Vor einem Jahr gingen Tausende gemeinsam auf die Straßen – auch in Ludwigsburg. Warum klappt das nicht mehr? Foto: Werner Kuhnle
Uneinigkeit über Redner, ein zerbrochener Lenkungskreis und schwach besuchte Demos. Vor der Wahl hat sich in Ludwigsburg gezeigt, dass linke Gruppen besonders aktiv – aber auch besonders uneins sind. Ein aktuelles Projekt zeigt, dass es auch anders geht.
Vor einem Jahr versammelten sich rund 7000 Menschen auf dem Ludwigsburger Rathaushof, um für Vielfalt und gegen Rechtsextremismus zu demonstrieren. Parteien, Gewerkschaften, Klimaschützer, Antifa und besorgte Bürger standen Seite an Seite. Anlass war die Enthüllung des Recherchemagazins Correctiv über sogenannte Remigrationspläne.
Ein Jahr später bleibt Rechtsextremismus die größte Bedrohung für die Demokratie in Deutschland – doch die gleiche Kundgebung zog diesmal nur noch 250 Menschen an. Auch andere Proteste blieben vergleichsweise klein: 300 Teilnehmer beim Klimastreik Mitte Februar, 350 Menschen bei „Wir sind die Alternative“. Während in Stuttgart, Esslingen und Tübingen Tausende gegen Fremdenfeindlichkeit auf die Straße gingen, blieb eine große, gemeinsame Demonstration in Ludwigsburg aus.
Ein Konflikt Ende November
Ein genauer Blick auf die Szene zeigt: Das Engagement linker Gruppen in Ludwigsburg ist groß – aber zunehmend kleinteilig. Nach Streitereien um Redner und einem Bruch innerhalb des Bündnisses gegen Rechts halten einige eine breite Zusammenarbeit inzwischen für unmöglich. Doch das könnte sich schon bald ändern.
Wie lange die antirassistischen und linksgerichtete Bewegung Ludwigsburgs schon auseinanderdriftet, lässt sich kaum nachzeichnen, ein folgenschwerer Konflikt ereignete sich jedoch Ende November 2024.
Damals meldete das Bündnis gegen Rechts mit Mitgliedern wie der Antifa Vernetzung Ludwigsburg, Fridays for Future, Gewerkschaften, dem AK Asyl und der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN-BDA) eine Kundgebung, um gegen ein geplantes Treffen der rechtsextremen Reconquista 21 in Ludwigsburg zu demonstrieren. Gleichzeitig planten aber auch die Grüne Jugend gemeinsam mit den Jusos eine Demo. Die Gruppen wollten die Kundgebungen eigentlich zusammenlegen, die Kooperation scheiterte aber an der Rednerliste.
Das Bündnis gegen Rechts wollte laut eigener Aussage einen Antifa-Sprecher auf die Bühne schicken, was die Grüne Jugend und Jusos angeblich ablehnten. Die Parteijugenden zeichnen ein anderes Bild: Demnach wollte das Bündnis gegen Rechts nicht mit Oberbürgermeister Matthias Knecht und Wirtschaftsvertretern wie Marcos Angas von der Dehoga auf einer Bühne stehen. Rückblickend sagen beide Seiten, dass es vor allem an der Kommunikation scheiterte.
Daniel Christmann während der Kundgebung gegen die rechtsextreme Reconquista 21. Foto: Werner Kuhnle
Der Zwist hatte Folgen. Einerseits verließen im Anschluss drei der fünf Mitglieder des Bündnis-Lenkungskreises das Gremium. Die Kommunikation sei zunehmend kompliziert geworden, heißt es. Im Hintergrund schwelt offenbar ein Generationenkonflikt zwischen altgedienten Ludwigsburger Aktivisten und den jungen, meist kämpferischen Gruppen. Zwar bekennen sich alle Mitgliedsorganisationen weiterhin zum Bündnis, doch die Verhältnisse haben sich verschoben – Gruppen wie Fridays for Future und die Antifa Vernetzung Ludwigsburg haben an Einfluss gewonnen.
