Einzelkinder sind verwöhnt, Erstgeborene sind fürsorglich und Sandwichkinder besonders ausgeglichen. Über Geschwister gibt es viele Klischees. Lange galt in der Wissenschaft das Credo, dass die Reihenfolge der Geschwister maßgeblich für den Charakter verantwortlich sei. Ein Pionier in der Geschwisterforschung war der Wiener Psychotherapeut und Begründer der Individualpsychologie Alfred Adler. Laut seinen Forschungen seien die Erstgeborenen neurotischer, da sie nach den ersten Jahren, in denen sie ihre Eltern mit niemandem teilen müssten, vom Zweitgeborenen quasi vom Thron gestoßen würden.
Die ehrgeizigen Nesthäckchen
Die kleinsten, die Nesthäkchen, hätten laut Adler einen sehr starken Ehrgeiz. Diesen Gedanken, dass die Geburtenreihenfolge entscheidend sei für die Persönlichkeit, verfolgte auch der US-Psychologe Frank Sulloway weiter. Er publizierte 1996 mit „Der Rebell der Familie“ eine Theorie, der zufolge Kinder in der Familie verschiedene Nischen besetzen. Erstgeborene sah Sulloway als perfektionistisch, mittlere Kinder als sozial, Nesthäkchen als Rebellen.
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„Nach heutigem Stand hat die Geburtsreihenfolge von Geschwistern – isoliert von anderen Einflussfaktoren betrachtet – keinen Einfluss auf den Charakter“, sagt aber der Schweizer Geschwisterexperte Jürg Frick (65), ehemaliger Psychologieprofessor an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Er hat das Buch „Ich mag dich – du nervst“ über Geschwisterbeziehungen geschrieben.
Dies haben im Jahr 2015 auch Forscher der Universität Leipzig um die Psychologin Julia Rohrer und den Psychologen Stefan Schmukle herausgefunden. Wie emotional, extrovertiert oder gewissenhaft ein Mensch ist, sei unabhängig von der Position als Erstgeborener, Sandwichkind oder Nesthäkchen, so die Psychologen. Das Team habe lediglich minimale Unterschiede beim Intelligenzquotienten festgestellt – zum Nachteil der jüngeren Geschwister.
Ältere Kinder müssen häufig früher Verantwortung übernehmen
Mit Kollegen aus Mainz hat Julia Rohrer Daten aus drei Untersuchungen mit insgesamt 20 000 Teilnehmern aus den USA, Großbritannien und Deutschland ausgewertet. Verglichen haben sie dabei vier zentrale Eigenschaften: Extraversion, emotionale Stabilität, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit. Sie könnten keinerlei statisch bedeutsamen Unterschied zwischen der Geburtenreihenfolge ausmachen.
Der Erstgeborene ist nicht zwingend vernünftiger, weil erstgeboren, sondern schlicht, weil er oft mehr Verantwortung übernehmen muss. „Es ist ja undenkbar, dass Eltern zu einem Zweijährigen sagen, es soll auf sein zehnjähriges Geschwisterchen aufpassen“, sagt Frick. Das Umgekehrte sei der Regelfall. Es sei wahrscheinlich, dass ältere Kinder mehr Betreuungsaufgaben übernehmen in der Familie. „Und dann gibt es Kinder, die stolz darauf sind, diese Verantwortung zugeschrieben bekommen, aber es gibt auch Kinder, die das ablehnen“, ergänzt er.
