50 Jahre Paul Ehrlich Der Kollaps, der nie kam

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In seinem Buch „Die Bevölkerungsbombe“’ hat Paul Ehrlich vor 50 Jahren den Zusammenbruch der Menschheit vorausgesagt. Seine Prognosen erweisen sich als viel zu düster. Die Frage, wie man alle Menschen ernährt, bleibt jedoch drängend.

Indien wird schon in wenigen Jahren das bevölkerungsreichste Land der Welt sein, sagen Experten.Foto: AP

Stuttgart - Das Boot ist voll – und bald wird es sinken. Mit dieser Warnung erreichte der US-amerikanische Biologe Paul Ehrlich vor 50 Jahren ein großes Publikum. Damals lebten bereits mehr als drei Milliarden Menschen auf der Erde, und viele Wissenschaftler zweifelten daran, dass alle ernährt werden könnten. In seinem Buch „Die Bevölkerungsbombe“, das Ehrlich gemeinsam mit seiner Frau Anne schrieb, sagte er den baldigen Zusammenbruch der Zivilisation voraus. Verhindern lasse sich das nicht mehr, man könne höchstens den Schaden begrenzen, prognostizierte er. Im optimistischsten Szenario der Ehrlichs sterben eine halbe Milliarde Menschen am Hunger, bevor die Regierungen der Welt Mitte der 1980er-Jahre ein koordiniertes Programm der Geburtenkontrolle, Umweltsanierung und landwirtschaftlichen Entwicklung aufsetzen. Im Lauf des 21. Jahrhunderts schrumpfe die Weltbevölkerung dann wieder auf ein verträgliches Maß von 1,5 Milliarden Menschen.

Das ungebremste Bevölkerungswachstum war für die Ehrlichs nicht allein ein Problem der Entwicklungsländer, sondern auch eines der westlichen Welt. Sie haben selbst nur ein Kind und riefen ihre Landsleute in den USA auf, es ihnen gleich zu tun. Falls jemand bereits zwei Kinder habe, solle man andeuten, dass das wirklich genug sei, und auf die Möglichkeit der Adoption hinweisen, raten sie in dem Buch. Mit den Menschen in armen Ländern fühlten die Ehrlichs aber mit und sahen in der wachsenden Ungleichheit den Keim zur Revolution: „Werden sie mit Anstand hungern, ohne das Schiff zu erschüttern?“, fragten sie. „Oder werden sie versuchen, uns zu überwältigen, um sich das, was sie für ihren gerechten Anteil halten, zu holen?“

Paul Ehrlich war Insektenforscher

Paul Ehrlich war Insektenforscher und kannte das Problem des exponenziellen Wachstums: Unter guten Bedingungen vermehren sich Insekten immer schneller, bis ihnen die Nahrung ausgeht. Das erwartete der Biologe auch vom Homo sapiens. Er rechnete einfach hoch und sagte etwa für das indische Kalkutta 66 Millionen Einwohner zur Jahrtausendwende voraus. Tatsächlich leben im Großraum Kalkutta heute weniger als 15 Millionen Menschen. Die Frage, warum Menschen viele Kinder haben wollen, interessierte Paul Ehrlich hingegen nicht, kritisiert die Wissenschaftshistorikerin Sabine Höhler vom Königlichen Institut für Technologie in Stockholm. Daher fielen ihm und seiner Frau nur Zwangsmaßnahmen und finanzielle Anreize ein, um die Zahl der Geburten zu senken. Länder wie der Iran haben indes mit Erfolg auf Verhütungsmittel gesetzt sowie in die Ausbildung von Frauen investiert. Und in einigen Ländern sind große Familien bloß attraktiv, weil es keine andere Form der Absicherung im Alter gibt.

Obwohl der Kollaps ausblieb, ist Ehrlich auch heute noch im Alter von 85 Jahren als Vortragsreisender unterwegs. Er wirbt weiterhin dafür, nicht mehr als ein Kind zu bekommen. Einige Zahlen sprechen tatsächlich für ihn: Die Weltbevölkerung ist seit dem Erscheinen seines Buchs um vier Milliarden Menschen gewachsen, und in diesem Jahrhundert dürften noch einmal 3,6 Milliarden hinzukommen. Derzeit hungern 800 Millionen Menschen weltweit. Das sind zwar weniger als in den 1990er-Jahren, doch bis zum Jahr 2050 dürften es 2,8 Milliarden sein, wenn man nicht gegensteuert. Vor anderthalb Jahren hat Ehrlich Unterstützung vom norwegischen Zukunftsforscher Jørgen Randers erhalten, der in einem Bericht an den Club of Rome eine Prämie für Kinderlosigkeit empfahl. Randers hatte schon 1972 am Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ mitgeschrieben, der ebenfalls ein düsteres Zukunftsszenario zeichnete und den Club of Rome bekannt machte.

Vor allem die grüne Revolution hat den Kollaps verhindert

Für Reinhold Leinfelder von der Freien Universität Berlin geht es heute jedoch weniger um die Frage, wie viele Menschen es gibt, als vielmehr darum, wie viele Ressourcen sie verbrauchen und wie viel Müll sie hinterlassen. Der Geologe forscht zur Frage, ob der Mensch die Erde inzwischen so stark prägt, dass man von einem neuen Erdzeitalter sprechen muss: dem Anthropozän. Der Ausdruck bezeichnet eine neue geochronologische Epoche, in der der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist. Wenn man alle vom Menschen gemachten Dinge, also vor allem Gebäude und Geräte, zusammenzähle, komme man auf grob geschätzt 30 Billionen Tonnen, rechnet Leinfelder zusammen: „Etwa ein Drittel davon wurde von heute lebenden Menschen hergestellt. Das sind weit über 1000 Tonnen Material pro Mensch.“

Vor allem die grüne Revolution hat den Kollaps verhindert, den Anne und Paul Ehrlich kommen sahen. Die Landwirtschaft ernährt heute viel mehr Menschen, als man in den 1960er Jahren annehmen konnte. Auch die Industrie produziert heute viel effizienter als damals. Doch Leinfelder warnt davor, sich weiter auf technische Innovationen zu verlassen. „Heute müssen wir über neue Formen der Nahrungsproduktion nachdenken“, sagt er, „und auch darüber, warum 30 Prozent immer noch nicht auf den Teller kommen, sondern irgendwo in der Produktion oder im Vertrieb in den Müll geworfen werden.“

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