Stuttgart - Nach acht Stunden Online-Unterricht platzt Tim fast der Kopf. Der Zwölfjährige schnappt sich dann sein Fahrrad und verschwindet im Wald, wo er die Downhill-Strecken bergab rast – oft stundenlang. So viel Bewegung hatten nur wenige Kinder in den vergangenen Monaten. „Alltagsaktivitäten und Bewegung sind im zweiten Lockdown dramatisch eingebrochen“, sagt Alexander Woll, Professor am Karlsruher Institut für Technik (KIT). Woll gilt als führender Experte bei der Frage, wie sportlich Kinder in Deutschland sind. Er leitet die Langzeitstudie „Motorik-Modul“ zur Bewegung von Kindern und Jugendlichen, die im Auftrag der Bundesregierung durchgeführt wird.
Die ausgewerteten Zahlen aus dem zweiten Lockdown, die Woll mit dem ersten Lockdown 2020 verglichen hat, sind deutlich: Von Januar bis März 2021 ist die tägliche Bewegung – Radfahren, Spazieren, draußen Spielen – beim Großteil der Kinder von 189 auf nur 63 Minuten geschrumpft. Besonders stark betroffen: Grundschulkinder von sechs bis zehn Jahren. Auch Vier- bis Fünfjährige haben sich deutlich weniger bewegt als zuvor: Dort hat sich die tägliche Bewegung von 144 Minuten auf 61 Minuten pro Tag reduziert. Woll und sein KIT-Wissenschaftlerteam befragen regelmäßig insgesamt 1700 Kinder und Jugendliche im Alter von vier bis 19 Jahren.
Bei 48 Prozent hat sich die Fitness verschlechtert – vor allem bei Jungen
Die körperliche Fitness hat sich stark verschlechtert (minus 48 Prozent) – das gaben die Teilnehmer selbst an. Jungen sind davon stärker betroffen als Mädchen. Die Gründe für den Bewegungsmangel sieht Woll in der Tagesstruktur: „Der Alltag ist deutlich stressiger als zuvor, auch als im ersten Lockdown im März 2020. Die Tage sind mit mehr Verpflichtungen durch Schule und mehr Online-Unterricht fest verplant.“ Mehr Homeschooling und digitaler Unterricht, kein Schulweg und keine Freizeitaktivitäten mehr. „Mehr als 25 Prozent der Kinder haben angegeben, mehr als sechs Stunden täglich Bildschirmmedien zur Freizeitnutzung zu nutzen – ohne Homeschooling gerechnet“, sagt Woll.
Durch Termindichte und Homeoffice der Eltern – „Auch sie stecken im Vergleich zum ersten Lockdown wieder in einem festen Zeitkorsett“ – waren gemeinsame Aktivitäten mit den Kindern stark reduziert, was sich besonders im Kita- und Vorschulalter auswirkt, weil Kinder hier auf Erwachsene angewiesen sind. „Jüngere Kinder sind stärker betroffen als ältere“, sagt Woll. Und: „Wie in der Bildung geht bei der Bewegung die Schere weit auseinander: Soziale Brennpunkte der Pandemie sind auch Brennpunkte für Bewegungsmangel.“ Kinder, deren Eltern einen eigenen Garten besitzen oder die eine Spielfläche im Wohnumfeld haben, sind besser durch die Pandemie gekommen als Kinder in schwierigen Wohnverhältnissen in Großstädten ohne Freiflächen.
Viele Kinder haben an Körpergewicht deutlich zugelegt
Die Folgen des Bewegungsmangels sind auf der Waage sichtbar: Viele Kinder und Jugendliche haben laut KIT-Umfrage an Körpergewicht zugelegt. 30 Prozent der befragten Jungen und Mädchen geben an, sogar deutlich mehr zu wiegen. Angaben in Kilogramm wurden nicht abgefragt. Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt es nicht. „Bei Kindern, die schon vor der Pandemie übergewichtig waren, haben sogar zu 70 Prozent angegeben, dass sie weiter zugenommen haben“, stellt Woll fest.
Die Studienergebnisse decken sich mit den Erfahrungen vieler Kinderärzte, die zunehmend übergewichtige und adipöse Kinder als Patienten haben. „Eine halbe Million Kinder in Deutschland ist teils schwerstübergewichtig“, sagt der Sportmediziner Perikles Simon. Die Pandemie hat das Problem verschärft. Einige Experten sprechen von Nach-Corona-Pandemie: Das Übergewicht bei den Jüngsten werde das Gesundheitssystem stark belasten. „Tickende Zeitbomben“ nennt es Professor Woll: „Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Schlaganfallrisiko – die Spätfolgen von Bewegungsmangel werden stark zunehmen.“ Die Weltgesundheitsbehörde (WHO) hat Bewegungsmangel bei Kindern und Jugendlichen schon zur „Lebensstilpandemie des 21. Jahrhunderts“ erklärt.
Ein weiteres Ergebnis: Die Psyche hat stark gelitten, Sport hilft präventiv
Ein weiteres Ergebnis besorgt den Sportwissenschaftler: „Die psychische Gesundheit hat stark gelitten, die Probleme haben sich verdoppelt“, sagt Woll. „Bei vielen sind die Reserven aufgebraucht, und die Probleme verschärfen sich“, stellen Psychologen wie Helene Timmermann, Vorsitzende der Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten, fest: „Gerade der zweite Lockdown war sehr hart für die Jugendlichen.“ Sie fühlten sich alleingelassen, litten unter Kontaktmangel und darunter, nicht zum Sport gehen zu dürfen. Bewegung und Sport spiele bei psychischen und physischen Erkrankungen aber eine Schlüsselrolle.
Die Appelle der Experten werden lauter. Trotz präventiver Wirkung wurde Sport während der Pandemie nur als Teil des Problems gesehen, so Woll, nicht als Lösung. Und das, obwohl Aerosolforscher früh feststellten, dass bei Outdoorsport nur ein geringes Ansteckungsrisiko herrsche. „Ich würde alle Sportarten im Freien sofort erlauben: egal ob Kontakt- oder Nichtkontaktsportarten“, sagt der Aerosolforscher Gerhard Scheuch, „im Freien steckt man sich nicht an.“ Mit einer Ausnahme: „Wenn zwei Menschen 15 Minuten dicht zusammenstehen und sich unterhalten. Das ist im Sport aber nicht der Fall. Da gibt es höchstens Sekundenkontakte.“
Eine verlorene Generation in Bezug auf Sport und Bewegung sieht Woll nicht: „Kinder sind anpassungsfähig – ich bin gespannt, ob und wie sich das fehlende Jahr auf lange Sicht auswirkt.“ Der Sportwissenschaftler fordert von der Politik, die Bildungsnachteile, die durch Corona entstanden sind, zu reduzieren. Bis jetzt richten sich die Anstrengungen primär auf Digitalisierung als Schlüsselkompetenz und Nachhilfe in zentralen kognitiven Fächern. „Es kommt aber das ganze Kind in die Schule, nicht nur der Kopf“, sagt Woll, „wir brauchen einen Bewegungspakt von Bund, Ländern, Kommunen, Bildungseinrichtungen, Vereinen und Eltern!“