Bewegende Lebensgeschichte in Herrenberg Aus dem Irak in die Stadtverwaltung

Derin Karim (r.) hat in dem Flüchtlingshelfer einen Freund gefunden: Sebastian Borkhardt und er sind bis heute verbunden. Foto: /Derin Karim

Der 36-jährige Derin Karim ist nach seiner Flucht aus dem Nordirak vor acht Jahren in eine Gemeinschaftsunterkunft nach Nufringen gekommen. Mittlerweile sieht er sich voll in die Gesellschaft integriert. Sein Weg zeigt, dass helfende Hände im Spiel waren. Aber nicht nur.

Eine Geschichte von Flucht und Neuanfang kann Derin Karim erzählen, der seit acht Jahren für die Stadt Herrenberg arbeitet. Jetzt macht das Rathaus seine Geschichte öffentlich. Im Jahr 2015 kam Karim nach Deutschland und bekam im Jahr darauf einen Platz in der Gemeinschaftsunterkunft in Nufringen. Dort lernte er auch seinen ersten deutschen Freund, den Flüchtlingshelfer Sebastian Borkhardt kennen. Bereits Ende 2016 bekam Karim eine Anstellung bei der Herrenberger Stadtverwaltung, im heutigen Amt für Technik und Grün.

 

So liest sich – ganz kurz – die Geschichte, die natürlich viele Facetten beinhaltet. Aber, was Derin Karim erlebt hat, lässt sich so auf den Punkt bringen: Heute ist Herrenberg sein neues Zuhause. Seit zwei Jahren lebt er in einer eigenen Wohnung, kann sich gut auf Deutsch verständigen, ist inzwischen eingebürgert und gut sozial vernetzt.

Derin Karim ist 36 Jahre alt und wurde in Sulaymaneyah im Nordirak geboren. Im Irak war Schweißer, Fliesenleger und auch Polizist. Im Oktober 2015 kam er nach Deutschland und war, bevor er 2016 nach Nufringen ging, zuerst in Ergenzingen, Heidelberg und Weissach untergebracht. Anfangs war es ihm sehr unangenehm, die deutsche Sprache nicht zu verstehen.

„Ich war auf die Hilfe anderer angewiesen. Als erwachsener Mensch ist es nicht immer einfach, um Hilfe zu bitten und sie auch anzunehmen“, erzählt er. Trotzdem besuchte er ab 2016 einen Integrationskurs und nahm an Abendkursen in der Volkshochschule teil. Die sprachliche Barriere hinderte Derin Karim nicht daran, eine Arbeit zu finden: Sein Heimleiter in Weissach vermittelte ihm ein Praktikum bei der Stadt Herrenberg. Dort war man mit seiner Arbeit so zufrieden, dass daraus eine Vollanstellung wurde.

Mittlerweile für Herrenberger Stadion zuständig

Mittlerweile ist er hauptsächlich für das Herrenberger Stadion zuständig. Bei Bedarf übernimmt er auch die Aufgaben des Winterdienstes. Bei der Pflege des Stadions sind Rasenmähen, Jäten, Streuen, Reinigen und nach dem Rechten sehen an der Tagesordnung. Die Arbeit erfüllt ihn: „Das Schönste an meiner Tätigkeit ist, etwas Gutes für die Menschen zu tun, die das Stadion benutzen. Es so zu pflegen, dass die Menschen sich dort gern aufhalten und einfach ihrem Sport nachgehen können“, sagt er.

In Herrenberg habe er sich von Anfang an wohlgefühlt, berichtet er. Er schätzt die Freundlichkeit der Menschen und dass hier viele Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen zusammenleben. „Meine Kollegen und Vorgesetzten, besonders der frühere Amtsleiter Stefan Kraus, haben mich immer unterstützt. Als es dann darum ging, den für den Job notwendigen Führerschein zu machen, half mir die Integrationsbeauftragte Meliha Geiger. Alle haben sich bemüht, dass ich in meinem Job bleiben kann“, sagt er. Noch mehr freut ihn seine neue Staatsbürgerschaft.

Nach Einbürgerung „wie neugeboren“ gefühlt

Freudestrahlend erzählt Derin Karim, dass er 2023 Jahr eingebürgert worden ist: „Ich fühlte mich wie neu geboren und war sehr, sehr glücklich“, erinnert er sich. Gleichwohl vermisst er auch seine Heimat und seine Familie im Irak. Mit Trauer denkt er häufig an seine verstorbenen Eltern. Zugleich fasste er in Deutschland neue Freundschaften. Eine sehr bedeutsame teilt er mit Sebastian Borkhardt: „Der erste Freund, den ich in Deutschland gewonnen habe, ist Sebastian“, erzählt Karim. Doch wie ist diese Freundschaft entstanden?

Borkhardt trat Anfang 2016 dem Netzwerk Asyl Nufringen bei. Zu dieser Zeit schrieb er gerade seine Doktorarbeit und suchte nach einem Ausgleich und Kontakt mit neuen Menschen. „Die medialen Bilder von Menschen auf der Flucht ließen mich damals nicht los. Dass ich unter den Bedingungen einer Demokratie, des Wohlstands, des Friedens und der Freiheit lebte, erschien mir wie eine Verpflichtung gegenüber denen, die dieses Glück nicht hatten. Mich trieb aber auch die Neugier“, sagt Borkhardt zu seiner Entscheidung, dem Netzwerk Asyl Nufringen beizutreten.

Trotzdem war er manchmal auch überfordert von den neuen Lebensgeschichten, Problemen und Sprachbarrieren, mit denen er bei dieser ehrenamtlichen Arbeit in Berührung kam. Daraus habe er gelernt, dass es wichtig ist, sich mit seinen eigenen Erwartungen und Vorstellungen kritisch auseinanderzusetzen. Besonders wichtig findet er, nicht in eine bevormundende Haltung abzugleiten. Am Ende entstand insbesondere aus der Begegnung mit Derin Karim eine wertvolle Freundschaft.

Verbindung hält auch auf Distanz

„Derin und ich könnten kaum unterschiedlicher sein, und dennoch sind wir eng verbunden. Vielleicht weil wir füreinander etwas verkörpern, das uns ansonsten fehlen würde“, so Sebastian Borkhardt. Inzwischen lebt Borkhardt in Kassel. Trotzdem stehen Derin und er noch im engen Kontakt. Sebastian erzählt: „Wenn er mich braucht, bin ich für ihn da. Das ist nicht zuletzt bei den vielen Formalitäten der Fall, die das Leben in Deutschland mit sich bringt. Umgekehrt kann ich mich auf Derin verlassen, wenn zum Beispiel wieder mal ein Umzug ansteht.“

„Man muss Geduld haben“, ist ein Satz, welchen man oft von Derin Karim hört. Er hat mit seiner Geschichte gezeigt, dass Geduld und Mühe belohnt werden kann: Nicht nur mit einem erfüllenden Job und einem neuen Zuhause, sondern auch mit einer bereichernden Freundschaft.

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