Bevölkerung auf den Fildern Wie die Pandemie Städte verändert
Die Wohnbevölkerung ist 2020 in Filderstadt und Leinfelden-Echterdingen leicht zurückgegangen. Wir wollten wissen, warum.
Die Wohnbevölkerung ist 2020 in Filderstadt und Leinfelden-Echterdingen leicht zurückgegangen. Wir wollten wissen, warum.
Filder - Wie viele Menschen passen auf die Filder? Diese Frage ist angesichts des Bevölkerungswachstums der vergangenen Jahrzehnte berechtigt. Jüngst sind die Einwohnerzahlen von Filderstadt und Leinfelden-Echterdingen allerdings ganz leicht zurückgegangen, wie ein Blick in die Melderegister der Kommunen zeigt. So sank die Zahl in Leinfelden-Echterdingen von Ende 2019 bis Ende 2020 von 40 465 auf 40 344 Einwohner. Das sind 121 Menschen weniger. In Filderstadt ist im gleichen Zeitraum ein Rückgang von 46 303 auf 46 205 zu verzeichnen, die Einwohnerzahl ist dort um fast 100 Menschen gesunken.
In beiden Städten sind im ersten Coronajahr im Vergleich zu 2019 mehr Menschen gestorben. Während Mitte 2021 in Filderstadt der Bevölkerungsrückgang schon fast wieder ausgeglichen war, dort also eine Zick-Zack-Bewegung auszumachen ist, lag die Bevölkerungszahl in der Nachbarkommune Mitte dieses Jahres bei 40 320. Sie ist damit erneut minimal zurückgegangen.
„Wir haben in Filderstadt eine durchaus beachtliche Fluktuation an Menschen“, sagt der Oberbürgermeister Christoph Traub. Das merke er daran, dass er alle neu Zugezogenen mit einem Schreiben begrüßt und pro Jahr rund 3000 solcher Briefe verschickt. „Genau in diesem Prozentsatz haben wir seit Jahren Zuzüge und Wegzüge in der Stadt“, sagt er. Das hänge mit dem Großraum Stuttgart zusammen, mit beruflichen Veränderungen, habe also mit der sogenannten innerdeutschen Zuwanderung zu tun. Das gleiche sich über die Jahre hinweg aus. Insgesamt halte die Stadt seit 2016/2017 ein relativ konstantes Niveau an Einwohnern.
Dass diese Zahl jüngst etwas gesunken ist, hat laut Traub schon etwas mit der Pandemie zu tun, allerdings führt er das nicht nur auf die etwas höhere Sterblichkeit zurück. Es habe auch weniger räumliche Veränderungen gegeben. Viele Beschäftigte könnten mittlerweile im Homeoffice arbeiten. So hat es 2020 im Vergleich zu 2019 ähnlich viele Wegzüge, aber weniger Zuzüge gegeben. Gleichzeitig verfüge Filderstadt über eine erfreulich hohe Geburtenzahl. „Wir haben viele junge Familien in der Stadt, sodass wir sogar ein Problem mit Kinderbetreuungsplätzen haben.“ Wohnraum sei zudem „ein knappes und teures Gut – speziell auch in Filderstadt“. Für Angehörige mancher Berufsgruppe sei dieser Wohnort nicht mehr erschwinglich, insbesondere dann, wenn sie eine Familie gründen und sich räumlich vergrößern wollen.
In Filderstadt hat sich der Gemeinderat im Zuge des Flächennutzungsplanes mit der Bevölkerungsentwicklung befasst. „Es wurde dargestellt, dass eine Zuwanderung notwendig ist, da andernfalls ein allmähliches Älterwerden der Bevölkerung zu einer unausgewogenen Altersstruktur führen würde“, schreibt Barbara Scheubert, Sprecherin der Stadt Filderstadt, unserer Zeitung. Auslastungsprobleme der technischen und sozialen Infrastruktur wären die Folge. Die Stadt würde auch weniger Einkommenssteuer einnehmen können. Eine verstärkte Abwanderung würde geringere Zuweisungen aus dem kommunalen Finanzausgleich bedeuten. „Um den Status quo der Bevölkerung zu halten, bedarf es eines quantitativen Wachstums.“
Die Verwaltung und der Gemeinderat machen sich laut Traub derzeit Gedanken, wie die Filderstädter Stadtgesellschaft attraktiver werden kann. „Wir müssen uns konsequent dem Thema bezahlbarer und geförderter Wohnraum widmen“, sagt der Oberbürgermeister. Ein Kinderbetreuungskonzept werde gerade entwickelt, dabei werde auch der neue Rechtsanspruch der Ganztagesbetreuung im Grundschulbereich in den Blick genommen. Das Elisabeth-Selbert-Gymnasium in Bernhausen werde mit einem Anbau erweitert. „Wir haben jetzt auch den 15-Minuten-Takt bei den S-Bahnen in der Stadt“, sagt Traub. Es gelte, die örtlichen Unternehmen zu stützen. Denn für eine attraktive Stadtgesellschaft sei es auch wichtig, gute und auskömmliche Arbeitsplätze im Stadtgebiet zu haben.
„Im Flüchtlingsbereich haben wir abgebaut, es gab Wegzüge, die sich jetzt bemerkbar machen“, versucht der Bürgermeister Carl-Gustav Kalbfell sich den Bevölkerungsrückgang in Leinfelden-Echterdingen zu erklären. Eine jährliche Statistik über An- und Abmeldungen führe die Stadt allerdings nicht. Bemerkbar mache sich, so vermutet er, auch die Coronapandemie. „Es gab keine Veranstaltungen auf der Landesmesse“, sagt Kalbfell. Gastronomie und Hotels hatten weniger Personalbedarf, Letztere seien deutlich weniger ausgelastet. Die Passagierzahlen am Flughafen seien stark eingebrochen.
All diese Branchen bräuchten nun weniger Leute, die unmittelbar am Airport leben. Zudem seien die Mieten in der Stadt hoch. „Wer hier nicht wohnen muss, weil er andere Möglichkeiten hat, vielleicht auch im Homeoffice arbeiten kann, entscheidet sich vielleicht auch, wegzuziehen.“
Sollte die Bevölkerungszahl sogar wieder unter die 40 000-Marke rutschen, befürchtet Kalbfell aber keine finanziellen Nachteile für die Kommune. „Wir hatten auch keinen Unterschied festgestellt, als wir die 40 000-Schwelle erreicht hatten“, sagt er. „Wir sind dadurch in keinen neuen Förderkreis gerutscht. Wir sehen diese Entwicklung gelassen.“ Zumal sie aller Voraussicht nach nur eine Momentaufnahme sei.
Denn in den kommenden Jahren werden allein im Leinfelder Neubaugebiet Schelmenäcker 223 Wohnungen auf den Markt kommen. Das Gebiet Goldäcker soll entwickelt werden, es gibt eine Wohnbauoffensive in der Stadt. Kalbfell geht davon aus, dass die Einwohnerzahl mittelfristig wieder steigen wird. Sie werde sich stabilisieren – deutlich oberhalb der 40 000.