In Furtwangen, weit weg vom Trubel der Weltcuporte, ist längst wieder der Alltag eingekehrt. Julia Tannheimer trainiert, lernt und schreibt Klausuren. Schließlich muss sie in diesen Tagen noch alle Voraussetzungen schaffen, um im Frühjahr auch an den Abiturprüfungen teilnehmen zu dürfen. „Es ist jetzt wieder alles im normalen Bereich“, sagt die 18-Jährige. Doch auch das Kontrastprogramm hallt noch nach.
In Ruhpolding, neben Oberhof das deutsche Biathlon-Mekka, hat Julia Tannheimer kürzlich erstmals im Weltcup laufen dürfen. Das allein war für die Biathletin schon besonders – denn: „Vor der Saison wollte ich eigentlich nur meinen Startplatz im IBU-Junior-Cup sichern.“ Dann qualifizierte sie sich aber gleich für den IBU-Cup der Großen, die zweite Biathlon-Liga also – und gewann dort im achten Versuch ein Einzelrennen. Zur Belohnung ging es dann nach Ruhpolding und den dortigen Massen an Zuschauern. Die feiern, schreien, lärmen – und laut stöhnen, wenn mal ein Schuss daneben geht. „Ich fand es mega“, schwärmt die Schülerin noch Tage später, „das ist doch genau das, was man als Sportlerin erleben möchte.“ Wenn man an ganz anderer Stelle beginnt.
Bei Julia Tannheimer ist diese Stelle eine kleine Senke an der Autobahn 8 auf Höhe der Ausfahrt Ulm gewesen.
Die Stadt, die das Münster ihr Wahrzeichen nennt, steht nicht in einer Reihe mit Ruhpolding, Oberhof oder anderen großen Weltcupstandorten. Aber: Auf der deutschen Biathlon-Landkarte ist der Punkt an der Grenze von Baden-Württemberg zu Bayern in den vergangenen Jahren immer größer geworden. Was die noch junge Karriere von Julia Tannheimer erst ermöglicht hat.
Die konnte es kaum fassen, als sie in Ruhpolding den großen Johannes Thingnes Boe um ein gemeinsames Foto bat – und der Star aus Norwegen ihr nicht nur diesen Wunsch erfüllte, sondern ihr auch noch zum starken Rennen gratuliert hat. Mit Startnummer 94 war sie im Sprint ohne Schießfehler auf Platz 15 gelaufen – und unterstrich damit, dass sie zu Recht als Riesentalent gehandelt wird. „Ihr gehört die Zukunft“, sagt der deutsche Sportdirektor Felix Bitterling. Und ein bisschen auch schon die Gegenwart.
Nervosität vor dem Weltcupdebüt
Wobei sie durchaus erfahren hat, dass es zwischen den Biathlon-Nachwuchsserien und dem Weltcup dann doch den einen oder anderen Unterschied gibt – nicht nur nach dem Rennen, als sie im TV-Interview von ihrer Nervosität vor der Kamera erzählte. Auch am Abend vor dem Rennen hatte sie Mühe gehabt, ihre Emotionen zu kontrollieren. „Ich musste mich ablenken und habe dann eine Doku über die Tour de France angeschaut“, erinnert sie sich – klingt dabei aber schon wieder komplett aufgeräumt.
Diese persönliche Entwicklung, sagt im Biathlon-Zentrum in Ulm Ute Gallbronner, die Stützpunktleiterin, habe Julia Tannheimer in Furtwangen gemacht. Vor zweieinhalb Jahren hat die Schülerin ihre Heimat verlassen und ist ins Internat in den Schwarzwald gezogen. „Irgendwann muss man dorthin“, weiß sie – weil dort Sport und Schule einfach besser kombinierbar sind. Was Julia Tannheimer schon in Ulm ausgezeichnet hat: ihre enorme Leistungsorientierung. Sportlich wie schulisch.
Beim dortigen DAV ist 2005 vor allem dank des Engagements des damaligen Ski-Abteilungsleiters Werner Rösch ein erstes kleines Biathlonzentrum entstanden. Direkt an der A 8 gelegen, füllt es heute die Lücke zwischen der sechsspurigen Straße und der Schienentrasse der Zugverbindung Stuttgart-Ulm. Im vergangenen Jahr wurde die Anlage umfangreich modernisiert, verfügt nun über eine Sporthalle, zwei Schießstände, ein Funktionsgebäude mit Umkleiden, Werkstatt und Büros sowie über unterschiedlich lange Laufrunden – die dank des Aushubs für die Bahntunnel mittlerweile auch über ordentliche Steigungen verfügen.
„Früher sind wir auch mal belächelt worden“, erinnert sich Ute Gallbronner, mittlerweile sagt aber auch Julia Tannheimer: „Es wird auch an den anderen Stützpunkten wahrgenommen, dass in Ulm super gearbeitet wird.“ Matthias Rösch als Jugendtrainer, gleich mehrere Nachwuchscoaches bei den Schülern, dazu ein Langlauftrainer – auf Skirollern, mit Laser- und Luftgewehren, später auch mit den Kleinkaliberwaffen werden mittlerweile Toptalente ausgebildet.
Saisonziel ist die Junioren-WM in Estland
In den Topkadern des Deutschen Skiverbands (DSV) sind aktuell insgesamt sechs Ulmer Athletinnen und Athleten vertreten. Bei den Deutschen Jugend- und Juniorenmeisterschaften gab es jüngst mehr als ein Dutzend Medaillen. Und bei den Europäischen Jugendspielen in Südkorea sind auch wieder zwei aus dem Ulmer Nachwuchs dabei – einer davon ist Julias Bruder Lukas (16).
Wie viele andere haben die Geschwister einst über ein Schnuppertraining in Ulm zum Sport mit Ski und Gewehr gefunden. Julia Tannheimer war damals zehn – und gleich fasziniert. „Es hat einen unheimlichen Reiz, dass man sich einerseits komplett verausgaben muss, andererseits aber Ruhe und Konzentration am Schießstand benötigt.“ In Ulm, dessen Biathlon-Zentrum auch Landesstützpunkt ist, sehen das 60 bis 70 Kinder und Jugendliche genauso.
Julia Tannheimer gilt längst als Vorbild – widmet sich nach dem Auftritt im Weltcup nun aber wieder ihrem Kerngeschäft. Der Schule, wo sie ziemlich sicher ein Topabitur hinlegen wird, dem IBU-Cup, bei dem sie ab dem 1. Februar am Arber im Bayerischen Wald startet, wie auch der Vorbereitung auf die Junioren-WM Ende Februar in Estland. Also trainiert sie weiter hart. Meist in Furtwangen. Manchmal aber auch noch in Ulm.
Direkt an der A 8 – und doch abseits des ganz großen Trubels.