Bezahlen mit dem Smartphone Der Kampf um das virtuelle Portemonnaie

Von Alexander Günzler 

Smartphone rausholen, ans Terminal halten, ein Piep, grünes Licht – und schon ist die Tankfüllung oder der Schokoriegel bezahlt. Einfach mit dem Handy bezahlen – das ist in Deutschland schon in vielen Geschäften möglich. Doch weder Händler noch Verbraucher sind so richtig begeistert von der Technik.

Mit dem Handy zu bezahlen soll einfach und schnell gehen. Foto: Mastercard
Mit dem Handy zu bezahlen soll einfach und schnell gehen. Foto: Mastercard

Stuttgart - Smartphone aus der Tasche, ans Terminal halten, ein kurzer Piep, grünes Licht – und schon ist die Tankfüllung oder der Schokoriegel bezahlt. Was an einigen Hamburger Tankstellen seit Oktober unter dem Namen mpass möglich ist, ist in Deutschland die neueste Episode auf einem Markt, dem schon seit Jahren eine große Zukunft vorausgesagt wird. Die Rede ist vom mobilen Bezahlen beziehungsweise der Zahlung per Handy. Die Methode hält mit mpass nun – nachdem im Internet oder etwa bei der Deutschen Bahn schon länger mobil bezahlt werden kann – auch im stationären Handel Einzug.

„Wir werden 2013 in Deutschland noch einige ernst zu nehmende Ansätze sehen“, ist Marc-Oliver Reeh vom Center for Near Field Communication (NFC) Management an der Universität Hannover überzeugt. NFC steht für den aktuell weltweit verbreitetsten Standard für kontaktlose Kurzstrecken-Datenübertragung. „NFC wird in weiten Teilen des Handels als die überzeugendste Technik angesehen“, sagt Ulrich Binnebößel, Experte für Zahlungssysteme beim Handelsverband Deutschland (HDE). In einigen neuen Smartphones – etwa dem Samsung Galaxy S III – ist NFC bereits mittels Antenne und Chip integriert. „2013 haben wir nicht mehr das Problem, dass zu wenig NFC-Geräte verfügbar sind“, sagt Reeh. Weltweit erwartet der Wissenschaftler für das kommende Jahr mehr als 100 verfügbare NFC-Modelle.

IMS Research, ein auf Technologietrends spezialisierter Marktforscher, rechnet damit, dass 2016 rund 45 Prozent aller Mobiltelefone NFC-fähig sein werden. Die Forscher von Gartner schätzen die jährliche Wachstumsrate in den Jahren 2010 bis 2015 auf mehr als 40 Prozent in entwickelten Märkten und sagt voraus, dass die Technik in etwa fünf Jahren endgültig die „Ebene der Produktivität“ erreichen wird. Und laut dem Institut ABI Research werden die Transaktionen mittels NFC im Jahr 2016 weltweit die 100-Milliarden-Dollar-Marke knacken. In diesem Jahr seien es vier Milliarden Dollar (3,1 Milliarden Euro).

Hinter mpass stehen O2, Vodafone und Telekom

Hinter dem mpass-Modell in den Hamburger Tankstellen stehen die Mobilfunkanbieter O2, Vodafone und Telekom. „Das Potenzial für die Nutzung von mpass ist groß“, heißt es bei Telefonica Deutschland, wozu die Marke O2 gehört. Jeder Kunde in Deutschland soll dieses „Payment 3.0“ (so bezeichnet es Vodafone) nutzen können, der eine Mobilfunknummer, ein Girokonto und ein mpass-Konto besitzt. Voraussetzung ist nur ein Sticker mit NFC-Chip, der von O2 und Co. geliefert und auf dem Handy befestigt wird. Der Konkurrent E-Plus hat kürzlich zusammen mit dem Partner Targobank ein ähnliches Modell gestartet.

