Bewusster Konsum im Alltag Warum Anja Chrzanowska auf dem Kessel Festival Pfand sammelt

Die Stuttgarterin Anja Chrzanowska von Fairventures Worldwide möchte mit einem bewussteren Leben einen Unterschied machen. Foto: privat

Anja Chrzanowska (27) zeigt wie nachhaltiges Leben schon mit kleinen Entscheidungen im Alltag beginnt. Bald wird sie sich auf dem Kesselfestival engagieren. Warum?

Volontäre: Olivia Denner (ode)

Mango für unter einem Euro, Fast Fashion, Matcha-Hypes - was für viele zum Lifestyle gehört, gibt Anja Chrzanowska eher Anlass zum Nachdenken. „Ich bin inzwischen eine richtig schlechte Shoppingbegleitung“, sagt sie und lacht. Die 27-jährige Stuttgarterin denkt bei Kleidung nämlich inzwischen weniger an schnelllebige Trends, sondern eher daran, woher sie kommt und ob sie auch wirklich gebraucht wird: „Ich glaube, es sind genau diese vielen kleinen Entscheidungen im Alltag, die am Ende wirklich etwas verändern können.“

 

Diese Einstellung begleitet sie schon länger und führte sie in ihren heutigen Beruf bei der gemeinnützige Organisation Fairventures Worldwide in Stuttgart. Aufgewachsen in Denkendorf, studierte Anja Medienwirtschaft an der Hochschule der Medien in Stuttgart, später kam dann der Master in Interkulturelle Kommunikation und Europastudien in Fulda dazu.

Ghana verändert den Blick der Stuttgarterin auf Konsum und Nachhaltigkeit

Während ihres Studiums beginnt sich ihr Blick auf Konsum und globale Verantwortung immer mehr zu verändern. Schon in ihrer Bachelorarbeit beschäftigt sie sich mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf die Umwelt. Im Rahmen ihrer Masterarbeit nimmt sie dann an einer Forschungsreise nach Agbogbloshie in Ghana Teil - einem der größten Elektronikschrottplätze der Welt. Dort zu stehen, umgeben von Bergen aus Müll war einer der prägendsten Momente ihres Lebens. Spätestens hier wird ihr klar. „Wir sind in einer globalen Welt zu Hause und unser Alltag hat dementsprechend positive oder auch negative Auswirkungen auf andere Menschen“.

Auf dem Elektronikschrottplatz in Agbogbloshie sieht Anja die Folgen unserer Konsum-Gesellschaft Foto: privat

Weitere Auslandsaufenthalte, unter anderem in Ecuador, verstärken dieses Bewusstsein. Dort merkt Anja wie privilegiert ihr Leben ist - etwa abends allein sicher nach Hause laufen zu können, jederzeit warmes Wasser zu haben, die Selbstverständlichkeit von Konsum oder sich kaum Gedanken über Bildungschancen machen zu müssen. „Ich bin am Ende in Stuttgart beziehungsweise Esslingen aufgewachsen - für mich war das einfach normal. Irgendwann habe ich dann schon gemerkt, wie naiv mein Blick auf die Welt eigentlich war und dass das alles andere als selbstverständlich ist“, sagt sie rückblickend.

Karriere, Kessel-Festival und Werte - warum Geld nicht alles ist

Diese privilegierten Startmöglichkeiten habe sie nutzen wollen, um etwas zu bewirken: Heute arbeitet Anja als Partnerschaften-Managerin bei Fairventures Worldwide in Stuttgart. Die Organisation unterstützt Kleinbauern in Indonesien und Uganda beim Aufbau sogenannter Agroforstsysteme - Mischwälder, die Klima- und Artenschutz fördern und den Menschen vor Ort ein gesichertes Einkommen schaffen sollen. Für diesen Zweck sammelt Fairventures zum Beispiel auch dieses Jahr wieder Pfand auf dem Kessel-Festival in Stuttgart. Unmengen an Geld verdiene man in ihrem Beruf zwar nicht, sagt sie, das sei aber auch nicht ihre Priorität: „Wenn ich doppelt so viel verdienen würde, aber mein Job mich unglücklich macht, bringt mir das am Ende auch nichts.“

Beim letzten Kessel-Festival sammelte Anja mit ihrem Team Pfand im Wert von über 5.000 Euro, womit 1.000 Bäume gepflanzt werden konnten. Foto: privat

Gerade in Stuttgart beobachtet Anja, dass sich vieles um Geld und Karriere dreht und gerade deshalb ein bewussterer Umgang mit Konsum und den Mitmenschen umso wichtiger wäre: „Mit wirtschaftlicher Stärke kommt auch die Möglichkeit, bewusster zu entscheiden, wohin oder wofür man sein Geld ausgeben möchte.“

Viele Menschen in der Region seien bereits offen für ein bewussteres Leben, sagt sie und genau dort würde sie gerne ansetzen. Veränderung beginne oft im Kleinen und sei kein Alles-oder-Nichts-Konzept.

