Bevölkerungsentwicklung Weniger Kinder zeugen? Das hat Folgen

Neugeborene auf einer Säuglingsstation in Halle Foto: dpa/Waltraud Grubitzsch

Im globalen Wettrennen um Wohlstand und Einfluss spielt die Demografie eine große Rolle. Für China sieht das nicht gut aus, für die Amerikaner schon deutlich besser. Und was machen wir Europäer?, fragt unser Kolumnist Rainer Pörtner.

Politik/Baden-Württemberg: Rainer Pörtner (pö)

Joe Biden ist für diese Aussage viel kritisiert, von manchen auch verspottet worden. In einer Rede in Washington hatte der amerikanische Präsident Japan und Indien in eine ungewöhnliche Reihe mit China und Russland gestellt. „Warum geht es China wirtschaftlich so schlecht? Warum ist Japan in Schwierigkeiten? Warum ist Russland in Schwierigkeiten? Und Indien?“, fragte der US-Präsident sein Publikum. Seine Antwort: „Weil sie fremdenfeindlich sind.“

 

In der Verknappung ist das tatsächlich ein bisschen schief, die Lage in diesen vier Ländern ist sehr unterschiedlich. Aber im Kern hat der US-Präsident etwas gesagt, was viele heute ungern hören und doch wahr ist: Die amerikanische Wirtschaft ist auch deshalb so stark und wächst auch deshalb weiter ordentlich, weil die USA viele Menschen aus anderen Ländern aufnehmen.

Ökonomische und machtpolitische Vorteile

Wie sich eine Bevölkerung in Zahlen entwickelt, entscheidet mit darüber, wie stark oder schwach ihr Staat ist. Bevölkerungsgewinn, ob durch Geburt oder Zuwanderung, kann zu ökonomischen und machtpolitischen Vorteilen führen.

Um hier kein Missverständnis zu produzieren. Bevölkerungswachstum allein ist kein Garant für Prosperität. Wenn es viele junge Leute gibt, aber nicht entsprechend viele Arbeitsplätze, führt das zu katastrophalen Problemen. Das kann man in vielen Ländern Afrikas beobachten. Wenn Migranten schlecht ausgebildet sind, wenn ihnen die Integration schwerfällt oder schwer gemacht wird, verschärft es die ökonomischen Probleme im Aufnahmeland, statt sie zu lösen. Andersherum gilt aber sicher: Ein Staat, dessen Bevölkerung kleiner und immer älter wird, hat Mühe, seinen Status zu wahren.

Die chinesische Bevölkerung vergreist und schrumpft

In vielen Betrachtungen zur Rivalität von China und den USA ist dieser Aspekt nur schwach beleuchtet. Es herrscht der Eindruck vor, das Regime in Peking sei auf einem sicheren Pfad in Richtung Weltherrschaft. Im Grunde gehe es nur noch um wenige Jahre, bis China die USA ökonomisch, militärisch und machtpolitisch überholt.

Doch es gibt – neben der zunehmenden Ideologisierung der Politik durch Xi Jinping und seine Partei – eine große Fortschrittsbremse für China: Das Land vergreist und schrumpft – im Jahr 2022 beispielsweise um 850 000 Menschen. Nachwuchs gibt es viel zu wenig: Die Geburtenrate liegt nur noch bei 1,09 Kindern pro Frau. Eine Rate von 2,1 ist notwendig, um eine Bevölkerung ohne Zuwanderung stabil zu halten. Bis zum Ende des 21. Jahrhunderts könnte sich die Einwohnerzahl halbieren. China durchlebt, was alle wirtschaftlich erfolgreichen Gesellschaften prägt: mit steigender Bildung, besserem Gesundheitssystem und wachsendem Wohlstand geht die Geburtenrate zurück. Das kommunistische Regime hat mit seiner Ein-Kind-Politik, die zwischen 1980 und 2016 galt, die Überalterung noch forciert.

Hohe Ausgaben für Menschen, die alt sind und nicht mehr arbeiten

Die Folgen sind spürbar. Die Wirtschaft boomt nicht wie bisher, weil der Nachschub an Arbeitskräften stockt und China keine Migration in größerem Stil zulässt. Eine höhere Produktivität des einzelnen Arbeiters wird das voraussichtlich nicht ausgleichen.

Peking muss immer mehr Geld ausgeben für Menschen, die alt sind und nicht mehr arbeiten. Gleichzeitig sinkt die Zahl der Männer im wehrfähigen Alter. Das ist ein großes Hemmnis, wenn man eine eindrucksvolle Streitmacht aufrechterhalten will.

Die USA schneiden besser ab. Ihnen wird prognostiziert, dass die Bevölkerungszahl von heute bis zum Jahr 2050 um rund 35 Millionen auf dann 375 Millionen steigt. Die US-Geburtenrate lag im vorigen Jahr auch nur bei 1,66 Kindern pro Frau. Aber damit ist sie noch deutlich höher als in China. Vor allem: Die USA sind bisher attraktiv für Migranten, die weiter in hoher Zahl ins Land strömen wollen. „Die Vereinigten Staaten mögen aktuell von innenpolitischen Problemen und Spaltungen heimgesucht sein, aber unter dem Gesichtspunkt der Demografie sieht ihre Zukunft überraschend rosig aus“, schreibt der Wissenschaftler Nicholas Eberstadt im US-Magazin „Foreign Affairs“.

„Europa ist ein demografisches Katastrophengebiet“

Und wo stehen wir, die Europäer? „Europa ist ein demografisches Katastrophengebiet“, sagt der US-Forscher Paul Morland. Viele Europäer haben beschlossen, wenige oder gar keine Kinder zu wollen. Aber gleichzeitig erwarten sie, „dass die Wirtschaft boomt, dass jemand den Bus fährt, den Müll einsammelt oder die Herzoperation macht“.

Wer immer weniger Kinder in die Welt setzt, muss entweder eine schrumpfende Wirtschaft akzeptieren, sensationell produktiv sein oder mehr Einwanderer ins Land lassen – mit all den Problemen, die das mit sich bringt. Es ist unsere Entscheidung, welchen Weg wir nehmen.

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