InterviewBibelmuseum feiert „Es geht darum, Bibel erfahrbar zu machen“

Von Martin Haar 

Im Mai 2015 hat das Stuttgarter Bibelmuseum, genannt Bibliorama, seine Pforten geöffnet. Das Konzept wurde mit Vorschusslorbeeren gewürdigt, doch wie sieht die Bilanz nach fünf Jahren aus? „Sehr gut“, meint die Leiterin Franziska Stocker-Schwarz.

Museumschefin Stocker-Schwarz an der elektronischen Harfe Davids. Foto: Haar
Museumschefin Stocker-Schwarz an der elektronischen Harfe Davids. Foto: Haar

Stuttgart - Im Mai 2015 hat das Stuttgarter Bibelmuseum, genannt Bibliorama, seine Pforten geöffnet. Das Konzept wurde mit Vorschusslorbeeren gewürdigt, doch wie sieht die Bilanz nach fünf Jahren aus? Wird das Bibliorama vom Stuttgarter Museumspublikum angenommen? Bringt Museumschefin und Pfarrerin Franziska Stocker-Schwarz die Botschaft des Evangeliums mit ihrem Konzept mit dem kleinen, aber feinen Museum im Hospitalviertel an die Menschen? Sie meint ja: „Wir erreichen jeden Monat im Schnitt 900 Besucher, darunter viele junge Menschen.“

Frau Stocker-Schwarz was hat die Menschen in Ihrem Museum am meisten beeindruckt?

Ich höre immer wieder diesen einen Satz: „Ein Bibelmuseum – aber überhaupt nicht langweilig.“ Das freut uns. Denn wir sind überzeugt, dass die biblischen Geschichten auch Leuten von heute etwas zu sagen hat. Ob Kunst, Literatur, Gesellschaft und Glaube: Die biblischen Erfahrungen spiegeln Lebenskraft.

Wie muss man sich das konkret vorstellen?

Beim Rundgang tauchen immer wieder biblische Personen auftauchen, gestern und heute vermischen sich. Im Bibliorama ist es ein Nehmen und ein Geben. Jeder kann erfahren, was einem die biblische Zeit heute sagt. Und ich kann hier meine Spuren hinterlassen.

Stehen Sie eigentlich mit anderen Stuttgarter Museen im Wettbewerb?

Ich würde eher sagen: Wir ergänzen uns. Es ist ein bisschen so wie bei der derzeitigen Sonderausstellung „Ungleiche Paare“. Vernetzungen sind uns sehr wichtig.

Wie bemessen Sie eigentlich Erfolg?

Natürlich ist es schön, 900 Besucher im Monat, aber eigentlich ist es uns wichtiger, dass die Leute etwas innerlich mitnehmen, nachdenken, begeistert sind und diesen Spuren nachgehen. Das nenne ich qualitativen Erfolg: Es sind die besonders wertvollen Momente der Besucher, die sie immer wieder in Fürbitten und Bucheinträge dokumentieren.

Warum braucht Stuttgart ausgerechnet dieses Bibelmuseum? Die Bibelsammlung der Württembergischen Landesbibliothek ist doch viel bedeutender.

Bibeln in Vitrinen oder im Sonderlesesaal erreichen nur ein sehr spezielles Publikum. Uns geht es darum, erfahrbar zu machen, dass die Bibel etwas für heute ist. Darum im Bibliorama eine Bühne, auf der ich 15 biblischen Personen virtuell begegnen kann.

War eigentlich der OB schon da?

Nein, leider noch nicht. Aber die Landtagspräsidentin Muhterem Aras und etliche andere Persönlichkeiten aus Politik, Kunst und Kultur.

Ist gut fürs Image?

Nein, das zeigt vor allem, dass wir inzwischen in der Stadtgesellschaft verankert und ein Forum des Austausches sind.

Auch ein Forum des Dialoges zwischen den Religionen?

Die Synagoge ist nicht weit entfernt vom Bibliorama. Ob neuapostolisch, katholisch, evangelisch oder jüdisch – hier im Hospitalviertel sind sehr viele kirchliche und diakonische Einrichtungen. Das wollen wir im Bibliorama zeigen: Etwa, dass wir als Christen von dem Juden Jesus herkommen, sozusagen wie ein Zweig an diesem Baum aufgepfropft sind.

Lassen sie uns über die Grenzen des Hospitalviertels hinausblicken. Gibt es Ambitionen, über Stuttgart hinaus zu strahlen?

Christen sind weltweit verbunden. In 3395 Sprachen sind Teile der Bibel nun übersetzt. Gerade die Psalmen werden in allen Konfessionen, in so vielen Sprachen gesungen. Der Auftrag, den Nächsten und Gott zu lieben, ist der Kern der Botschaft. Jeder Mensch, egal aus welcher Nation, ist ein Geschöpf Gottes. Wir haben so viele internationale Gäste im Bibliorama.

Machet euch die Erde untertan, die Anwendung dieses Bibelwortes führt ja schier zum Kollaps unserer Erde? Kommt der Aspekt Ökologie im Bibliorama vor?

Genau da zeigt es sich, dass es wichtig ist, die Bibel auch in den Ursprachen zu lesen. Es braucht Theologie. Denn dieses Untertanmachen steht im Hebräischen nicht. Dort heißt es „wie ein guter König regieren“ – also für seine Leute, als Förderer und weiser Verwalter!

Wo wird dies bei Ihnen deutlich?

Auch in unserem kleinen Garten vor dem Museum. Gerade in der Noahgeschichte wird deutlich, dass die Sehnsucht nach einer menschenfreundlichen und ökologisch klugen Gesellschaft viele Religionen verbindet.

Was wollen Sie mit diesem Garten noch zeigen?

Viele Menschen lieben es zurzeit, einen kleinen Garten zu haben. Sie lieben es mit den Händen in der Erde zu buddeln, Blumen blühen lassen, Insekten fördern. Hier am Hortus Evae findet man ein tolles Beispiel für einen kleinen Stadtgarten. Eine grüne Oase mitten im Pflastergrau.

Zukunft sichern, für unsere Kinder ein wichtiges Thema, wie man bei „Fridays for future“ sieht. Wie setzen Sie Bildungsarbeit mit jungen Menschen um?

Uns ist wichtig, dass unsere Führungen für die verschiedenen Altersgruppen passen. Mit unterschiedlichen Methoden werden die Personen und ihre Geschichten lebendig. Die Ausgangsfrage für jeden museumspädagogischen Ansatz bei dieser Zielgruppe lautet: Was macht den Kindern Spaß, was begeistert sie?

Wie sieht das Bibelmuseum der Zukunft aus?

Ich sehe hier in der Digitalisierung eine große Chance. Virtuell kann ich nach Frankfurt ins Bibelhaus reisen, oder nach Meersburg in die Bibelgalerie. Das ist einer der nächsten Schritte sich mit den anderen zu vernetzen. In Nürnberg wird im Dezember ein Haus eröffnet. In Münster gibt es die besten Originalbibeltexte. In Schleswig können Sie mit einem Jesusboot segeln und an der Ostsee in Barth die Bibel in Platt lesen. Digital sollen bald viele Reisen möglich sein.

Was war in den vergangenen fünf Jahren Ihr persönliches Highlight?

Der Flug übers Heilige Land. Ich liebe diesen Flug. Da taucht virtuell der See Genezareth mit dem Boot Jesu auf. Da kann ich am Jordan entlanglaufen. Ich kann mit meinen eigenen Bewegungen das Tempo bestimmen und Jesusworte liegen in der Luft. Dieses einzelne Erlebnis steht für das Gesamterlebnis Bibliorama.

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