Liebes-Erklärung Warum gehen wir fremd?

Die meisten Deutschen wünschen sich laut Umfragen Treue in der Beziehung – aber viele halten sich selbst nicht daran. Foto: /imago-images.de

Fast jeder zweite Mensch betrügt mal seinen Partner – obwohl ein Seitensprung der Beziehungskiller schlechthin ist. Der Psychologe Wolfgang Krüger nennt drei Gründe, warum wir in Beziehungen fremd gehen.

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Stuttgart - Der Partner ist plötzlich auffällig oft lange im Büro, er ist nicht mehr so engagiert in der Beziehung – der Sex wird weniger. Meistens ahnen viele dann schon: er geht bestimmt fremd.

 

Meistens gehen Beziehungen nach einem Betrug in die Brüche. Aber warum betrügen Menschen ihre Partner dann? Die Münchner Soziologinnen Christiane Botoyan und Claudia Schmierenberg haben in dem Beziehungspanel „PariFam“ nach Ursachen geforscht, warum Menschen fremdgehen. Mehr als 90 Prozent der Menschen wünschten sich laut der Studie eigentlich bedingungslose Treue, trotzdem gaben 50 Prozent der Befragten aber zu, schon einmal fremdgegangen zu sein. Der Seitensprung stehe dem allgemein gewünschten „Ausschließlichkeitsgebot“ entgegen. Unzufriedenheit mit der Beziehung alleine sei aber keine ausreichende Erklärung, warum ein Partner untreu werde, so die Soziologinnen.

Sind Männer wirklich Jäger?

Vielmehr sei die Zukunftserwartung ausschlaggebend. Wer die eigene Partnerschaft in ernsten Schwierigkeiten sehe und bereits über Trennung nachdenke, dem falle die Untreue tatsächlich leichter, so die Ergebnisse der Langzeitbefragung. „Zukunftsgewissheit trägt über Phasen der Unzufriedenheit hinweg, Endzeitstimmung lässt das Begehren frei.“ Umgekehrt seien es Schwangerschaften und Kinder, die Untreue eher bremsen, während eine Ehe oder eine gemeinsame Immobilie für die meisten kaum ein Hinderungsgrund darstellen.

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Früher waren es hauptsächlich Männer, die ihre Frauen betrogen haben. Gerne wurde das mit fadenscheinigen Theorien begründet, wie Seitensprünge seien evolutionstechnisch aus der Steinzeit heraus zu erklären. „Das ist dermaßen bescheuert“, sagt der Berliner Psychologe und Paartherapeut Wolfgang Krüger. Er beschäftigt sich schon seit Jahrzehnten mit dem Thema Treue und hat Bücher dazu geschrieben. Das Märchen vom Mann als dem Jäger, der nicht anders könne, sei alt. „Wer betrügt, der betrügt, weil er es will“, sagt Krüger. Manchmal steckt dahinter durchaus Verzweiflung. Die Beziehung ist eingeschlafen, die Familie, die Kinder und das Haus fressen einen auf. „Und dann ist die Erotik irgendwann komplett weg“, sagt Krüger. Das sei oft ein kritischer Punkt, an dem Menschen anfingen, ihre Partner zu betrügen. Gerade Männer denken dann seiner Erfahrung nach gerne, es es optimal eine Affäre zu haben und daheim die Hausfrau und Mutter. „Das Dumme ist nur: diese Aufteilung funktioniert nicht.“

Wer sich vernachlässigt fühlt, geht eher fremd

Es gebe drei Gründe, warum Menschen fremdgehen, sagt Krüger. „Selten geht es übrigens um den Sex an sich.“ Das sei oft nur ein Klischee. Wie auch die Studie von Botoyan und Schmierenberg ergab, betrügen die meisten tatsächlich aus Unglück und Verzweiflung. Das seien etwa 60 Prozent. „Die Basis für den Betrug beginnt damit, wenn ich das Gefühl habe, dass der andere mich emotional vernachlässigt“, sagt Krüger. Dazu kommt: Wir alle haben zwei fundamentale Bedürfnisse in uns, die leider einander völlig widersprechen: Wir wünschen uns zum einen Sicherheit und zum Abenteuer. Doch beides lässt sich leider in der Realität kaum vereinbaren. Deshalb treffen wir Entscheidungen. Je wichtiger uns unser Partner ist, desto eher bleiben wir treu.

