Das Statistische Bundesamt ist eine Behörde mit 2410 Beschäftigten. Eine Glaskugel gibt es dort nicht. Dennoch präsentiert das Amt regelmäßig Bevölkerungsprognosen, die weit in die Zukunft reichen – die jetzt veröffentlichte bis zum Jahr 2070. Sie beruhen auf unterschiedlichen Annahmen und skizzieren damit einen Korridor für die künftige Entwicklung.
Entscheidend sind drei Faktoren: die durchschnittliche Zahl der Geburten je Frau, die Lebenserwartung und die Migration. Die Geburtenziffer liegt seit 1972 unter der Sterberate. Ohne Einwanderer würde die Bevölkerungszahl deshalb zwangsläufig schrumpfen.
Wie ist die Lebenserwartung?
Sie ist in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich angestiegen. Aktuell ist für Jungs bei ihrer Geburt damit zu rechnen, dass sie im Schnitt 78,5 Jahre alt werden, Mädchen hingegen 83,4. Während der Pandemie gab es einen Rückgang der Lebenserwartung, der aber laut Statistischem Bundesamt nicht so stark ausgeprägt war wie in vergleichbaren Ländern.
Der Anstieg der Lebenserwartung hat sich schon vor der Pandemie verlangsamt. Falls sich dieser Trend fortsetzt, könnte die Lebenserwartung für Männer bis 2070 auf 82,6 Jahre ansteigen, für Frauen auf 86,1 Jahre. Wenn die Lebenserwartung im gleichen Maße zunehmen würde wie in den vergangenen 50 Jahren, was vor allem mit rückläufigem Konsum von Nikotin und Alkohol zu tun hat, dann könnte sie bis 2070 bei 86,4 Jahren für Männer und 90,1 Jahren für Frauen liegen. Der Abstand zwischen den Geschlechtern schrumpft jedenfalls. Das zeichnet sich schon jetzt ab.
Wachsen oder schrumpfen?
Für eine stabile Bevölkerungsentwicklung müsste jede Frau im Durchschnitt 2,1 Kinder zur Welt bringen. Tatsächlich lag diese sogenannte Geburtenziffer 2021 bei 1,58 – immerhin markant über der von 2020, da waren es 1,53. Ein Anstieg auf das „Bestandserhaltungsniveau“ von 2,1 gilt unter den Statistikern als „rein hypothetische Annahme“.
Ohne Einwanderer wäre die Bevölkerung in Deutschland schon in der Vergangenheit geschrumpft. Die Migration werde die künftige Entwicklung „maßgeblich beeinflussen“, sagt Karsten Lummer vom Statistischen Bundesamt.
Seit der Wiedervereinigung sind knapp zehn Millionen Menschen mehr nach Deutschland eingewandert, als weggezogen sind. Das entspricht einem migrationsbedingten Zuwachs von 310 000 im Jahr. Ereignisse wie die Flüchtlingskrise 2015 oder der Ukraine-Krieg mit einem enormen Migrationsdruck Richtung Europa waren nicht vorhersehbar. Deshalb ist auch die künftige Zuwanderung der größte Unsicherheitsfaktor in der Bevölkerungsprognose. Wenn bis 2070 netto noch einmal so viele Menschen wie seit der Wiedervereinigung bis heute nach Deutschland kommen, wären das 183 000 pro Jahr. Viele Wirtschaftsexperten sind der Ansicht, es müssten mindestens 400 000 sein, um den Personalbedarf decken zu können.
Das Geburtendefizit in Deutschland würde laut Statistischem Bundesamt „ohne Wanderung noch deutlich zunehmen“. Da die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer-Generation jetzt ins Rentenalter kommen, wird die Zahl der Sterbefälle bis auf 1,2 Millionen jährlich ansteigen, das wäre doppelt so viel wie die Zahl der erwarteten Geburten. Bei geringer Geburtenrate und geringer Zuwanderung würde die Bevölkerung demnach bis 2070 auf 70 Millionen schrumpfen, bestenfalls könnte sie auf 94 Millionen anwachsen.
Werden wir zur Rentnerrepublik?
Die Zahl der Menschen im Rentenalter hat seit der Wiedervereinigung um 58 Prozent zugenommen. Es sind nun 16,4 Millionen, was einem Bevölkerungsanteil von knapp 20 Prozent entspricht. Wegen der vielen Babyboomer, die bald in Rente gehen, werden bis Ende der 2030er Jahre mehr als 20 Millionen in diesem Alter sein. 2070 könnte der Rentneranteil an der Bevölkerung bei 22 bis 30 Prozent liegen. Da gleichzeitig auch die Lebenserwartung zunimmt, wird nach Annahme der Statistiker der Pflegebedarf stark ansteigen – dies im Übrigen besonders in den westdeutschen Bundesländern. Der Osten hat seine Vergreisung schon hinter sich. Dort könnte der Rentneranteil in den kommenden Jahren sogar abnehmen. Im Westen wird er auf 30 bis 40 Prozent zunehmen.
Wer arbeitet dann noch?
Weil die Babyboomer jetzt das Rentenalter erreichen, die geburtenstärksten Jahrgänge, schrumpft das Potenzial der Personen im erwerbsfähigen Alter – dabei herrscht schon jetzt überall Personalnot. Bis 2040 würden weitere neun Millionen Erwerbspersonen fehlen, wenn keine aus dem Ausland hinzukommen: 490 000 müssten es im Jahresschnitt sein, um die altersbedingten Verluste an erwerbsfähigen Personen auszugleichen. Danach könne sich dieser Personenkreis, der die Wirtschaft in Gang hält und die Sozialsysteme finanziert, unter Umständen stabilisieren. In den westlichen Flächenländern drohen Verluste um bis zu 23 Prozent, im Osten gar bis 32 Prozent. Nur in den Stadtstaaten und Großstädten könnte die Zahl der Erwerbspersonen zunehmen.