Millionenschaden in Baden-Württemberg Wie Senioren mit teuren Büchern abgezockt werden

Der „Schatz“ im Schlafzimmer: Zehntausende Euro hat die Rentnerin für diese Bücher bezahlt Foto: Leif-Hendrik Piechowski/Leif Piechowski

Es ist eine Betrugsmasche mit Millionenschaden: Immer wieder zahlen alte Menschen Zehntausende Euro für angeblich wertvolle Bücher. Nun traf es eine Stuttgarter Rentnerin.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)

Die Sache mit den unglaublich teuren Büchern hatte Gerlinde Hilpert (Name geändert) ihren Angehörigen lieber verschwiegen. Niemand wusste, welchen „Schatz“ die 87-jährige Stuttgarterin in ihrem Schlafzimmer aufbewahrte. Neben ihrem Bett stapelten sich Kartons mit den meist großformatigen Bänden, die sie für mehrere Zehntausend Euro erstanden hatte. Heilige Schriften, Goldener Psalter, Himmelsatlas – so oder ähnlich hießen die angeblich aufwendig hergestellten Reproduktionen historischer Werke. Niemand ahnte, dass sich die allein lebende Seniorin dafür schon länger verschuldet hatte; trotz guter Rente war ihr Konto anhaltend im Minus.

 

All das stellte sich erst heraus, als Hilpert nach einem Sturz für längere Zeit ins Krankenhaus und in Pflege kam. Verwandte kümmerten sich derweil um ihre Angelegenheiten – und stießen auf die Bücher samt den zugehörigen Rechnungen. Für einen gut 7000 Euro teuren Band („Meisterwerke der Welt“) liefen sogar noch Ratenzahlungen, erst rund 4000 Euro waren beglichen. Im Handelsportal Ebay, recherchierten die Angehörigen, wurde offensichtlich das gleiche Werk für 150 Euro angeboten. Ähnlich groß war die Diskrepanz bei einer anderen Bestellung. Ihr Fazit: Man habe ihrer Tante die Bücher „in betrügerischer Absicht“ angedreht, völlig überteuert und wohl mit falschen Versprechen zur Wertsteigerung.

Anfangs geht es um den Verkauf von Lexika

Tatsächlich spricht alles dafür, dass Hilpert zum Opfer einer ebenso infamen wie raffinierten Abzockmasche wurde. Vor allem alte Menschen werden dabei um viel Geld gebracht, nach Schätzungen insgesamt im dreistelligen Millionenbereich. Seit einigen Jahren warnen Polizei und Verbraucherschützer vor den „Buch-Betrügern“, doch das Geschäft scheint weiter zu florieren. Rechtlich ist den Machenschaften nicht leicht beizukommen, zumal die Akteure – eine beträchtliche Zahl von Anbieterfirmen und ein großes Netz freier Handelsvertreter – juristisch gut gewappnet sind. Doch in Baden-Württemberg startet demnächst ein Prozess, der ein grelles Schlaglicht auf die Branche werfen dürfte.

Das Vorgehen ist immer mehr oder weniger so, wie es die Polizei im fränkischen Ansbach Ende 2022 in einer Warnung schilderte. Betroffen seien Senioren, die Nachschlagewerke einer einstigen Buchhandelskette besäßen – gemeint ist der Bertelsmann-Buchclub. Bei ihnen klingelten Vertreter, die sich angeblich dafür interessieren. Ihre Offerte: Die Lexikotheken seien stark im Wert gestiegen, nun lohne sich ein Verkauf. Zuvor müssten die Sammlungen aber durch weitere wertvolle Nachdrucke vervollständigt werden. Diese würden ihnen zu „völlig überteuerten Preisen“ verkauft, bei Geldmangel gerne mit Finanzierung. Später kämen weitere Vertreter mit angeblich neuen Interessenten und noch höheren Angeboten. Zuvor aber gelte es, weitere Werke zu erwerben. Wer einmal angebissen habe, so die Polizei, werde „zum Spielball“ der Betrüger, die Schäden summierten sich pro Fall auf mittlere fünfstellige Beträge. Auf den Büchern blieben die Senioren am Ende sitzen. Die Vertreter ließen sie noch Erklärungen unterschreiben, dass man ihnen nichts versprochen habe.

Kontaktiert werden einstige Buchclub-Mitglieder

Auch Gerlinde Hilpert war einst Mitglied im Bertelsmann-Buchclub, von dem die Vertreter vorgeblich kommen; die Lexika stehen noch in ihrem Wohnzimmerschrank. Auch sie wurde von immer neuen, eloquenten Vertretern aufgesucht, meist jungen Männern. Einen ganzen Stapel von Visitenkarten hat sie inzwischen gesammelt, mit seriös und exklusiv klingenden Firmennamen. Am Ende hatte sie viel mehr Bücher erworben, als sie eigentlich wollte und sich leisten konnte. Für den Gegenwert, frotzelt ihr Neffe, „hättest du dir einen Porsche kaufen können“. Wenigstens die beiden noch laufenden Verträge will er nun rückgängig machen.

