Bewegungsmangel bei Kindern Generation Unsportlich

Kein gutes Zeichen: wenn schon leichte Übungen wie Klettern an der Sprossenwand Schwerstarbeit sind. Foto: dpa/Waltraud Grubitzsch, Baumann

Kinder und Jugendliche bewegen sich zu wenig, obwohl Vereine Mitgliederrekorde im Nachwuchsbereich verzeichnen. Wie kann das sein?

Automobilwirtschaft/Maschinenbau: Peter Stolterfoht (sto)

Stuttgart - Karsten Ewald schaut aus seinem Bürofenster, das den Blick freigibt auf die weitläufige Sportanlage am Kräherwald. „Früher“, sagt der Geschäftsführer des MTV Stuttgart und zeigt nach draußen, „war hier um 14.30 Uhr der Teufel los.“ Überall seien um diese Uhrzeit Jugendfußballer und kleine Leichtathleten „rumgesprungen“. Jetzt zieht ein Senior auf der Tartanbahn einsam seine Runden. Erst um 17.30 Uhr kommt beim MTV mehr Bewegung rein. Dann gehen die Trainingseinheiten für den Nachwuchs los. „Früher geht es leider nicht“, sagt Karsten Ewald und kommt damit auf einen kritischen Punkt zu sprechen, der oft genannt wird, wenn es wieder heißt, Kinder trieben heutzutage zu wenig Sport. „Durch den Ganztagesunterricht fehlt dafür einfach die Zeit“, sagt der Geschäftsführer des derzeit 9122 Mitglieder zählenden Vereins. Knapp die Hälfte davon sind Kinder und Jugendliche.

 

Ist die Schule also das größte Hindernis auf dem Weg zu einer guten Fitness? „Sie wird der großen pädagogischen Bedeutung des Fachs Sport jedenfalls nicht gerecht“, sagt Karsten Ewald und verweist darauf, dass es die Sportstunden sind, die meist als erste ausfallen. Außerdem seien die Lehrkräfte in Kitas und Grundschulen oft nicht entsprechend qualifiziert. Das sei aber nötig, um Interesse und Begeisterung zu wecken für ein Fach, in dem es um viel mehr gehe als um Bewegung und Gesundheit. „Im Sport werden Neigungen und Charaktereigenschaften geprägt, es wird soziale Kompetenz und Teamfähigkeit vermittelt, der Umgang mit Sieg und Niederlag, mit Strukturen und Regeln“, sagt der promovierte Sportwissenschaftler, der vor 30 Jahren die Kindersportschule des MTV ins Leben gerufen hat. „Schon 1990 hieß es, viele Kinder könnten nicht mehr rückwärts laufen, kriegen keinen richtigen Purzelbaum hin, seien viel zu dick und träge“, erinnert sich Karsten Ewald an die Anfänge der kindlichen Sportförderung im Verein. Mittlerweile gehören dazu auch Kooperationen mit Kindertagesstätten und Grundschulen, um bei denen etwas zu bewegen, die sich Vereinsangebote nicht leisten können. „Am Geldbeutel der Eltern darf ein qualifiziertes Angebot nicht scheitern“, lautet das Motto von Karsten Ewald. Deshalb werden beim MTV, Stuttgarts größtem Sportanbieter, auch immer kostenfreie Stipendienplätze in der Kindersportschule freigehalten. Ewalds Langzeitbeobachtung: „Ich glaube nicht, dass die Kinder im Lauf der Zeit unsportlicher geworden sind.“

Mehr dicke Patienten in der Kinderarztpraxis

Daniel Faul teilt diese Einschätzung nicht. Er nennt sie stattdessen die „positive Selektion aus Sicht eines Vereins“. Der Kinderarzt mit 25-jähriger Berufserfahrung und Praxis im Stuttgarter Westen hat im Lauf dieser Zeit sehr wohl eine Veränderung bei seinen Patienten festgestellt: „Heute können zum Beispiel viel weniger Vier- und Fünfjährige auf einem Bein hüpfen oder den Hampelmann machen. Das ist schon auffällig.“ Außerdem habe er es mit mehr übergewichtigen Kindern zu tun als noch zu Beginn seiner Berufstätigkeit. Eine Verschlechterung sei auch im feinmotorischen Bereich wie beim Schreiben festzustellen, so Faul, der noch auf eine Verzögerung in der Sprachentwicklung hinweist. Die sei seiner Erfahrung nach oft in Zusammenhang mit zweisprachig aufwachsenden Kindern, die einen Migrationshintergrund haben, zu beobachten.

Für die Unsportlichkeit macht der Kinderarzt vor allem Handys, Tablets und Computer verantwortlich, die eine immer größere Rolle im Leben auch kleiner Kinder spielten. „Sowohl beim Umgang mit den digitalen Medien als auch beim Thema Sport sollten die Eltern eine Vorbildrolle übernehmen, der sie aber leider oft nicht gerecht werden“, sagt der Arzt, der es mit seinem Berufsverband hält. Der empfiehlt für Kinder und Jugendliche am Tag eine Stunde Sport. Diese Vorgabe erfüllt in Deutschland gerade einmal jedes fünfte Kind, wie zuletzt eine weltweite Studie der sogenannten Active Healthy Kids Global Alliance ergab. Dieser Untersuchung zufolge verbringen 40 Prozent der deutschen Kinder und Jugendlichen mehr als zwei Stunden am Tag vor dem Computer oder am Handy. Und 60 Prozent legen den Schulweg nicht zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurück. Ein deutlich besseres Zeugnis als Deutschland erhalten in Europa beispielsweise England, die Niederlande, Frankreich oder Slowenien.

Deutschland, Land der Nichtschwimmer

Deutschland wird darüber hinaus immer mehr zum Land der Nichtschwimmer. 50 Prozent der Zehnjährigen kann sich nicht allein über Wasser halten, wie eine Umfrage ergab, die die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft in Auftrag gab. Die dramatische Folge: Badeunfälle mit Todesfolge häufen sich seit ein paar Jahren. Die Corona-Krise verschärft diese Situation noch, weil Schwimmbäder geschlossen bleiben mussten und Anfängerkurse gar nicht stattfinden konnten. So auch beim MTV Stuttgart. Deren Geschäftsführer Karsten Ewald sagt: „Da kann jetzt ein ganzer Jahrgang noch nicht schwimmen.“ Darüber hinaus müssen immer mehr Bäder schließen, die sich wirtschaftlich nicht mehr rechnen.

Fehlende Sportstätten tragen ebenfalls zur Bewegungsarmut bei. Manche Vereine, wie auch der MTV Stuttgart, versuchen auch hier entgegenzuwirken. Auf dem Gelände am Kräherwald in Stuttgart soll im Herbst 2022 eine Multifunktionshalle stehen, die Stadt und Verein gemeinsam finanzieren.

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