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Krüger sieht einen Seitensprung deshalb nicht als „Betriebsunfall“ an. „So wie ein Fieber das Symptom einer Krankheit ist, weist die Untreue auf eine Störung der Beziehung hin“, betont der Psychologe. Oder schlimmer noch: Auf ein arges Defizit des Partners. Denn nicht nur Unzufriedenheit sind Gründe für Untreue. Die zwei weiteren sind: die Angst vor Nähe und Narzissmus.

Der Narzisst braucht die Eroberung – für sein Ego

Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung sind häufig notorische Fremdgeher. Sie brauchen Eroberungen, um ihr stets angeschlagenes Ego zu kompensieren. „Das sind tatsächlich vor allem Männer“, sagt Krüger. „Ich sehe selten Frauen, die so narzisstisch sind wie so manch männliche Gockel.“ Das seien oft Männer mit Lebensläufen wie Willy Brandt oder John F. Kennedy – fremdzugehen sei bei ihnen zwanghaft, sie brauchen stete Bewunderung und Applaus. „Da steckt eine große innere Verzweiflung dahinter – mit Lust hat das nichts zu tun.“

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Aber auch sehr bindungsscheue Menschen neigen nicht unbedingt zur Treue – sie fühlen sich in Beziehungen schnell erdrückt, gehen oft nur halb gare Beziehungen ein. Manche bleiben ein Leben lang Single – obwohl sie in einer Beziehung sind. „Dieser Typ fängt an, fremdzugehen, wenn die Beziehung enger und intimer wird“, sagt Krüger. Der Seitensprung bringe das Gefühl von Freiheit zurück.

Neugierde und der Wunsch nach Abenteuer sind laut Krüger wiederum nur sehr schwache Motive für einen Betrug am Partner. „Wer erwachsen ist, der weiß, wie viel Unruhe es ins Leben bringt, wenn man fremdgeht“, sagt Krüger. „Das tun sich die meisten allein aus Neugierde schlicht nicht an.“

Fremdgehen löst Lebenskrisen aus – beim dem Betrogenen und dem Betrüger

In seinen Therapien sehe er oft, wie viel Leid Seitensprünge und Affären auslösen können. „Viele stürzen in eine große Lebenskrise – die Betrogenen und die Betrüger“, sagt er. „Jeder Seitensprung führt dazu, dass Bindungen zerstört werden.“ Damit wanke aber auch die eigene Lebensbasis. Krüger empfiehlt seinen Patienten zum Beispiel, die Ursachen, welche zum Seitensprung führen, „intelligenter“ zu lösen. „Ja, das geht“, fügt er hinzu. „Viele Männer begreifen dann, dass Heilung darin besteht, sich mit dem eigenen Leben zu versöhnen“, sagt er. „Und dann führen die oft plötzlich ein viel glücklicheres und zufriedeneres Leben.“

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Für Krüger hat der Wunsch nach einer Beziehung, die auf Treue und Vertrauen basiert, etwas mit Reife und Erwachsenwerden zu tun. „Ich erkenne: für das Fremdgehen zahle ich einen hohen Preis.“ Und: „Eine Ehe wird übrigens nicht zwangsläufig langweilig, nur weil man sich besser kennt.“ Auch die Abnahme der Leidenschaft sei kein Naturphänomen. Es seien vielmehr die vielen „kleinen Tretminen des Alltags“, die zu seelischen Verletzungen führten. „Lebensglück ist aber eben nur möglich, wenn wir zutiefst mit anderen verwurzelt sind und lieben“, so Krüger. „Wer sich zu wenig bindet oder untreu ist – der kennt dieses Lebensglück überhaupt gar nicht.“

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