Jede und jeder Einzelne kann etwas für den Umweltschutz tun, heißt es immer. Demnach wird man als Individuum zwar nicht das Schmelzen der Polkappen verhindern können, doch wenn Millionen von Menschen ihre alltäglichen Gewohnheiten umstellen, kann das durchaus ins Gewicht fallen. Auch kleine Veränderungen für einen selbst können auf diese Weise etwas Großes bewirken. Ein erster Schritt kann sein, das Auto häufiger stehen zu lassen und stattdessen lieber zu Fuß zu gehen oder sich auf den Sattel des Fahrrades zu schwingen. Doch es gibt noch einen anderen Bereich, in dem jeder Mensch den Planeten effektiv schonen kann – beim Essen. Und das ist gar nicht so schwer, sagt die Esslinger Beraterin für vegane Ernährung, Jasmin Günder.
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Müssen jetzt alle Erdenbewohner Veganer werden? Diese Frage kommt häufig in Diskussionen auf. Und das völlig zurecht, wenn man auf die nackten Zahlen schaut. Fakt ist: Tierische Nahrungsmittel belasten den Planeten und das Klima um ein Vielfaches stärker als pflanzliche. Da wären zum einen die enormen Mengen an Treibhausgasen, die bei der Tierhaltung entstehen. So ist der „Klimakiller Nummer eins“ unter den Lebensmitteln laut dem Magazin Öko-Test die Butter. Denn für ein Kilogramm Butter braucht man etwa 18 Liter Milch, für deren Produktion wiederum knapp 24 Kilogramm CO2-Äquivalente ausgestoßen werden.
Für viele schwer vorstellbar
Auf Rang zwei folgt das Rindfleisch. Bei der Herstellung und dem Transport eines Kilogramms davon entstehen mehr als 13 Kilogramm CO2-Äquivalente. Zum Vergleich: Beim vermeintlichen Klimasünder unter den pflanzlichen Lebensmitteln, der Avocado, werden für Anbau und Transport eines Kilogramms laut Statista etwa 600 Gramm CO2-Äquivalente ausgestoßen. Hinzu kommt der gewaltige Verbrauch von Ressourcen in der Tierhaltung. Um unseren Bedarf an Fleisch- und Milchprodukten zu decken, werden nämlich Unmengen an Wasser und Energie eingesetzt.
Es hätte also einen enormen Effekt, würden sich von einem Tag auf den anderen alle Menschen nur noch vegan ernähren, einige Klimaprobleme würden dadurch gelöst. Doch dieses Szenario ist weit von der Realität entfernt. Für viele Menschen, die jahrzehntelang Fleisch und Milchprodukte konsumiert haben, ist es schwer vorstellbar, auf den Fruchtjoghurt zum Frühstück, die Salamischeibe auf dem Brötchen, das Schnitzel zum Mittag oder den Aufschnitt beim Abendbrot zu verzichten. Aus Sicht der Ernährungsberaterin Jasmin Günder ist das zunächst auch nicht notwendig. „Man muss nicht gleich komplett auf alle tierischen Produkte verzichten“, erklärt die Esslingerin. „Ein erster wichtiger Schritt ist es, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass man diese Lebensmittel reduziert.“
Neue Angewohnheit: Zutaten checken
In ihrem Beruf berät Günder Menschen, die sich gerne rein pflanzlich ernähren möchten. Mit der Frage, wie man am besten tierische Produkte reduziert, hat sie sich folglich schon unzählige Male auseinandergesetzt. „Man denkt immer, man muss so vieles beachten“, sagt die 26-Jährige. Doch im Endeffekt sei es gar nicht so schwer, wenn man sich gewisse Routinen aneignet.
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„Man sollte sich angewöhnen, im Supermarkt die Zutatenlisten der Produkte zu lesen“, sagt Günder. Es gibt nämlich einige Produkte, die augenscheinlich vegan sind, sich bei genauerem Hinsehen aber als tierisch entpuppen. Besonders bei verarbeiteten Lebensmitteln ist dies häufig der Fall. Günder rät: Von allen Inhaltsstoffen, die man nicht versteht, sollte man die Finger lassen – vermutlich grundsätzlich keine schlechte Angewohnheit.
