Wohnen in Großstädten Wohnparadies und Mietpreishölle

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Wie unterschiedlich dem Thema „Bezahlbarer Wohnraum“ begegnet werden kann, zeigt sich in den Städten Wien und München. Ein gemeinsame Ziel wird bei der StZ-Podiumsdiskussion formuliert: Familien sollen nicht aus den Zentren gedrängt werden.

Im Gespräch: Architekt Jakob Dunkl, StZ-Redakteurin Hilke Lorenz, Stadtplaner Norbert Wendrich und Fonds-Manager Klaus Franken (v.l.) Foto: Lichtgut/Piechowski
Im Gespräch: Architekt Jakob Dunkl, StZ-Redakteurin Hilke Lorenz, Stadtplaner Norbert Wendrich und Fonds-Manager Klaus Franken (v.l.) Foto: Lichtgut/Piechowski

Stuttgart - Wien ist die gelobte Stadt. Jedenfalls für Familien, die eine bezahlbare Mietwohnung in Innenstadtlage suchen. Für 800 Euro im Monat kann man in Österreichs Hauptstadt an eine vorzeigbare 100 Quadratmeter große Neubau-Unterkunft kommen. Dieser Tarif ruft in Stuttgart Staunen und Raunen hervor – so geschehen bei der Podiumsdiskussion zum Thema „Bezahlbarer Wohnraum“. Es ist der innovative Wiener Architekt Jakob Dunkl, der beim Stadtentwicklungs-Kongress der Stuttgarter Zeitung von den erschwinglichen Preisen und dem dazugehörigen Wohnprogramm berichtet. „62 Prozent des Wiener Wohnungsbaus ist gefördert“, kann er berichten. Dass dies nicht deutscher Standard ist, weiß Dunkl. Schließlich ist er in Stuttgart aufgewachsen, hat hier studiert.

Das Mietpreis-Gegengewicht in der Diskussionsrunde bildet Norbert Wendrich, allerdings unfreiwillig. Der Leiter des Münchner Stadtplanungsreferats würde auch gerne mehr als 30 Prozent geförderten Wohnraum in seiner Stadt anbieten. Dazu kommen weitere zehn Prozent, die „preisgedämpft“ sind. Für diese verbilligte Variante werden in München aber auch 13,90 Euro pro Quadratmeter fällig. „16,50 sind in München der Normalpreis“, sagt er. Diese Preise liegen noch etwas über denen in Stuttgart. Diese Städte sind auch Opfer ihrer eigenen Attraktivität. Die Bauwirtschaft dürfe auch nicht zu sehr geknebelt werden, sonst drohe sie abzuwandern, betont Wendrich: „Die Kuh, die man melken will, darf nicht getötet werden.“

Auch der dritte Wohnbau-Experte in der von der StZ-Redakteurin Hilke Lorenz moderierten Runde, arbeitet in einem Spannungsfeld. Klaus Franken vom Immobilienfonds Catella bietet auch über den sozialen Wohnungsbau seinen Kunden Anlagemöglichkeiten an: „Dabei müssen beiden Seiten zufrieden sein, sowohl die Mieter als auch die Wohnungseigentümer.“

Trittschalldämmung kennt man in Frankreich nicht

Einigkeit herrscht in der Runde darüber, dass eine Stadt von den Familien lebt, die in ihr wohnen; dass sie nicht ins Umland gedrängt werden, sondern auch die Möglichkeit haben müssen, zentral zu wohnen. Im Weg stehen dem bezahlbaren Wohnraum in den Städten begrenzte Bebauungsmöglichkeiten. Aber auch im Bauboom sieht Klaus Franken ein Problem: „Es gibt bei den Firmen Engpässe, nicht genug Kapazitäten. Es wird teilweise zu viel und zu schnell gebaut.“ Erschwerend hinzu komme die deutsche Regulierungswut. „Im Französischen gibt es nicht einmal ein Wort für Trittschalldämmung“, sagt der international tätige Jakob Dunkl.

Unterschiedliche Auffassungen haben der Fonds-Manager und der Architekt da gegen darüber, was das äußere Erscheinungsbild von Häusern angeht. Klaus Franken sieht Einsparungspotenzial an der Fassade, an der sich Architekten über Gebühr abarbeiten würden. Als solcher sieht Jakob Dunkl das Gesamtbild. „Architektur ist Poesie und Emotion. Wir dürfen nicht immer nur Durchschnitt bauen“, sagt Dunkl, dem es wichtig ist, dass seine sozialen geförderten Arbeiten auch noch in 30 Jahren dem kritischen Blick des Betrachters Stand halten. Außerdem fordert er auf, flexible Wohnungen zu erstellen – in einer Bürobauweise mit wenig tragenden Wänden. So sei gewährleistet, auf neue Anforderungen, die später an eine Wohnung gestellt werden, reagieren zu können.

Neben der Flexibilität wird auch Mut aus der Gesprächsrunde gefordert: Mut der Stadtverwaltungen, für bezahlbaren Wohnraum einzustehen. Und der Mut, neue Wege zu gehen. So fragt sich Münchens Stadtentwickler Norbert Wendrich: „Warum entscheiden eigentlich immer ältere Menschen jenseits der 50 und 60 darüber, wie die Zukunft aussieht?“ Er regt an, die Jugend nach ihren Wohnwünschen zu befragen und eine Diskussion anzustoßen, die im Internet weitergeführt wird.

Unsere Kollegen von Stuggi TV erklären im Video, warum die Mieten in Stuttgart so teuer sind:




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