Betrug bei Klassenarbeiten Teenager vertreibt KI-Stifte, will aber „niemanden zum Schummeln verleiten“

Künstliche Intelligenz wie das Sprachmodell ChatGPT löst Schulaufgaben sekundenschnell – und inzwischen gibt es noch ganz andere Möglichkeiten, um zu schummeln. Foto: pictworks - stock.adobe.com

Ein neuer KI-Stift macht Betrugsversuche bei Klassenarbeiten so einfach wie nie zuvor. Warum ein Stuttgarter Rektor und KI-Experte gelassen bleibt und was er fordert.

Familie/Bildung/Soziales: Alexandra Kratz (atz)

Die Zahlen lassen manche Eltern hoffen: Auf seiner Internetseite scannix.de ist von einem „revolutionären KI-Stift“ die Rede. Mit diesem hätten 98 Prozent der Nutzerinnen und Nutzer mehr Spaß am Lernen, 93 Prozent würden besser lernen und 85 Prozent bessere Noten schreiben

 

Der KI-Stift sieht aus wie ein normaler Textmarker, doch er kann viel mehr. Die kleine Kamera an der Spitze scannt Dokumente. Dann greift das technische Gerät auf Künstliche Intelligenz (KI) zurück und liefert in Sekundenschnelle fast immer die richtige Lösung zu fast jeder Frage.

Der Stift stammt aus den USA, der 19-jährige Nick Ratuschny aus Wuppertal hat ihn auf den deutschen Markt gebracht. Er selbst hat eben erst sein Abi gemacht und absolviert nun eine Ausbildung zum Kaufmann im Bereich E-Commerce. Er wisse, wie es sich anfühle, wenn man an einer Aufgabe verzweifle. Mit Scannix wolle er das Lernen attraktiver und einfacher machen, sagt er im Interview mit unserer Zeitung.

Kein Aufruf zum Schummeln

Doch der KI-Stift ist auch eine elegante Möglichkeit, um in Tests zu schummeln. Zumindest erweckt ein Tiktok-Video den Eindruck, dass das mit dem kleinen technischen Gerät problemlos möglich ist. Zu sehen war, wie Schüler den Stift während der Prüfung aus der Tasche holen. Darunter zu lesen waren Kommentare wie „Danke an den ChatGPT-Stift für mein 1,3er-Abitur“ oder „Danke ChatGPT-Stift für 15 Punkte in dem Test“. Mittlerweile sind diese Videos aber nicht mehr verfügbar. Ohnehin sei es nur eine Marketingstrategie gewesen, um Reichweite zu generieren, sagt Nick Ratuschny und ergänzt: „Ich will niemanden zum Schummeln verleiten.“

Nick Ratuschny will nach eigenen Aussagen auch erreichen, dass in den Schulen mehr über KI gesprochen werde. Denn es sei ein großes Thema, mit dem man sich auseinandersetzen müsse.

Das sieht Benjamin Köhler genauso. Er ist der Rektor des Königin-Charlotte-Gymnasiums in Stuttgart-Möhringen, das sich als KI-Pilotschule versteht. Auf neue Erfindungen wie den Scannix-Stift blickt er vergleichsweise gelassen. „Er macht das, was ein Handy auch kann“, sagt der Schulleiter. Solche Täuschungsversuche würden er und seine Kolleginnen und Kollegen seit einigen Jahren immer wieder sehen. „Die technischen Möglichkeiten sind da. Mit KI ist es leicht zu betrügen.“

Benjamin Köhler, Rektor am Stuttgarter Königin-Charlotte-Gymnasium, fordert einen „echten Diskurs zum Thema Künstliche Intelligenz“. Foto: privat

Um dem zu begegnen, braucht es seiner Meinung nach „einen echten Diskurs zum Thema Künstliche Intelligenz“. Köhler ist überzeugt: „Die Schüler müssen KI-kompetent werden. Sie müssen verstehen, wann ihnen KI nutzt und wann sie ihnen schadet, weil sie das Lernen verhindert. Dann täuschen sie auch weniger.“ Im Grunde hätten Schüler und Lehrkräfte doch das gleiche Ziel, nämlich eine bestmögliche Vorbereitung auf das Leben. Traditionelle Leistungsmessungen wie Klassenarbeiten seien dabei ohnehin nur bedingt hilfreich.

