Biathlon-WM in Antholz Warum kaum einer Weltmeister Alexander Loginow mag

Von Jürgen Kemmner 

Alexander Loginow ist vielen im Biathlon-Zirkus ein Dorn im Fleisch, weil er eine doping-belastete Vergangenheit hat. Nach Gold im Sprint holt der Russe Bronze in der Verfolgung, was vielen nicht gefällt.

Alexander Loginow holte bislang zwei WM-Medaillen in Antholz – er wird in der Szene mit großer Skepsis bis hin zur  Ablehnung betrachtet. Foto: dpa/Hendrik Schmidt
Alexander Loginow holte bislang zwei WM-Medaillen in Antholz – er wird in der Szene mit großer Skepsis bis hin zur Ablehnung betrachtet. Foto: dpa/Hendrik Schmidt

Antholz - Der 19. Schuss ging am Ziel vorbei. Alexander Loginow musste in der Verfolgung zum ersten Mal in die Strafrunde, Gold war weg – Emilien Jacquelin und Johannes Thingnes Bö waren vorbei, am Ende hatte der Franzose die Fußspitze vor der des Norwegers. Für Loginow lag Bronze bereit, und bestimmt waren nicht wenige im Biathlon-Stadion von Antholz, die darüber insgeheim glücklich waren. Denn der Russe ist ein Sieger, der vielen nicht willkommen ist. Am Samstag hatte er den Sprint gewonnen, was für Verstimmung bei der WM-Party im Antholzer Tal gesorgt hatte.

Es hatte Pfiffe gegeben. Das kennt man im Biathlon nicht. Die Fangemeinde gilt als begeisterungsfähig, Schmähungen, Buhrufe oder Pfiffe sind im Grunde Tabu-Brüche. Und doch gab es bei der Medaillen-Zeremonie am Samstagabend auf der Medal Plaza vereinzelt Pfiffe gegen Loginow. Kein entrüstetes Konzert, aber hörbare Unmutsäußerungen. Ob sich der Russe wohl gefühlt hat in seiner Haut? Schwer zu beurteilen. Zuvor hatte der 28-Jährige vor Reportern demonstriert, dass er mit keinem etwas zu tun haben möchte. Bei der Pressekonferenz nach seinem Sieg im Sprint am Samstagnachmittag saß ein Mann auf dem Podium, von dem man hätte meinen können, er sei beim Taschenraub an einer Seniorin erwischt worden und würde von der Polizei verhört. Loginow stützte den Kopf desinteressiert auf einen Arm, blickte lustlos nach vorn und antwortete sparsam. Sehen so Sieger aus?

2014 wird Loginow wegen Dopings gesperrt

Damit erreichen wir den Ursprung der Skepsis, die den Russen seit Jahren einhüllt wie ein Kokon die Raupe. Ist Loginow ein würdiger Sieger? Viele meinen: Nein! Der Biathlet aus Saratow wurde im November 2014 wegen Epo-Dopings, er hatte auf die Öffnung der B-Probe verzichtet, für zwei Jahre gesperrt. Nach der Rückkehr in der Weltcup schlug ihm eisige Abneigung entgegen wie einem, der goldene Löffel gestohlen hat und wieder im Service arbeiten will. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, so die stille Übereinkunft bei den meisten Konkurrenten, von denen sich Martin Fourcade zum Wortführer erklärte. 2017 bei der WM verweigerte der Franzose dem Russen den Handschlag, er verließ das Podium bei einer Siegerehrung – und sparte in der Folge nie daran, seine Abneigung für den Ex-Betrüger erlebbar zu machen.

In Antholz verhielt sich Fourcade gemäßigt, er hatte dem neuen Weltmeister kurz die Hand geschüttelt, später wiederholte er seine Kritik: Loginow verweigere Interviews, anstatt sich zu öffnen, er antworte nicht auf Englisch, obwohl er es verstehe, so könne ihm niemand vertrauen. „Wenn es um Doping geht, erwarten alle, dass ich meine Stimme erhebe. Alle wissen, wie wichtig dieses Thema für mich ist und wie sehr es mich schmerzt“, sagte der Bronze-Gewinner. Johannes Thingnes Bö war deutlicher. „Es ist traurig, wenn ein ehemaliger Doper Weltmeister wird. Ich finde es ist ein schlechtes Zeichen, nach einer Goldmedaille keine Interviews zu geben“, sagte der Norweger. „Loginow hat es nicht verdient, hier zu sein“, knurrte Tarjei Bö. Arnd Peiffer dekliniert seine Sicht. „Es schwingt ein gewisser Verdacht mit, weil der Kollege wegen Epo-Missbrauchs gesperrt war. Jetzt ist er wieder auf einem Niveau wie zu den Zeiten, als er den Missbrauch durchgeführt hat. Da ist ein Gschmäckle“, sagte der 32-Jährige.

Loginow hat sich nie als Geläuterter gezeigt

Den Geläuterten gibt Loginow nicht, das macht den Umgang mit der Causa so diffizil. Nach der Medaillenverleihung wies er erneut jegliche Kritik zurück: „Ich habe mich nicht so schlecht benommen, wie einige Leute denken.“ Stunden zuvor hatte mit einem höhnischen Unterton erklärt: „Ich habe ein großes Haus mit viel Platz, ich lade jeden zu mir ein, mich in meiner täglichen Routine zu begleiten, dann seht ihr, ob ich sauber bin.“ Ehrlich gemeint dürfte das Angebot kaum gewesen sein. Der Mann verschanzt sich weitgehend hinter der Mauer des Schweigens.

Der Fall Loginow besitzt einen mehrdimensionalen Kontext. Der Biathlon-Weltverband (IBU) wurde im Umgang mit Dopingsündern oft kritisiert. Als 2016 russisches Staatsdoping nachgewiesen wurde, in das 31 Biathleten verstrickt waren, forderten viele Härte – die IBU entzog lediglich Tjumen die WM 2021. 2018 mussten IBU-Chef Anders Besseberg und Generalsekretärin Nicole Resch abtreten. Der Norweger soll 65 Dopingfälle aus Russland gegen Geld verschwiegen haben. Damit nicht genug. Bei der Operation Aderlass, wo es um systematisches Blutdoping um einen Erfurter Arzt ging, soll mindestens ein Biathlet in der Kartei stehen. Die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) wirft den Russen vor, Daten im Moskauer Labor manipuliert zu haben, weshalb Russland international weitgehend ausgeschlossen wurde, inklusive der Olympischen Spiele.

Deutsche Staffel könnte Olympia-Gold bekommen

Die Vergangenheit holte Russland und das Biathlon ein. Stunden vor Loginows Sieg war Olympiasieger Jewgeni Ustjugow, 2014 Staffel-Mitglied in Sotschi, von der IBU des Dopings für schuldig befunden worden. Damit könnten Erik Lesser, Daniel Böhm, Arnd Peiffer und Simon Schempp nachträglich Olympia-Gold bekommen. Ustjugow will Einspruch einlegen – der Russe, längst zurückgetreten, hat stets betont, nie gedopt zu haben ...

Unsere Empfehlung für Sie