Betriebsseelsorger in Ludwigsburg Werksschließungen: Wie ein Seelsorger Betriebsräten hilft

Oft sitzt Christian Gojowczyk in seinem Büro in Ludwigsburg und versucht Menschen aus einer Lebenskrise herauszuhelfen. Foto: Werner Kuhnle

Christian Gojowczyk ist Betriebsseelsorger in Ludwigsburg. Er berät Menschen, deren Arbeitsplätze verschwinden werden. Wie man die Ohnmacht überwinden kann.

Ludwigsburg: Frank Ruppert (rup)

Flex, Ceratizit, Feintool – gefühlt jede Woche gibt es derzeit neue Hiobsbotschaften für Beschäftigte im Landkreis Ludwigsburg und der gesamten Region. Was das mit den Mitarbeitern macht, weiß Christian Gojowczyk so gut wie nur wenige. Seit 2014 ist er katholischer Betriebsseelsorger in Ludwigsburg und hat gerade alle Hände voll zu tun. Der 57-Jährige ist immer dann als Ansprechpartner für Betriebsräte und Belegschaft im Kreis besonders gefragt, wenn es ans Eingemachte geht. Neben Mobbingfällen ist er häufig mit Beratungen nach angekündigten Stellenstreichungen befasst.

 

Vor allem Betriebsräte stehen nicht selten unter einem enormen Druck. Auf der einen Seite müssen sie Konflikte mit dem Arbeitgeber im Sinne der Belegschaft klären, auf der anderen Seite Erwartungen der Kollegen erfüllen. Wenn dann die Geschäftsführung ohne Absprache die Werksschließung verkündet, maximiert sich der Druck. „Ich bin dafür da, den Menschen zu sehen“, sagt Gojowczyk.

Christian Gojowczyk (links) und Jeffrey Kleinpeter treffen sich regelmäßig zu Beratungsgesprächen. Foto: Werner Kuhnle

Als Betriebsseelsorger hat er Kontakte zu Betriebsräten und Gewerkschaften. In seiner Arbeit geht es darum, den Mensch in den Mittelpunkt zu stellen, erklärt er. Gojowczyk ist in Krefeld aufgewachsen und hat keinen klassischen theologischen Berufsweg. Er ist ein Quereinsteiger und war früher selbst Betriebsratsvorsitzender einer Firma, die in die Insolvenz ging.

Hilfe in Krisenzeiten

Diese Erfahrung hilft ihm heute, wenn er auf verzweifelte Menschen mit Existenzängsten trifft. Gojowczyk berichtet etwa von einer Frau, die in dritter Generation in einem Betrieb arbeitet, der nun geschlossen werden soll. „Viele fallen erst mal in ein Loch, wenn die Nachricht von der Werksschließung kommt. Oft geht es in den Gesprächen dann darum, Wege aufzuzeigen und Kontakte herzustellen“, erklärt der Betriebsseelsorger. Er ist vernetzt mit Behörden und anderen Stellen, die bei drohender Arbeitslosigkeit hilfreich sind. Wege aus der Ohnmacht begännen dabei oft mit kleinen Schritten.

Das bestätigt auch Jeffrey Kleinpeter. Der 62-Jährige sagt: „Ohne Christian wäre ich heute nicht hier.“ Kleinpeter hat als Betriebsrat in einer Firma im Kreis Ludwigsburg erlebt, welche psychischen und seelischen Folgen die Konflikte mit dem Arbeitgeber haben können. Der Druck ging so weit, dass er sich nicht mehr selbst zu helfen wusste. „Es gibt außer dem Betriebsseelsorger keine Stelle, an die man sich damit wenden kann. Ohne Christian wäre ich ins Bodenlose gefallen“, sagt der gebürtige US-Amerikaner.