Für den Handelsexperten Binnebößel ist dies kein großer Wurf: „Das ist kein wirklich neues Bezahlsystem, nur die Verpackung ist neu.“ Denn im Hintergrund der Modelle steht die Zahlung per Kreditkarte. In den meisten Fällen – so auch bei mpass – ist dies Mastercard mit seinem sogenannten Paypass-Verfahren, das seit 2007 kontaktloses Bezahlen per NFC ermöglicht. Mittlerweile gibt es 350 000 Paypass-Akzeptanzstellen weltweit. „Mastercard verfolgt wie auch die Mobilfunkanbieter das Ziel, das Bezahlen durch Kontaktlos-Zahlungen schneller, einfacher und sicherer zu machen“, erklärt Christian Stolz, Deutschland-Chef von Mastercard. Der Formfaktor, also ob kontaktlos per Karte mit integrierter NFC-Antenne oder per Smartphone bezahlt werde, sei für Mastercard unerheblich.

Bislang wird das System hauptsächlich über NFC-fähige Kreditkarten und NFC-Sticker zum Nachrüsten von Handys genutzt. „Da aber der Trend zum elektro­nischen Zahlungsverkehr zunimmt und immer mehr Menschen Smartphones be­nutzen, ist das Bezahlen per Handy über eine integrierte digitale Brieftasche die logische Konsequenz“, so Stolz. Auch in Deutschland kann man laut Mastercard „bei vielen Einzelhändlern“ über Paypass bezahlen. In Stuttgart ist das Angebot mit elf Akzeptanzstellen, darunter die Parfümeriekette Douglas, die Vapiano-Restaurants oder etwa die Mercedes-Benz-Arena, allerdings noch recht überschaubar.

Vorteile für den Handel sind fraglich

Ob sich ein Bezahlmodell durchsetzt, entscheiden zunächst einmal die Händler. „Der Knackpunkt für den Handel dabei ist: bringt es einen Zusatznutzen, oder ist es kostengünstiger“, erklärt Ulrich Binnebößel. Ein Verfahren wie mpass sei für den Handel nicht billiger, da die normalen Kreditkartengebühren in Höhe von drei Prozent des Umsatzes anfielen. Beim EC-Kartenverfahren, das die meisten Händler in Deutschland anbieten, sind es hingegen lediglich 0,3 Prozent. „Den Geschwindigkeitsvorteil durch Verfahren wie mpass sehe ich bislang auch nicht“, sagt Binnebößel. Der ergebe sich erst dann, wenn jeder Kunde so bezahle und nicht jeder Zwanzigste. Die mpass-Anbieter sehen die Lage anders: „Unsere Gespräche mit dem Handel unterschiedlicher Branchen und der Markt signalisieren uns ein sehr großes Interesse für den Einsatz von mpass in den Geschäften“, erklärt ein Telefonica-Sprecher.

Der Handelsexperte Binnebößel sieht hingegen einen größeren Mehrwert für den Handel in Mobillösungen wie etwa iZettle. Erst vor wenigen Tagen kündigte das schwedische Unternehmen an, auch in Deutschland Smartphones und Tablets zu Kassengeräten machen zu wollen. Dafür verteilt iZettle 25 000 einsteckbare Lesegeräte für Kredit- und EC-Karten kostenlos an Händler. „Damit können etwa Marktstände oder kleine Handwerksbetriebe ihren Kunden etwas bieten, was bisher nicht da war“, sagt Binnebößel. Dafür seien diese dann auch bereit, eine Gebühr zu zahlen – im Falle von iZettle 2,75 Prozent des Umsatzes. Als Partner haben die Schweden die DZ Bank und die Telekom gewonnen. Das werde iZettle helfen, das Vertrauen der Menschen in Deutschland zu gewinnen, sagte kürzlich der Gründer und Chef Jacob de Geer.

Pionier des Geschäftsmodells mit den Einsteck-Kartenlesern ist die US-Firma Square des Twitter-Mitgründers Jack Dorsey. Square wurde 2009 gegründet, hat die Kaffeehauskette Starbucks als Partner gewonnen und ist laut Medienberichten auf dem Weg, jährlich Zahlungen von rund acht Milliarden Dollar umzuschlagen.