieren. Und dann, vor etwa zehn Jahren, entschloss sich der Ingenieur für ein Fernstudium der Theologie. Die dreieinhalbjährige Ausbildung hat er neben seinem Beruf gemeistert. Danach arbeitete Görg als ehrenamtlicher Diakon. „Doch mir wurde schnell klar, dass ich hauptberuflich Diakon sein möchte“, erzählt er, der Gewerkschaft blieb er dabei immer treu. Michael Görgs Lebenslauf ist etwas besonderes, er kennt beide Seiten. Nicht das schlechteste, wenn Menschen mit ihren Sorgen und Ängste zu ihm kommen.

Seelischer Beistand löst nicht alle Probleme – ist aber wichtig

Kürzlich wandte sich ein Kfz-Meister an ihn. Er war regelrecht verzweifelt, erinnert sich Görg. Der Mann arbeitete leidenschaftlich gerne in seinem Beruf, dann wurde er krank. Ihm war es nicht mehr möglich, einen Schraubenzieher zu halten, geschweige denn Reparaturen vorzunehmen. „Nach 30 Jahren brach für den Handwerker die Lebensgrundlage weg.“ Eigentlich, so Görg, wäre in dieser Situation das Jobcenter die formal richtige Anlaufstelle für den Kfz-Meister gewesen. „Wichtiger in dem Moment des Schocks war, dass ihm jemand zuhörte.“ Das ursprüngliche Problem lasse sich dadurch nicht lösen, seelischer Beistand sei in dieser Zeit aber wichtig. Ähnlich ist es bei Menschen, die unter Mobbing oder Burn-out leiden und Hilfe bei ihm suchen. „Natürlich braucht es bei diesen Leiden einen Arzt“, sagt Görg. Er ermuntere die Menschen, sich fachlichen Beistand zu holen. „Manche habe ich regelrecht zu einer Krankschreibung getragen.“

Existenzsorgen aufgrund von Arbeitsplatzverlust waren kein virulentes Thema in Stuttgart. Die Landeshauptstadt gehört zu den wohlhabenden Regionen Deutschlands. Hier schafft man beim Bosch, bei Porsche, Mercedes-Benz oder bei einem der unzähligen Mittelständler. Diese Arbeitgeber waren einst ein Garant für sichere Arbeitsplätze. Mittlerweile kriselt es auch dort. Zwar sind die Sparprogramme meist sozialverträglich, und es stehen keine Entlassungen an. Existenzsorgen gibt es trotzdem. Nicht alle Mitarbeiter haben einen unbefristeten Vertrag. Porsche beispielsweise hatte bereits im Herbst angekündigt, befristete Arbeitsverträge 2025 auslaufen zu lassen. Das belaste Betroffene. Manche machten sich auch Hoffnungen: „,Wenn ich mich nur gut genug engagiere, dann bekomme ich eine Festanstellung’, sagen sie sich dann. Aber dieser Grundsatz gilt nicht mehr, wie wir in den vergangenen Wochen und Monaten gesehen haben. Die konjunkturelle Zeit ist eine andere“, sagt Görg.

Co-Working Space, Rastplatz, Großkantine

Dass die Wirtschaft gerade keine Glanzzeit erlebt, bemerkt der Betriebsseelsorger daran, dass sich mehr Menschen als sonst an ihn wenden, auch solche, die in Führungspositionen arbeiten. Arbeitszeitkürzungen, Abfindungsrunden und abgesagte Weihnachtsfeiern, diese Entscheidungen seien nicht einfach. „Es gibt Manager, die sich unter enormen Druck setzen, weil sie ein Ideal anstreben, das sie nicht erfüllen können“, erzählt der Betriebsseelsorger. Wenn die Last zu groß wird, suchen manche von ihnen ein offenes Ohr und Rat bei Michael Görg.

Zu anderen Arbeitern wiederum macht sich der Diakon selbst auf den Weg. Auf den Rastplätzen des Landes, zum Beispiel, kommt er mit Lkw-Fahren ins Gespräch. Vor kurzem haben Görg und sein Team ein Projekt ins Leben gerufen, um an Menschen heranzutreten, die in einem Co-Working Space arbeiten, also in einer Art Großraumbüro, das gemeinschaftlich von Einzelpersonen oder kleinen Unternehmen gemietet werden kann. „Das ist für uns sehr spannend, häufig arbeiten dort Selbstständige, die sich gerade eine Existenz aufbauen, die müssen mit ganz anderen Herausforderungen umgehen als angestellte Arbeiter“, erzählt Görg. Er war außerdem Praktikant in einer Großkantine und in der Grünpflege, bei letzterem handelte es sich um ein Projekt für Erwerbslose.

Die deutschlandweite Arbeitslosenquote in Baden-Württemberg ist mit circa 6,5 Prozent im Ländervergleich bereits niedrig. In Stuttgart liegt sie etwa zwei Prozentpunkte darunter. „Aber auch hier gibt es Armut“, weiß Betriebsseelsorger Görg und merkt an, dass das in reichen Städten manchmal vergessen wird. Anders als sein Berufsbegriff vermuten lässt, ist er auch für sie zuständig. Jeden Mittwoch findet in den Räumen der Betriebsseelsorge ein Treffen statt. Dann wird zusammen gekocht, gespielt und geredet. Außerdem macht die Gruppe Ausflüge in Parks, trifft sich zum Minigolf. „Damit mal wieder was los ist“, sagt Görg. Auch das ist Seelsorge. „Für Erwerbslose ist es wichtig, dass sie nicht stigmatisiert werden.“ Langzeitarbeitslose fielen „meist durchs Raster, weil sie eine Erkrankung oder Beeinträchtigung haben“. Dabei wollten die Menschen arbeiten, das zeige seine Erfahrung.

Ob ihn die vielen Schicksalsschläge manchmal verzweifeln lassen? Nein, sagt Michael Görg. Wenn er selbst keinen Rat mehr habe, tausche er sich mit seinen Kollegen aus. Für Menschen, die ihre Situation als hoffnungslos ansehen, bete er. Auch wenn viele Hilfesuchenden mit einem Gottesdienst vielleicht nichts anfangen könnten. Manche verspürten den Wunsch, gemeinsam zu beten. Und auch dann sind sie bei Michael Görg an der richtigen Adresse.

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