Wer sich solche Fälle wie den von Lilibeth Bergmann ansieht, der fragt sich meist: „Wie kann man auf so etwas hereinfallen?“ Doch das könne im Prinzip jedem passieren, unabhängig vom Alter und Bildungsgrad, Frauen ebenso wie Männern, sagt Michael Ulreich. Er kennt sich als Leiter des dafür zuständigen Dezernats im Ludwigsburger Polizeipräsidium bestens mit Betrugsdelikten, Geldwäsche und Wirtschaftskriminalität aus. Und die Grenzen zwischen den Delikten sind oft fließend.
Alles fange damit an, wie man mit seinen Daten umgehe, so Ulreich. „Eine ganze Betrugsindustrie lebt von einfach verfügbaren Daten im Internet.“ Manchmal sei Fahrlässigkeit das Problem, der Facebook-Account werde gehackt, und leicht werde jemand mal schnell „geaddet“. „Viele denken da nicht lang drüber nach, und dann ist man schon einen Schritt weiter, über den Tisch gezogen zu werden“, warnt der Experte. Das Darknet biete ausgespähte Daten aller Art – Kontonummern, Identitäten, Benutzerkonten für Social Media –, die dann an Betrüger verkauft würden.
Kriminelle sind bestens ausgerüstet
Die Kriminellen seien bestens ausgerüstet. Zum einen technisch, wobei der Einsatz künstlicher Intelligenz den Betrug erleichtere: „Das wird deutlich zunehmen“, ist Ulreich überzeugt. Zum anderen seien die Täter geschulte Profis – in ausländischen, oft nigerianischen oder ghanaischen Callcentern. „Sie verstehen es, zwischen den Zeilen zu lesen und dann die richtigen Knöpfe bei ihrem Gegenüber zu drücken.“ Oft nutze man eine Schwachstelle der Opfer aus, die im Chat das Gefühl hätten: „Endlich mal jemand, der mich versteht.“ Gern würden vorübergehende Notlagen oder finanzielle Engpässe vorgetäuscht – „da sitzt dann jemand auf einer Bohrinsel oder im Zoll hängt ein Koffer mit Schmuck fest, an den man gerade nicht rankommt“, so Ulreich. Und die Opfer lebten irgendwann so in der aufgebauten Legende, dass sie nicht mehr klar denken könnten.
Für die Polizei sei es schwer, den Tätern auf die Spur zu kommen, sagt die Polizei-Pressesprecherin Victoria Zahler. „Gute 80 Prozent der Fälle werden gar nicht angezeigt, vieles landet erst wegen des Verdachts der Geldwäsche bei uns.“ Denn die Opfer überwiesen das Geld teilweise an die Konten anderer Betrugsopfer, die das Geld arglos weiter überwiesen oder in Bitcoins umwandelten. „Und so wird das zigfach aufgefächert, bis man es kaum noch nachvollziehen kann“, so Ulreich.
Auch Günther Bubenitschek, Präventionsbeauftragter der Opferschutzorganisation Weißer Ring für Baden-Württemberg, sagt: „Das, was wir sehen, ist nur die Spitze des Eisbergs. Es werden so lange Druck und emotionale Bindungen aufgebaut, bis man nicht mehr normal handelt.“ Nicht zu vergessen gebe es nicht nur bei Jugendlichen, sondern auch bei Erwachsenen eine Abhängigkeit von Social Media. „Menschen, die es nicht ehrlich meinen, nutzen das aus.“ Es sei enorm wichtig, Medienkompetenz zu entwickeln. „Und Wischkompetenz heißt nicht Medienkompetenz“, betont Bubenitschek. „Da muss man auch ehrlich zu sich selber sein.“
Ulreich und Zahler haben noch weitere Tipps: „Nie die persönlichen Daten rausgeben, schon gar nicht am Telefon. Nie online mit dem Personalausweis identifizieren, auch nicht bei angeblichen Arbeitsverträgen für Nebenjobs. Die Online-Funktion von Personalausweisen öffnet Betrügern Tür und Tor. Updates sollten immer sofort installiert und nicht auf später verschoben werden. Die schutzlose zeitliche Lücke kann für Schadsoftware genutzt werden. Und grundsätzlich: Immer eine gesunde Skepsis bewahren.“