Es geht um Drogengeschäfte, Gebietsansprüche, Zugehörigkeitsgefühle: Vor fast zwei Jahren hat eine Serie an Gewalttaten in der Region Stuttgart begonnen, wie es sie so zuvor noch nicht gegeben hat. Regelmäßig sind Schüsse gefallen. Zwei von der Polizei als „multiethnische Gruppen“ bezeichnete lockere Zusammenschlüsse bekämpfen sich gegenseitig – im Extremfall sogar mit Handgranaten wie bei dem Anschlag auf einem Friedhof in Altbach (Landkreis Esslingen) im vergangenen Sommer.
Zuletzt ist es allerdings etwas ruhiger geworden – das liegt wohl daran, dass die Sicherheitsbehörden die Gruppen massiv stören. Eine Inhaftierung folgt der nächsten. Das Landeskriminalamt (LKA) Baden-Württemberg verkündet inzwischen 68 Festnahmen, über 180 vollstreckte Durchsuchungsbeschlüsse und 29 sichergestellte Schusswaffen.
Man will es aber nicht dabei belassen, sich auf die zu beschränken, die bereits massiv in die Straftaten verwickelt sind. Rund 550 Personen zählt die Polizei zum Umfeld der beiden Gruppen – nicht jeder davon ist offenbar bereits so weit, dass er komplett in die Schwerstkriminalität verwickelt ist. Also „vermitteln wir an Personen, insbesondere aus dem Umfeld der kriminellen Gruppierungen, gezielte Unterstützungsangebote, um sie vor einem Abrutschen in kriminelle Strukturen zu bewahren“, sagt LKA-Sprecher David Fritsch. Mit sogenannten Präventiv- und Offensivansprachen wolle man diesen Leuten klar machen, was auf sie zukommt, wenn sie sich nicht von den Taten und Rädelsführern distanzieren.
Nun ist es in diesem Umfeld eine klare Sache, dass man nicht mit der Polizei spricht. Schon gar nicht, wenn man in der Gruppe unterwegs ist. Deshalb haben in den vergangenen beiden Wochen rund 300 Leute in der gesamten Region vorwiegend zu Hause Besuch bekommen. „Wir versuchen in manchen Fällen, die Familien mit ins Boot zu holen, um den Druck zu erhöhen und zu erreichen, dass nahe stehende Menschen sie unterstützen können“, sagt Fritsch. Ob diese Ansprachen gefruchtet haben und künftig das weitere Abgleiten in die Kriminalität verhindern, wird die Zukunft zeigen müssen.