Doch wie fängt man dann eigentlich am besten an?

Bewusstsein statt Perfektion – warum nachhaltiger Konsum auch ohne Verbote geht

Für Anja geht es nicht darum, dass alle plötzlich perfekt nachhaltig leben oder auf alles verzichten, sondern einfach mal den eigenen Alltag mehr hinterfragen. Gerade Social Media sorgt für das Gefühl, immer wieder neue Trends mitnehmen zu müssen: egal ob Fast Fashion oder Food-Trends. Anja lädt ein dies zu hinterfragen: „Macht dich das wirklich glücklich oder kaufst du das nur, weil es gerade überall ist?“

Brauche ich wirklich noch eine neue Hose? Oder landet das Teil eh nach einmal Tragen im Schrank? Solche schnellen Käufe machen meistens nur kurz glücklich, sagt sie. Auch die Wissenschaft deutet darauf hin. Abgesehen davon gäbe es auch gute Möglichkeiten das gewünschte Teil Secondhand zu finden: Gerade in Stuttgart gibt es viele Flohmärkte oder Kleidertauschpartys.

Ein bewusster Umgang mit dem eigenen Konsum und das Hinterfragen von Gewohnheiten seien also ein guter Startpunkt. Es gehe nicht darum, nie wieder zu fliegen, sondern darum überlegter Entscheidungen zu treffen, wie zum Beispiel das Hinterfragen von Inlandsflügen oder alltäglicher Routinen: Weniger Lebensmittelverschwendung, bewusster regionaler und lokaler einkaufen, einfach mal die Geräte nicht durchgehend im Stand-by lassen oder sich dem eigenen Energieverbrauch bewusster werden: „Muss denn jede Einkaufsliste von KI geschrieben werden?“, sagt sie und weist auf den erhöhten Energieverbrauch im Hintergrund hin. Es könne sich auch lohnen mal den eigenen Stromanbieter zu vergleichen. Viele nachhaltige Anbieter seien mittlerweile preislich konkurrenzfähig. Und Energiesparen könne vor allem im „Schwabenländle“ sinnvoll sein, wie Anja mit einem Augenzwinkern erklärt: Denn Energiesparen, spart in der Regel auch Geld.

Der Besuch bei ihrem Team in Indonesien, bestärkt Anja darin, dass selbst kleine Kaufentscheidungen – wie zum Beispiel der Griff zu einer fair gehandelten Schokolade – einen Unterschied machen können. Foto: privat

Glück beginnt nicht mit Konsum

Nachhaltigkeit ist für sie also kein großes Verzichtsprogramm, sondern eher eine grundsätzliche Lebenseinstellung mit dem Bewusstsein, dass das eigene Handeln Auswirkungen auf andere hat. Und das geht über Konsum hinaus. Gerade in einer Stadt wie Stuttgart wirke vieles schnell anonym. Sie fände es wichtig, wieder mehr miteinander zu machen, statt nur nebeneinanderher zu leben - im Verein, im Ehrenamt oder einfach mal im Kleinen anfangen und den älteren Nachbarn fragen, ob er vielleicht Hilfe beim Einkaufen benötigt.

Und oft fehle auch gar nicht der Wille, sondern eher der Einstieg. Veranstaltungen wie das Kessel-Festival, Hochschulgruppen oder lokale Initiativen könnten da ein Anfang sein. Die Stadt Stuttgart hat zum Beispiel auch ein Freiwilligenbörse, in die sich ein Blick lohnen könnte.

Laut Anja kommt es im Leben auf andere Dinge an – losgelöst von Trends und Konsumgesellschaft. Das Schönste für sie ist es, zum Beispiel nach der Arbeit mit ihrem Hund Sansa eine Runde durch den Wald zu laufen: „Ich glaube, wir haben ein bisschen verlernt, wie gut die einfachen Dinge eigentlich tun.“

Veränderung bedeutet also nicht, das ganze Leben von heute auf morgen umzustellen. Oft beginnt sie schon damit, den eigenen Alltag wieder bewusster wahrzunehmen und mehr im Moment zu leben.

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