Bedenklich für viele ist zudem die Frage: Kann man durch eine pflanzliche Ernährungsweise seinen Körper mit allen notwendigen Nähr- und Mineralstoffen versorgen? „Man kommt nicht drumherum, das Vitamin B 12 zu supplementieren“, räumt die Ernährungsexpertin ein. Auch Vitamin D sei empfehlenswert. „Grundsätzlich sollte man aber nicht wahllos Nahrungsergänzungsmittel zu sich nehmen“, sagt Günder. „Zuerst sollte man das Blutbild checken.“
Mit einzelnen Griffen etwas verändern
Aber auch diejenigen, die nicht komplett auf tierische Lebensmittel verzichten wollen, können etwas tun, um den Planeten zu schonen. Ihnen empfiehlt Jasmin Günder, fleischfreie Tage einzuplanen oder bei den Mahlzeiten gelegentlich nach Alternativen zu suchen. „Wenn man normalerweise zum Frühstück ein Brot mit Salami isst, könnte man zum Beispiel mal eine vegane Salami ausprobieren“, rät sie. „Die Ernährung ist immer individuell. Aber man kann mit einzelnen Griffen etwas verändern.“
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Der eine oder die andere könnte überrascht sein. Wie Günder erklärt, seien oftmals die Gewürze der Grund, weshalb uns beispielsweise Fleisch- und Wurstwaren gut schmecken. Mit dem richtigen Rezept könne man aber auch pflanzliche Lebensmittel lecker zubereiten. In den Weiten des Internets finden sich zwischenzeitlich zahllose Seiten, die ihren Nutzerinnen und Nutzern ein breites Angebot an Rezeptideen für vegane Gerichte kostenlos zur Verfügung stellen.
Denn immer mehr Deutsche entscheiden sich dazu, tierische Produkte entweder gezielt zu reduzieren oder sogar komplett von ihrem Speiseplan zu streichen. Einer Erhebung des Instituts für Demoskopie Allensbach zufolge ernährten sich 2021 rund 1,4 Millionen Menschen in Deutschland vegan. Fünf Jahre zuvor, im Jahr 2016, waren es noch etwa 800 000. Auch Aktionen wie der „Veganuary“, der Name setzt sich aus den Begriffen „vegan“ und dem englischen Wort für Januar zusammen, unterstützen diesen Trend. Teilnehmer dieser Aktion essen im Januar einen Monat lang ausschließlich vegan.
Ein komplexes Thema
Auch die 26-jährige Jasmin Günder beschloss 2016, sich fortan nur noch pflanzlich zu ernähren, nachdem sie wegen ihres Studiums zuhause ausgezogen war. Ursprünglich aus gesundheitlichen Gründen und weil ihr das Wohl der Tiere am Herzen lag. „Dann habe ich mich aber mit meinem Konsum beschäftigt und gemerkt, dass die Ernährung einen großen Einfluss auf die Umwelt hat“, sagt sie. Die Wirtschaftsjuristin beschloss, eine Umschulung zu machen und als Ernährungsberaterin zu arbeiten.
Das Thema Nachhaltigkeit gerade im Bereich Lebensmittel ist komplex. Alles ist miteinander verzahnt. Beispielsweise mit der Mobilität: Schließlich muss unser Essen vom Erzeuger in die heimischen Kühl- und Vorratsschränke gelangen. Oder auch mit dem Aspekt Verpackungs- und Müllvermeidung.
Günder bietet ihren Kundinnen und Kunden an, mit ihnen zusammen einkaufen zu gehen. Zum einen, um ihnen zu zeigen, welche Lebensmittel sich gut für die vegane Lebensweise eignen – zum Beispiel Algen, weil diese sehr viel Omega-3-Fettsäuren enthalten. Zum anderen achtet Günder aber auch darauf, Müll zu vermeiden. „Ich versuche immer, zu losen Produkten zu greifen“, erklärt sie. Allerdings komme man im Alltag fast nicht drumherum, Verpackungsmüll zu erzeugen. Sie sagt: „Man muss wohl generell ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit entwickeln und versuchen, nur das zu kaufen, was man auch braucht.“