Bezirkschef Zitzelsberger IG Metall beharrt auf Vier-Tage-Woche

Arbeitszeiten, die zum Leben und zur Krise passen, strebt die IG Metall in der nächsten Tarifrunde an (hier eine Aktion bei Daimler in der Tarifrunde 2018). Foto: dpa/Larissa Schwedes

Trotz Arbeitgeberkritik will die Gewerkschaft in der nächsten Tarifrunde neue Modelle mit einer geringeren Arbeitszeit in den Betrieben verankern. Ziel der geforderten Vier-Tage-Woche sei nicht nur mehr Jobsicherheit in der Krise, sagt der Bezirkschef Zitzelsberger.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Stuttgart - IG-Metall-Chef Jörg Hofmann hat einen Stein ins Wasser geworfen. Sein vage formulierter Vorschlag, in der Tarifrunde Anfang 2021 eine Vier-Tage-Woche für die Metall- und Elektroindustrie zu vereinbaren und den Beschäftigten einen „gewissen Lohnausgleich“ für die entfallenen Arbeitsstunden zukommen zu lassen, löste enorme Wellen aus. In der Politik wurden große Erwartungen geäußert, von Arbeitgebern eher Ablehnung.

 

Ist dies das Ende der 35-Stunden-Woche? Baden-Württembergs Bezirksleiter Roman Zitzelsberger stellt klar: „Wir fordern jetzt nicht die nächste Stufe der einheitlichen Arbeitszeitverkürzung bei vollem Entgeltausgleich“, sagte er unserer Zeitung. „Sondern wir wollen einen Beitrag dazu leisten, die Beschäftigung zu sichern und weitere Arbeitszeitmodelle als kollektive Vereinbarungsmöglichkeit in den Betrieben einzuführen – ausdrücklich nur als eine Option.“ Es sei immer noch besser, zehn oder 20 Prozent der Arbeitszeit zu reduzieren – als bis zu 20 Prozent der Menschen auf die Straße zu setzen.

Alle sollen Vorteile von neuen Arbeitsmodellen haben

Insofern geht es der Gewerkschaft um mehr als um die Jobsicherheit in der Krise. Infolge der Corona-Pandemie erleben viele Beschäftigte seit Monaten die „Segnungen des Arbeitens im Homeoffice“, wie Zitzelsberger meint – für viele andere kann es keinen mobilen Arbeitsplatz geben. Künftig sollen aber nicht nur die Besserverdienenden vom Wegfall langer Fahrtzeiten profitieren. Es hat auch ökologische Vorteile, weil die CO2-Emissionen durch den verringerten Berufsverkehr gesunken sind. Zudem kann die gewonnene Zeit genutzt werden, um etwa Weiterbildung intensiver zu betreiben. Zu all dem könne man kollektive Antworten finden, findet der Bezirksleiter.

Somit knüpft die Gewerkschaft an den Tarifabschluss von 2018 an, als individuelle Wahlrechte zwischen Zeit und Geld mit den Arbeitgebern vereinbart wurden. Nun geht es darum, „andere Formen von Arbeits- und Lebensorganisation kollektiv zu regeln“, wie Zitzelsberger sagt. Der Vorstoß bedeutet aber nicht automatisch eine Absenkung auf 32 Wochenstunden – es können auch weniger Stunden sein. Schon jetzt sind die Arbeitszeiten extrem unterschiedlich: Manche Firmen haben die Acht-Stunden-Tage mit Freischichten, andere die sieben Stunden ohne zusätzliche freie Tage. Sodann gibt es viele Mischformen und individuelle Modelle mit Gleitzeiten.

In der Metallindustrie wird gut verdient – das hilft

Nun soll eine weitere tarifliche Variante mit einer abgesenkten Arbeitszeit eingeführt werden, ohne dass auch der Verdienst in gleichem Maße abgesenkt wird. Zur Höhe des Lohnausgleichs mag sich allerdings auch der Bezirkschef noch nicht konkret äußern. Denkbar ist für die IG Metall jedoch, dass die von den Arbeitgebern zu zahlenden Entgeltausgleiche durch Steuerfreiheit vom Staat subventioniert werden, um Nettolohneinbußen der Betroffenen zu vermeiden.

Der Bezirksleiter verkennt nicht, „dass wir mit dem Vorschlag in der Metall- und Elektroindustrie auf eine relativ gute Ausgangsbasis beim Einkommen stoßen“. Im Einzelhandel zum Beispiel stelle sich die Situation ganz anders dar. Weil allerdings schon Teile der Politik den Hofmann-Plan als Blaupause für große Teile der Wirtschaft verstehen, warnt der Gewerkschafter: „Wir wollen keine Debatte anstoßen, die im Ergebnis dazu führt, dass die Menschen signifikant weniger Geld verdienen.“ Es gehe um eine tarifliche Lösung für spezifische betriebliche Fälle in den IG-Metall-Branchen.

Nächste große Beschäftigtenbefragung wird gestartet

Südwestmetall hat den Vorstoß bereits als „untauglich“ zurückgewiesen. Es gebe bereits eine „tarifliche Kurzarbeit“ mit einer Reduzierung auf 28 Wochenstunden und einem Teillohnausgleich. Zudem könne über den „Tarifvertrag zur Beschäftigungssicherung“ die Arbeitszeit um bis zu zehn Prozent auf 31,5 Wochenstunden abgesenkt werden – freilich ohne Lohnausgleich. Diese Varianten würden aber kaum genutzt, weil sie den Betrieben zu komplex und zu teuer seien, versichert der Arbeitgeberverband.

Hofmanns Äußerungen seien ein Beitrag zur Debatte, mit welcher Position die IG Metall in die Tarifrunde gehen wolle, wendet der Bezirksleiter ein. Da stehe man noch ganz am Anfang. Weiteres soll in der Großen Tarifkommission besprochen werden, die am 25. September das erste Mal nach der Sommerpause wieder tagt. Zudem startet die IG Metall jetzt wie schon 2017 im Vorfeld der Tarifrunde 2018 erneut eine bundesweite Beschäftigtenbefragung. Zitzelsberger zufolge werden wieder „ein paar Hunderttausende“ mitmachen. Dabei wird auch die Vier-Tage-Woche im Mittelpunkt stehen. Die Befragung soll bis Ende Oktober laufen. Im November werden Ergebnisse erwartet.

Entgeltforderung zur Tarifrunde wahrscheinlich

Spätestens Ende November soll Klarheit darüber herrschen, was die IG Metall in der Tarifrunde konkret anstrebt. Schon vorher müssen möglicherweise davon betroffene Tarifverträge gekündigt werden.

Die interne Diskussion über eine Lohnforderung dürfte erst später auf Touren kommen, wenn der weitere Verlauf der Pandemie und Wirtschaftskrise sichtbar wird. „Wir müssen konstatieren, dass es die bisher letzte lineare Lohnerhöhung in den Entgelttabellen vor zweieinhalb Jahren gab“, sagt der Bezirksleiter. Denn 2019 habe es nur die Sonderzahlung „Tarifliches Zusatzgeld“ (T-Zug) gegeben, die auf individuellen Wunsch in vielen Fällen nicht ausgezahlt, sondern in Freizeit umgewandelt wurde. Der Gewerkschaft sei zwar klar, dass die Produktivität der Unternehmen enorm gelitten habe. „Doch aus meiner persönlichen Sicht kann ich mir nicht vorstellen, dass diese Tarifrunde keine bezifferte Entgeltforderung haben wird“, sagt Zitzelsberger.

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