„Ich bin kein Therapeut“

Gojowczyk habe ihm mit Gesprächen geholfen und auch bei der Suche nach einem Therapieplatz. „Ich bin kein Therapeut“, sagt der Seelsorger. Er kenne seine Grenzen und da, wo sich schwerwiegende seelische Probleme auftäten, gehe es um professionelle Hilfe. Kleinpeter geht es inzwischen besser. Er arbeitet nicht mehr in dem Betrieb, engagiert sich in der Gewerkschaft, lässt sich aber immer noch von Gojowczyk beraten.

Langjährige Beratungen gehören für den Betriebsseelsorger genau so zum Alltag, wie kürzere. Er richtet sich dabei komplett nach seinen Klienten, begleitet auch Menschen zum Arbeitsgericht. Manchmal hilft in schwierigen Zeiten auch einfach seine Anwesenheit. Der Seelsorger erzählt von einem Betriebsratsvorsitzenden, der nach harten Gesprächen enttäuschende Nachrichten übermitteln musste. „Der sagte mir, dass er den für ihn brutal schwierigen Tag wohl so nicht überstanden hätte, ohne mich. Allein die Tatsache, dass jemand dabei gewesen sei, an den er sich hätte wenden können, hat geholfen“, so Gojowczyk.

Menschliche Nähe in Krisenzeiten

Solche Momente gehen auch dem quirligen 57-Jährigen nahe. Er redet viel und gestikuliert dabei mit den Händen. Er ist nicht so sehr theologischer Ruhepol als vielmehr engagierter Zuhörer. Auch wenn der überwiegende Teil der Menschen, die er kostenlos berät, keine kirchliche Bindung haben, höre er oft: „Wenn ich Sie früher getroffen hätte, würde ich heute noch Kirchensteuern zahlen.“ Das ist Wasser auf seine Mühlen. Gojowczyk sagt, es sei wichtig, dass die Kirche bei den Menschen sei. In seinem Fall eben in Werkshallen, am Arbeitsgericht oder auf Kundgebungen statt in der Kirchenbank.

Eine weitere Aufgabe sei für Betriebsseelsorger, Dinge öffentlich anzusprechen. Weil er keine Partei in einem Tarifkonflikt sei, könne er bei Versammlungen oder Kundgebungen offen auf Missstände hinweisen. Fernab wirtschaftlicher Zusammenhänge spricht Gojowczyk oft Ungerechtigkeiten und menschenverachtende Praktiken bei den Unternehmen an. „Das macht mich nicht sehr beliebt bei den Geschäftsführungen, aber es ist wichtig, dass so etwas deutlich gesagt wird“, sagt er.

Besonders das „Vor-den-Kopf-Stoßen“ der Betriebsräte, in dem man Stellenstreichungen oder Werkschließungen ohne vorherige Informationen und Beratungen über Alternativen öffentlich macht, ist ihm ein Dorn im Auge. Es sei leider nur eine Ordnungswidrigkeit und werde deshalb sehr häufig praktiziert. Die Folgen seien für Belegschaft und Betriebsräte fatal, das Abfedern der Härte einer solchen Entscheidung dann sehr viel schwieriger. Das seien Folgen der zunehmenden Gier im Wirtschaftsdenken, das die Menschlichkeit oft verdränge.

Das leistet Betriebsseelsorge

Schwerpunkte
Nur 14 von 27 Diözesen in Deutschland haben eigene Strukturen für die Betriebsseelsorge. Etwa 50 hauptamtliche Betriebsseelsorger gibt es in Deutschland. Innerhalb der Diözese Rottenburg-Stuttgart gibt es an mehreren Orten Betriebsseelsorger mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Grundsätzlich widmen sich Betriebsseelsorger Themen wie Arbeitslosigkeit, Sucht oder Mobbing.

Mobbing
In Ludwigsburg hat man sich auf das Thema Mobbing spezialisiert. So gibt es eine Mobbing- und Konfliktberatung sowie eine Selbsthilfegruppe. Zudem wirkt man an der Mobbinghotline mit. Christian Gojowczyk ist im Vorstand des Trägervereins der Konflikthotline, zu der die Mobbinghotline gehört.

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