Doch späte „Kaufreue“ ist für die Firmen rechtlich nicht relevant. In der Branche möge es schwarze Schafe geben, lassen die betroffenen Anbieter über einen Anwalt ausrichten, aber man selbst arbeite „absolut seriös“. Die Kunden würden klar informiert, Vertreter systematisch geschult. Jeder Käufer unterschreibe, dass „die Produkte nicht als Wertanlage geeignet sind“. Klageverfahren nähmen inzwischen zwar zu, blieben aber erfolglos. Dahinter stünden selbst ernannte „Opferanwälte“, die für sich ein lukratives Tätigkeitsfeld entdeckt hätten.

Ein Anwalt hat schon 2000 Fälle bearbeitet

Gemeint ist etwa Wolfgang Schneider aus Bielefeld, der sich mit seiner Kanzlei auf solche Fälle spezialisiert hat. Für ihn ist es allzu durchsichtig, wie hier der Spieß umgedreht werden soll. Mehr als 2000 Mandate habe er bereits bearbeitet, auch aus Baden-Württemberg – „von Freiburg und Ulm bis nach Mannheim“. Juristisch seien die Verfahren „durchaus kniffelig“, sagt Schneider, zumal die Gegenseite gut aufgestellt sei. Aber die bisher erstrittenen Urteile machten ihm Mut. Wenn zwischen Wert und Verkaufspreis ein „krasses Missverhältnis“ bestehe, könne der Kauf angefochten und rückabgewickelt werden; mehrere Gerichtsgutachten bestätigten eine solche Diskrepanz. Strafrechtlich sei die Bücher-Abzocke ebenfalls nicht leicht zu fassen. Der eigentliche Betrug, so der Anwalt, spiele sich im Gespräch ab, auf dem Papier stehe später anderes. Zugute komme den überaus professionell vorgehenden Tätern zudem, dass sich „die Betroffenen schämen und zunächst die Dinge unter der Decke halten“ – so wie Gerlinde Hilpert. Noch heute kann sie es nicht ganz fassen, wie sie sich über den Tisch ziehen ließ. Immer wieder lächelt sie im Gespräch verlegen.

Indirekten Beistand bekommen die Betroffenen vom Bertelsmann-Konzern. Dort will man nicht hinnehmen, dass „unser Name missbräuchlich und in rufschädigender Weise genutzt wird“. Den Direktvertrieb haben die Gütersloher laut einem Sprecher bereits 2014 eingestellt. Einige der damaligen Handelsvertreter hätten Nachfolgeunternehmen gegründet, „die aus unserer Sicht unseriös agieren“. Man habe selbst keinerlei Kundendaten weitergegeben und ausdrücklich verboten, diese zu nutzen. Gleichwohl würden einstige Kunden „in zwielichtiger Absicht aufgesucht“, was man sehr bedauere. Mit Rundbriefen hat Bertelsmann inzwischen vor solchen Machenschaften gewarnt. Zugleich sei man rechtlich gegen knapp ein Dutzend Vertreter vorgegangen. Nach Anzeigen von Kunden sei es zudem „zu strafrechtlichen Verurteilungen bis hin zur Gefängnisstrafe“ gekommen.

Prozess in Ellwangen gegen fünf Angeklagte

Freiheitsstrafen könnten auch fünf Handelsvertretern aus der Branche drohen, die die Staatsanwaltschaft Ellwangen gerade beim dortigen Landgericht angeklagt hat. Schweren gemeinschaftlichen Bandenbetrug, Betrug und Diebstahl wirft sie dem Quintett vor, das bereits in U-Haft sitzt. Ihrem Opfer, einem vermögenden älteren Mann mit körperlichen und geistigen Einschränkungen aus Crailsheim, sollen sie übel mitgespielt haben. Nachdem er schon Bücher für mehrere Zehntausend Euro erworben hatte, wurde der Mann laut Anklage erst richtig abkassiert: Unter dem Vorwand, man könne seine gesammelten Werke lukrativ verkaufen, wurden von ihm „Vorabgebühren“ und eine „Kaution“ in sechsstelliger Höhe verlangt, die er auch arglos bezahlte. 120 000 Euro Bargeld sollen die Vertreter dann noch nebenbei aus seiner Wohnung mitgehen lassen haben. Erst als der Mann zur Bank ging, um nochmals 15 000 Euro zu holen, flog die Sache auf: Ein Mitarbeiter alarmierte die Polizei. Wenn das Gericht die Anklage zulässt, könnte der Prozess noch im Frühjahr starten.

Die Angehörigen von Gerlinde Hilpert haben derweil ebenfalls Kontakt zur Polizei aufgenommen. Zunächst wollen sie verhindern, dass vom überzogenen Konto weiter Geld an die Buchfirmen fließt. Eine hat sich bereit erklärt, aus „Kulanzgründen“ einen Nachlass von zehn Prozent zu gewähren; der Restbetrag müsse dann aber vollständig und pünktlich beglichen werden. Wenn die Lieferanten vom Wert der Bücher überzeugt seien, nähmen sie diese sicher anstandslos zurück – dieses Argument lief ins Leere. Ihrer Tante haben die Verwandten eingeschärft, bloß keine Vertreter mehr ins Haus zu lassen. Erst vor Kurzem hatte sich telefonisch wieder einer angekündigt.

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