Sticheleien in Beziehungen Die große Liebe – und ein Fünkchen Hass
Zu unserem Partner sind wir manchmal besonders fies. Aber weshalb ist das so? Und wann wird es mit den Gemeinheiten zu viel?
Zu unserem Partner sind wir manchmal besonders fies. Aber weshalb ist das so? Und wann wird es mit den Gemeinheiten zu viel?
Stuttgart - Was sich liebt, das neckt sich, heißt es. Und egal, wie gut eine Beziehung läuft – ein Streit kommt in den besten Familien vor. Aber auch, wenn wir schlechte Laune haben oder morgens mit dem falschen Fuß aufgestanden sind, bekommt das unser Partner oft besonders zu spüren: Wir werden zickig, mürrisch und manchmal auch richtig fies. So fies, wie wir zur Freundin, zu Kollegen oder Bekannten nie sein würden. Aber warum?
„In einer Beziehung geht es um Nähe und je näher wir uns jemandem fühlen, desto stärker ist auch die Emotionalität“, erklärt der Stuttgarter Diplom-Psychologe und Paartherapeut Oliviero Lombardi. Das gelte für positive wie negative Gefühle. Denn Menschen, die wir lieben und die uns besonders nahestehen, bringen wir nicht nur mehr Zuneigung entgegen. Sie kennen auch unsere Schwächen und können uns leichter verletzen als andere. Außerdem verbringen wir mit dem Partner meist mehr Zeit als mit Freunden oder Bekannten. Entsprechend ist es auch nicht schwer, zu diesen Menschen immer nett zu sein. Um einen Menschen anzuschreien, Türen zuzuknallen oder den anderen etwa als „blödes Stück“ zu bezeichnen, muss er uns in der Regel schon ziemlich wichtig sein.
Viele Beziehungen sind aber auch von einer falschen Erwartungshaltung geprägt. Von Erwartungen, die der Partner entweder nicht erfüllen kann oder will. „Wenn ihre Erwartungen enttäuscht werden, reagieren Menschen ungehalten, anstatt zu erkennen, dass der Partner sich vielleicht nie zu etwas verpflichtet hat“, erklärt Lombardi. Im Übrigen sei der Partner nicht dazu da, den anderen glücklich zu machen, betont der Psychologe. „Glücklich wird man nur durch sich selbst, nie durch den Partner.“
Auch wenn es in einer Beziehung Streit gibt, sehen viele Menschen die Verantwortung dafür beim Partner, nicht bei sich selbst. Man hält sich selbst für ganz normal, nur der oder die Liebste scheint ein Problem zu haben. „Viele Menschen haben die Einstellung ‚Ich bin okay, du bist nicht okay‘ und das führt natürlich zu einer verfälschten Wahrnehmung“, so Lombardi. „Deshalb muss sich diese Einstellung in einer Beziehung wandeln zu ‚Ich bin okay und du bist okay‘.“
Wie liebevoll ein Paar miteinander umgeht und kommuniziert, hängt aber auch von Erfahrungen aus der Kindheit ab. Dabei spiele vor allem die Beziehung der eigenen Eltern eine große Rolle, meint der Psychologe. „Wenn die Eltern oft zickig zueinander waren, ist das für ein Kind ein Vorbild. Dann sucht es sich später auch eher jemanden, den man anzicken kann.“ Ein solches Muster zu durchbrechen, sei ohne Psychotherapie schwierig.
Dennoch sind spitze Bemerkungen und Streitereien bei manchen Paaren an der Tagesordnung. Und als Außenstehender könnte man meinen, dass diese Paare unmöglich eine glückliche Beziehung führen können. Trotzdem bestehen einige dieser Partnerschaften schon seit Jahrzehnten. „Gerade bei Älteren ist das manchmal tatsächlich ein gefestigtes Beziehungsmodell“, sagt Oliviero Lombardi. „Wenn bei diesen Paaren die Sticheleien aufhören, fehlt das bindende Element – auch, wenn dieses Element destruktiv ist.“
Grundsätzlich aber, sagt der Psychologe, sei die Grenze der Gemeinheiten in einer Partnerschaft da erreicht, wo für einen von beiden „das Leid zu groß wird“. Dann brauche es zur Rettung der Beziehung meist professionelle Unterstützung von einem Therapeuten. Aber auch schon kleine Neckereien könnten destruktiv sein und dazu führen, dass eine Partnerschaft auf Dauer leide. „Es ist grundsätzlich nie gut, sich gegenseitig anzuzicken, weil sich da mit der Zeit etwas aufstaut und einer von beiden irgendwann nicht mehr mit der Situation klarkommt“, sagt der Therapeut. „Auch deshalb geht jede zweite Ehe zu Bruch.“
Wichtig sei deshalb eine „gewaltfreie Kommunikation“ – mit weniger Vorwürfen und Angriffen und mehr Wertschätzung dem anderen gegenüber. Zum Beispiel sei es bei Konflikten stets besser, „Ich-Botschaften“ zu senden. Denn während ein vorwurfsvolles „Du lässt immer deine Socken überall liegen“ vom Gegenüber als Angriff verstanden wird, wirkt ein „Ich würde mich freuen, wenn du deine Socken immer gleich in die Wäschetonne werfen könntest“ doch gleich viel friedlicher. „Mit Du-Botschaften stülpe ich meinem Partner meine Realität über und greife ihn an“, erläutert der Paartherapeut. „Mit einer Ich-Botschaft tue ich das nicht.“
Auch sarkastische Bemerkungen sind fehl am Platze. Statt eines „Wie schön, dass du mal pünktlich kommst“ ist es sinnvoller, sachlich und freundlich zu sagen, was einen stört und welche Veränderungen man sich wünscht. So stehen die Chancen auch wesentlich besser, dass der Partner zu einer Veränderung bereit ist.
Diese gewaltfreie Form der Kommunikation könne man üben, sagt Lombardi. „Indem man es tut und indem man dem anderen sagt, dass man ihn liebt, ihn unterstützt und Gespräche führt. Denn das führt auch zu mehr Wertschätzung in der Beziehung.“ Und die gelte es auch in stressigen Situationen zu bewahren. Wer damit Probleme hat, kann gewaltfreie Kommunikation auch in einer Paartherapie lernen. „Denn oft fehlt uns einfach das Instrumentarium, um mit Konflikten richtig umzugehen“, sagt der Therapeut.
Doch selbst, wenn sich beide Partner gegenseitig wertschätzen und auf Augenhöhe begegnen – einen Streit kann es trotzdem geben. Und das ist auch legitim. Oliviero Lombardi empfiehlt Paaren, nach einem Streit einen „Break“ zu machen, also eine kurze Pause, in der sich beide wieder beruhigen können. Denn wer recht hatte und wer nicht, lässt sich nach einem Streit oft sowieso nicht sagen. Und mit einem abgekühlten Gemüt kann man nicht nur wieder besser aufeinander zugehen, sondern dem Partner auch ebenso nett begegnen wie dem besten Freund oder der besten Freundin. Vielleicht sogar ein bisschen netter.