Biber im Landkreis Böblingen entdeckt Ein Freudenfest für einen Fraßschaden

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Ein Biber hat sich an der Ammer niedergelassen. Nicht nur Naturschützer bejubeln die Rückkehr des Nagers, der vor 150 Jahren ausgerottet worden war. Die Tiere können allerdings heftige Schäden verursachen.

Auch wenn ein Biber in Herrenberg einen Fußgänger gebissen hat, üblicherweise sind Begegnungen mit dem scheuen Nager rar. Foto: dpa//Frank Leonhardt
Auch wenn ein Biber in Herrenberg einen Fußgänger gebissen hat, üblicherweise sind Begegnungen mit dem scheuen Nager rar. Foto: dpa//Frank Leonhardt

Herrenberg - Auf der Insel Feuerland hält sich die Freude am Biber in sehr engen Grenzen. Die eingeschleppten Großnager haben das Eiland gleichsam feindlich erobert und mit ihren Staudämmen weite Teile der Insel geflutet. Von manchem Waldstück blieb nur ein Spalier abgenagter Stümpfe. Selbst Abschussprämien stoppten die Plage nicht.

In Herrenberg hingegen bejubeln nicht nur Naturfreunde einen abgenagten Baum geradezu. Arbeiter hatten ihn am Lauf der Ammer entdeckt, eines Flusses, der sich gut 22 Kilometer von seinem Ursprung entfernt in den Neckar ergießt. Seinen Entdeckern war der Stumpf ein Rätsel. Jürgen Baumer, der städtische Umweltbeauftragte, ließ wissen, ein Biber habe den Stamm abgenagt, und die städtische Pressestelle formulierte halb hoffnungsfroh, halb bang die Frage: Ist der Nager „gekommen, um zu bleiben?“ - diesmal.

2018 hatte die Polizei einen Biber durch die Stadt verfolgt

2017 war ein erster Biber in Herrenberg entdeckt worden, allerdings ein toter. Ein Auto hatte das Tier auf der Daimlerstraße überfahren. Ein Jahr später biss ein Biber inmitten der Stadt einen Fußgänger. Der Nager wähnte sich auf der Flucht vor bedrohlichen Verfolgern. Es waren Polizisten, die versuchten, ihn zu fangen und in einer natürlichen Umgebung auszusetzen, was letztlich gelang.

Vermutlich ist es dieses Tier, das nun freudig als Neubürger empfangen wird. In den Landkreisen Esslingen und Göppingen gilt der Biber als wieder angesiedelt. In den Kreisen Böblingen und Ludwigsburg waren zwar schon Exemplare gesichtet worden, aber wohl nur Durchwanderer. „Umso schöner ist es, dass das weltweit zweitgrößte Nagetier nun wieder zurückgekehrt ist“, sagt Baumer.

Vor 150 Jahren waren die Biber in Deutschland ausgerottet worden, aus einfachen Gründen: Ihr Pelz wärmt, und ihr Fleisch schmeckt. Seit die Tiere in Deutschland unter strengstem Schutz stehen, vermehren sie sich eifrig. Von den einstigen Hochburgen in Bayern und entlang der Elbe aus verbreiteten die Biber sich erst in Ostdeutschland, dann im Saarland und in Nordrhein-Westfalen.

Die Nager lassen sich zunehmend in der Region Stuttgart nieder

Zunehmend lassen die Nager sich auch in der Region Stuttgart nieder und werden üblicherweise überall freudig begrüßt – mit gelegentlichen Ausnahmen: Im 2000-Einwohner-Flecken Wiesensteig, gelegen am Albaufstieg, hat ein Biber mit seinem Damm das Freibadgelände geflutet. Schon das Tier zu fangen, könnte mit einer Geldstrafe von bis zu 50  000 Euro geahndet werden. Biber im Wendlinger Baggersee verzögerten gar das Großprojekt Stuttgart 21, was selbst den damaligen Grünen-Staatssekretär Klaus-Peter Murawski veranlasste zu mahnen, dass der Artenschutz „nicht über allem stehen“ dürfe.

Nach den ersten Sichtungen hatte die Landesregierung ein „Bibermanagement“ eingerichtet. Haupt- wie ehrenamtliche Biberwarte bemühen sich um die Bestände. Bisse – wie in Herrenberg – muss niemand fürchten. Vielmehr müssen Naturfreunde sich beharrlich auf die Lauer legen, um einen der Nager nur aus der Ferne zu sichten. Biber sind scheu, zudem nachtaktiv und reine Vegetarier.

Die Rückkehrer haben unangenehme Nebenwirkungen

Womit die unangenehmen Nebenwirkungen der Rückkehrer beginnen. Die Tiere plündern gern Mais- und Rübenfelder, sofern diese in Gewässernähe gedeihen. Sie untergraben Uferböschungen, was immer wieder zum Einbruch des Untergrunds führt, vor allem unter der Last von Forstmaschinen, gelegentlich auch von Wanderern. Biberbauten können sowohl die Fläche, als auch die Höhe von Vierzimmerwohnungen erreichen. Zum Schutz vor Raubtieren liegen die Eingänge unter Wasser. Deswegen stauen Biber bei Trockenheit Gewässer, indem sie Bäume fällen – keineswegs zur Freude von Forstwirten. Ist keine andere Nahrung zu finden, fressen die Nager Baumrinde.

Um Fraßschäden zu vermeiden, soll im Herrenberger Bibergebiet gefälltes Gehölz abgelagert werden. Weil der Wasserstand der Ammer stabil ist, scheint unwahrscheinlich, dass die Tiere sich genötigt fühlen, einen Damm anzulegen, jedenfalls derzeit. Was der Biber im Fall einer „der zunehmend länger anhaltenden Trockenperioden“ dazu meint, sagt Baumer, „muss abgewartet werden“.