„Ich finde das schade“
Die zweite Folge des Reconquista-Zwists: Lokalpolitiker der Grünen und der SPD spüren eine zunehmende Distanz zu einigen linksaktivistischen Gruppen. „Auf vielen Demos wurde gegen die Ampel geschossen, wir werden dort an den rechten Rand gedrängt“, sagt SPD-Stadtrat Nathanael Maier. Alle Gruppen zusammenzuführen, sei aktuell ein Ding der Unmöglichkeit. Ähnlich empfindet das Daniel Christmann, Sprecher der Grünen Jugend. Es gebe zwar keinen offenen Streit, aber die Kluft zwischen Parteien und gemäßigten Vereinen links der Mitte und aktivistischen Gruppen sei tief.
Innerhalb eines Jahres sind Fäden gerissen und Einzelinteressen in den Vordergrund getreten. Je nach Sichtweise liegt die Schuld entweder bei SPD und Grünen, deren Bundespolitik als fremdenfeindlich empfunden wird – oder bei den linksaktivistischen Gruppen, denen zunehmende Kompromisslosigkeit vorgeworfen wird.
Konrad Ott, Vorsitzender der VVN-BDA und ehemaliges Mitglied des Bündnislenkungskreises, bedauert die Entwicklung: „Ich finde es schade, dass wir dieses Jahr drei verschiedene Kundgebungen mit der gleichen Intention hatten.“ Eine große, gemeinsame Demonstration vor der Wahl hätte ein starkes Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit gesetzt.
Andere sehen die Fragmentierung als Vorteil. „Ich finde verschiedene Veranstaltungen mit unterschiedlichem Fokus gut“, sagt Daniel Christmann. „So spricht man am Ende mehr Menschen an.“ Es gehe ja nicht darum die Kundgebungen gegeneinander auszuspielen, sagt Elisabeth Alber von Fridays for Future. „Es gibt einen Wunsch nach unterschiedlichen Demos.“ Es scheint wahrscheinlich, dass die Szene weiter auseinander driftet.
Dass es auch anders gehen kann, zeigt ein aktuelles Projekt. Unter dem Namen „Ludwigsburg gegen Rassismus“ haben sich verschiedene Akteure zusammengetan – darunter der Arbeitskreis Asyl, das Jugendzentrum Demoz, die Caritas, die Deutsche Friedensgesellschaft und die Stadtverwaltung. Im März organisieren sie eine zweiwöchige Veranstaltungsreihe mit 13 Aktionen, von Podiumsdiskussionen über einen interkulturellen Kochkurs bis hin zu Filmabenden.
Viele der Beteiligten hoffen, dass daraus ein neues, breites Bündnis entstehen könnte. Ein Bündnis, das wieder mehr auf die Gemeinsamkeiten blickt und weniger auf die Unterschiede.
Hintergründe zum Thema
Veranstaltungen Die Wochen gegen Rassismus starten am 17. März mit einem Vortrag und einer Diskussion im Haus der Kirche und Diakonie. Die letzte Veranstaltung, ein Live-Podcast über solidarische Zukunftsperspektiven, findet am 28. März in der Stadtbibliothek statt. Der Höhepunkt ist der internationale Tag gegen Rassismus am 21. März, an dem es Infostände und eine Kundgebung auf dem Ludwigsburger Marktplatz geben wird.
Blick auf die Szene Das Spektrum der Ludwigsburger Institutionen, die sich für Vielfalt und gegen Fremdenfeindlichkeit engagieren, ist riesig. Die Szene reicht von Parteien über Kirchengemeinden und dem Integrationsrat bis zu Lisbert Queer, ein Verein für die LGBTQ+-Community. Alle sind gegen Rechtsextremismus, aber für ganz unterschiedliche Dinge. Einige stellen den Individualismus in den Vordergrund, andere die Gemeinschaft. Einige kämpfen gegen das Vergessen, andere gegen den Kapitalismus.