Betrugsmasche in Leinfelden-Echterdingen Stromvertrag an Haustür untergejubelt

Die 88-jährige Frau aus Leinfelden-Echterdingen hat noch eine Extra-Klausel unterschrieben. Foto: dpa/Patrick Pleul

Eine Berliner Firma verkauft mit einer Masche Strom- und Gasverträge an der Haustür. Dabei wählt sie vorzugsweise ältere Menschen aus. Wie die Betrüger die Leute in die Verträge drängen, zeigt ein Fall aus Leinfelden-Echterdingen.

Filderzeitung: Natalie Kanter (nak)

Leinfelden-Echterdingen - Die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg warnt schon länger vor einem Energie- und Telekommunikationsanbieter aus Berlin und seinen Maschen. Seit einigen Monaten geht der Verein erneut gegen die Berliner Firma vor: „Die Primastrom GmbH kommt mit fiesen Tricks an Gas- und Stromverträge“, heißt es in einer Pressemitteilung. Verbraucher würden dazu gebracht, Unterlagen zu unterzeichnen, die zu einem ungewollten Vertragsschluss führen und bestehendes Recht aushebeln. Dem Energie- und Telekommunikationsanbieter gelinge es immer wieder, insbesondere ältere Menschen, abzuzocken. Wie auch ein Beispiel aus Leinfelden-Echterdingen zeigt.

 

Ein Mann hat kürzlich bei der 88-jährige Tante von Claudia Ruppert-Sand an der Haustür geklingelt. Er hat der Frau, die erkennbar an Demenz leidet, einen Strom- und Telefon-Vertrag vorgelegt und sie dazu gebracht, diesen zu unterschreiben. „Der Trick ist, dass dieser Vertrag eine Extra-Klausel enthält, die mit einer zusätzlichen Unterschrift zu bestätigen ist“, schreibt Claudia Ruppert-Sand unserer Zeitung auf Nachfrage.

Trick mit einer Extra-Klausel

Mit dieser Unterschrift hat ihre Tante bestätigt, dass sie älter als 86 Jahre alt ist, dass ihr die Vertragsinhalte ausführlich und verständlich erklärt worden sind und dass sie auch diese Zusatzerklärung gelesen und verstanden hat. „Diese Klausel ist womöglich wichtiger Bestandteil der Betrugsmasche und legitimiert die Haustürgeschäfte mit alten Menschen“, erklärt Ruppert-Sand. Ihre Tante habe das ihr vorgelegte Papier nicht verstanden. Sie habe dennoch unterschrieben, weil der Mann Druck gemacht habe.

Eine Anwaltskanzlei, die offenbar für diese Firma arbeitet, stellt jetzt mehr als 300 Euro in Rechnung. „Rechtlich muss sie nun wohl für zwei Verträge zahlen, da die Widerspruchsfrist bereits verstrichen ist“, schreibt Ruppert-Sand. Bei Nichtzahlung werden gerichtliche Schritte von dem Anwalt angedroht.

Um andere vor dieser Masche zu warnen, hat sich die Dozentin für berufliche Weiterbildung an den Pflegestützpunkt und an den Seniorenrat der Stadt gewandt. „Wir haben die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg informiert“, sagt Peter Löwy, Leiter des Amts für soziale Dienste, unserer Zeitung. Der Verein hat die Firma wegen diesem Vorgehen schon mehrfach abgemahnt. Er hat Anfang März in der Sendung Marktcheck des SWR vor dieser Betrugsmasche gewarnt und auch Kontakt zum Landeskriminalamt aufgenommen. „Uns liegen allein 70 Fälle aus Baden-Württemberg vor“, sagt Matthias Bauer von der Verbraucherzentrale unserer Zeitung. Er gehe davon aus, dass dies nur die Spitze des Eisbergs sei und dass ein größerer Datenmissbrauch dahinterstecken könnte.

Die Masche läuft immer gleich ab

„Die Masche läuft immer gleich ab“, erklärt er. Der Firma lasse angebliche Mitarbeiter von Vodafone oder der EnBW an Haustüren klingeln. Diese geben vor, Telefon- und Internetanschlüsse prüfen zu müssen. Das Gespräch werde dann sehr schnell auf Strom und Gasverträge gelenkt, vielleicht wolle man ja Geld sparen. Danach würden die Leute überredet, mehrere Schreiben zu unterzeichnen. Dabei sei ihnen nicht bewusst, dass ihnen mit der Unterschrift ein Vertrag mit der Firma untergeschoben werde. „Das ist komplett rechtswidrig und illegal“, sagt Bauer. In der Regel würden die Betroffenen nicht über das ihnen zustehende Widerrufsrecht aufgeklärt.

Denn bei solchen Haustürgeschäften hat man eigentlich auch 14 Tage Zeit, das Ganze zu überdenken. Mit der Zusatzvereinbarung, die auch die Tante von Claudia Ruppert-Sand unterschrieben hat, gaukle die Firma vor, aufgeklärt zu haben, die meist alten Menschen nicht zu benachteiligen, das aber sei mitnichten der Fall.

Matthias Bauer von der Verbraucherzentrale rät, sich an die Polizei zu wenden, den Vertrag zu widerrufen sowie eine Anfechtung wegen Täuschung oder Drohung zu erheben.

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