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Letztlich spielten dann auch andere Dinge mit hinein: das Geschlecht, ob es eine Patchwork-Familie ist oder aber auch wie die Zuschreibungen der Eltern für die einzelnen Kinder seien, der Altersabstand und das Temperament des jeweiligen Kindes. „Die meisten Eltern glauben zwar, dass sie alle Kinder gleichbehandeln, aber das ist ein Mythos“, sagt Frick. „Die Geschwisterposition stellt nur einen Faktor dar und umfasst nur Teile des komplexen Beziehungsmusters zwischen Geschwistern.“
Inzwischen geht es in der Forschung längst nicht mehr nur darum, was die Reihenfolge aussagt, sondern welche Bedeutung Geschwistern zukommt. Lange stand nur die Bedeutung der Mutter im Vordergrund, später entdeckte die Forschung, dass es auch Väter gebe. „Geschwister sind aber auch Primärbeziehungen“, betont Frick. „Geschwister ermöglichen andere Erfahrungen, weil sie auf einer ähnlichen Ebene stattfinden.“ Es seien zusätzliche, sehr hilfreiche Erfahrungen, aber eben auch etwas, worunter Menschen ihr Leben lang leiden könnten, wenn die Beziehung nicht gut ist. „Aber sie tragen entscheidend zur moralischen, sozialen und emotionalen Entwicklung bei“, sagt Frick.
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So können Konflikte zwischen Geschwistern sehr viel tiefer sein als zum Beispiel zu Freunden. Unsere Geschwister bleiben uns eben wie unsere Eltern ein Leben lang erhalten, selbst wenn es heftige Dispute gibt, so bleiben sie doch Familie – im Gegensatz zu Freunden oder Liebespartnern. „Es sind Beziehungen, die man nicht einfach auflösen kann“, sagt Frick. Vor allem veränderten sie sich über die Jahre; oft trete etwas Distanz ein, wenn die eigene Familiengründung ansteht und werde häufig im Alter wieder enger, wenn Geschwister sich gemeinsam um die Eltern kümmern müssten. „Aber gerade in der Zeit kommen dann oft unerledigte Geschichten aus der Kindheit wieder auf.“
Interessant sei dabei, dass Geschwister oft ein völlig anderes Bild von Ereignissen oder Vorfällen innerhalb der Familie haben – gerade bei Konflikten. „Aus ihrer Sicht liegen die dann schon richtig, das sind keine Lügner, sie haben Dinge einfach aus ihrer subjektiven Sicht verfestigt“, sagt Frick.
Die eigenen Geschwister sind eine wichtige Ressource im Leben
Letztlich kennen Geschwister einen oft sehr viel besser als andere Menschen. Sie können in jungen Jahren sehr viel besser unterstützen als die Eltern. „Das kann schon eine wichtige Ressource sein“, sagt Frick. Aber eben auch ein Gefährdungsfaktor: „Vieles hängt von den Eltern ab. Sie haben einen entscheidenden Einfluss darauf, wie Geschwister miteinander zurechtkommen.“
Forschungsstand
Studie Illinois
Auch Psychologen von der Universität Illinois haben im Jahr 2015 eine groß angelegte repräsentative Studie mit Geschwistern vorgenommen. Für die im Journal of Research in Personality erschienene Erhebung haben sie rund 264 000 Highschool-Schüler ausführlich befragt, die durchschnittlich 16 Jahre alt waren und mindestens einen Bruder oder eine Schwester hatten – darunter 36 Prozent Erstgeborene. Das Ergebnis: Erstgeborene erwiesen sich durchaus als gewissenhafter und dominanter sowie weniger ängstlich, gesellig und neurotisch als die anderen. Die Unterschiede waren zwar statistisch relevant, aber so gering, dass sie nach Ansicht der Autoren für die Entwicklung der Persönlichkeit keine Rolle spielen dürften. Mit Hilfe mehrerer Fragenkataloge erhielten die Forscher Angaben über die Struktur und Lebensverhältnisse der Familien sowie Informationen über zahlreiche Persönlichkeitsmerkmale wie Emotionalität, Verantwortungsbewusstsein, Impulsivität, Selbstvertrauen, Geselligkeit und Ordnungsliebe. Hinzu kamen spezielle Tests, die verbale und mathematische kognitive Fähigkeiten bewerteten sowie das räumliche Vorstellungsvermögen. Damit ermöglichten sie die Berechnung des Intelligenzquotienten (IQ). Die Studie war so konzipiert, dass nicht die Geschwister innerhalb einer Familie miteinander verglichen wurden, sondern jeweils gleichaltrige Erstgeborene und später Geborene verschiedener Familien.