Lernen im 21. Jahrhundert

Benjamin Köhler verweist in diesem Zusammenhang auf den Deep-Learning-Ansatz nach Michael Fullan, einem kanadischen Erziehungswissenschaftler und emeritierten Hochschullehrer. Das Königin-Charlotte-Gymnasium versucht, diesen Ansatz mehr und mehr in den Schulalltag zu integrieren. Im Zentrum stehen sechs übergeordnete Kompetenzbereiche, die als wesentlich für die erfolgreiche Teilhabe am Leben im 21. Jahrhundert angesehen werden:

  • Charakterstärke (character): die Fähigkeit und Motivation, selbständig neues Wissen zu entwickeln
  • Gesellschaftliches Engagement (citizenship): meint ein klare Wertehaltung als Grundlage für das lernende Handeln
  • Kommunikation (communication): meint die Fähigkeit, eigene Interessen und Bedürfnisse zu kommunizieren
  • Zusammenarbeit (collaboration): die Fähigkeit, projektorientiert und differenzierend zusammenzuarbeiten
  • Kritisches Denken (critical thinking): aktuellen Zustände kritisch hinterfragen und Herausforderungen identifizieren
  • Kreativität (creativity): die Bereitschaft, Probleme mit originär neuen Ansätzen zu lösen

Um diese sogenannten 6 C’s – abgeleitet von den englischen Begriffen – im 21. Jahrhundert mit Leben zu füllen, braucht es nach Köhlers Ansicht ein tiefes Verständnis von KI. Dafür müssten Lehrkräfte und Schülerschaft gleichermaßen geschult werden.

Deutsches Schulbarometer beschäftigt sich mit dem Thema KI

Genauso steht es auch im Deutschen Schulbarometer 2025, für das die Robert-Bosch-Siftung 1540 Lehrerinnen und Lehrer befragt hat. „ChatGPT und vergleichbare Anwendungen sind längst Teil der Lebenswelt junger Menschen und lassen sich auch durch Verbote nicht mehr aus dem schulischen Alltag verbannen“, so Dagmar Wolf, Leiterin des Bildungsbereichs der Stiftung. Sie ergänzt: „Lehrkräfte sollten eigene Erfahrungen mit diesen Technologien sammeln. Darüber hinaus sind systematische Fortbildungen zum Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Unterricht unerlässlich. Nur so können Schülerinnen und Schüler zu einem reflektierten und verantwortungsvollen Umgang befähigt werden.“

Doch nach einer repräsentativen Studie betrachten noch immer viele Lehrkräfte den Einsatz von KI im Unterricht mit gemischten Gefühlen. Bei vielen überwiege die Sorge – selbst bei jenen, die bereits eigene Erfahrungen mit KI gesammelt hätten.

Die 1540 befragten Lehrkräfte sollten unter anderem einschätzen, wie sich der Einsatz von KI auf verschiedene Kompetenzen auswirkt. Das Ergebnis: „Vor allem bei sozialen und kommunikativen Fähigkeiten sowie beim kritischen Denken sehen über 60 Prozent der Befragten eher negative Auswirkungen.“

Auch Nick Ratuschny hat sich mit den weniger guten Seiten von KI beschäftigt. Kinder in der ersten oder zweiten Klasse sollten seiner Meinung nach noch keinen Scannix-Stift bekommen. In diesem Alter seien definitiv noch die Eltern gefragt. Aber in höheren Klassen könne er Mütter und Väter vielleicht entlasten, weil die Kinder dann die KI statt der Eltern befragen können.

So viel kostet der neue KI-Stift

Das hat aber auch seinen Preis. Der Stift selbst ist aktuell für etwa 65 Euro zu haben. Im Anschaffungspreis inbegriffen sind 50 Anfragen. Sind die aufgebraucht, müssen sogenannte Credits nachgekauft werden. Es gibt verschiedene Pakete: zum Beispiel für 5,90 Euro 300 weitere Credits, die innerhalb von drei Monaten aufgebraucht werden müssen oder für 49,90 Euro 3000 Credits, die ein Jahr lang gültig sind.

Eine Garantie, ob die von Scannix gelieferten Antworten immer richtig sind, gibt es freilich nicht. Denn KI recherchiert nicht, sie rechnet und liefert ein wahrscheinliches Ergebnis. Dazu greift sie in der Regel auf große Sprachmodelle zurück, sogenannte Large Language Models (LLM). Das bekannteste unter ihnen ist ChatGPt. Der Scannix-Stift greift aber nicht auf das von OpenAI entwickelte Sprachmodell zurück, sondern auf eine eigene „KI-Engine“, wie es auf der Homepage heißt.

Auch das könnte ein Grund dafür sein, warum das Tiktok-Video, in dem von einem ChatGPT-Stift die Rede ist, mittlerweile nicht mehr im Netz verfügbar ist. Verifizieren lässt sich das aktuell nicht.

Das kleine Start-up ist in den vergangenen Tagen mit Medienanfragen buchstäblich überschüttet worden und teilt nun schriftlich mit: „Leider befinden wir uns derzeit in einer Phase interner Umstrukturierung und haben uns dazu entschieden, momentan keine Presseformate weiter aktiv zu begleiten oder zu beliefern.“

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