Bibliotheksgeschichte Damit die Jugend nicht im Wirtshaus hockt

Von Irene Ferchl 

Die Geschichte der Büchereien in Stuttgart reicht 110 Jahre zurück. Begonnen hat damals alles mit der Stuttgarter Volksbibliothek.     

Das erste Haus für alle Stuttgarter Bücherfreunde: die Volksbibliothek in der Silberburgstraße ist 1901 eröffnet worden.  Foto: Stadtarchiv
Das erste Haus für alle Stuttgarter Bücherfreunde: die Volksbibliothek in der Silberburgstraße ist 1901 eröffnet worden. Foto: Stadtarchiv

Stuttgart - Die Geschichte der Stuttgarter Volksbibliothek hat an einem Ort begonnen, der einst dem Militär gehörte. Das Angebot von knapp 3000 Büchern war bescheiden, der Anspruch war es auch. Die Bibliothek nahm ihren Betrieb in den „freundlich hergerichteten Räumen“ der ehemaligen Legionskaserne auf. Diese stand am Platz des heutigen Wilhelmsbaus.

Die Volksbibliothek verdankte sich dem Engagement privater Stifter. Am 20.September 1897 gründeten sie den „Verein Volksbibliothek Stuttgart“, dessen Vorstand für zwei Jahrzehnte der Fabrikant Nathanael Rominger innehatte. Nach seiner Überzeugung sollte eine Bibliothek Jugendlichen ohne richtiges Zuhause eine Alternative zu Wirtshäusern bieten; das Leitmotiv war also zunächst Wohltätigkeit.

Noch älter war die Volksbibliothek Ostheim inmitten der von Eduard Pfeiffer gebauten Kolonie im Stuttgarter Osten, die von 1893 bis 1939 bestand. Für den Sozialreformer galt eine öffentliche Bibliothek ebenso wie eine Kinderkrippe als integrativer Bestandteil des Stadtbezirks. Diese Engagements im späten 19. Jahrhundert sind kein Zufall.

Erste Grundsätze einer Bibliothek

Sie gründen sich auf die Volks- oder Arbeiterbildung, die auch Volkshochschulen und Volksbühnen populär machte. So entstand nach englischem und amerikanischem Vorbild in den 1890er Jahren die Bücherhallenbewegung mit dem Ziel, nicht nur Ausleihmöglichkeiten, sondern Lesehallen für das Bildungs- und Unterhaltungsbedürfnis aller Bevölkerungsschichten zu bieten.

In den Grundsätzen für die erste öffentliche Bibliothek in Berlin hieß es: „Sie darf keiner Klasse, keiner Partei dienen. Sie muss mit den besten Werken der Literatur der populären Wissenschaft ausgestattet sein und muss deren Benutzung so bequem wie möglich machen durch Ausleihen sowie durch Einrichtung einladender Lese- und Nachschlageräume, die jederzeit für jedermann unentgeltlich offen stehen. “

Am 19. November 1901 wurde die „Volksbibliothek“ im eigenen Gebäude in der Silberburgstraße 191 eröffnet. Ermöglicht hatten den Neubau eine Stiftung des Verlegers Carl Engelhorn in Höhe von 80.000 Goldgulden sowie Spenden der Firmen Daimler, Bosch und des württembergischen Königshauses. Die renommierten Architekten Ludwig Eisenlohr und Carl Weigle errichteten auf dem Nachbargrundstück von Engelhorns Verlags- und Wohnsitz ein „schmuckes, stattliches“ Gebäude mit Dachgarten (den Frau Engelhorn mit Liebe gepflegt hat) und einem „schön beleuchteten“, fünf Meter hohen Lesesaal, der den ersten Stock einnahm und Sitzplätze für mehr als hundert Leser bot.

Zerstörung vieler Bibliotheken im zweiten Weltkrieg

Luxus sei vermieden, heißt es in einer zeitgenössischen Beschreibung, aber auf „größte Zweckmäßigkeit Bedacht genommen“. Die öffentliche Hand bewilligte einen Jahresbeitrag von 5000 Mark für zehn Jahre.

Nachdem 1937 in der Neckarstraße durch eine Zuwendung der gleichnamigen Stiftung die Gustav-Siegle-Bücherei „als eine der schönsten Büchereien in Deutschland“ erstellt wurde, gab die Stadt Mittel zum Umbau der Volksbibliothek am Silberbuckel zur Mörike-Bücherei. Außerdem bestanden seinerzeit in Cannstatt eine große Bücherei sowie 15 mittlere und kleine Außenstellen im Stadtgebiet.

Im Zweiten Weltkrieg wurden die drei großen sowie zwölf weitere Bibliotheken zerstört, der Buchbestand von 95.000 Bänden auf 5000 dezimiert – ein enormer Verlust. In seiner Rede zur Wiedereröffnung der Mörike-Bücherei am selben Ort in der Silberburgstraße – in einem nüchternen Nachkriegsbau – sagte Oberbürgermeister Arnulf Klett: „Wenn Bücher Quellen der Kraft sein können, dann sind Büchereien gleichsam Kraftquellenspeicher, aus denen wir in der Hetze unserer Zeit und im Drange beruflicher Anspannung immer wieder seelische Aufbaustoffe schöpfen können.“

Die Bücherei als Ort des lebenslangen Lernens

Der damalige Direktor der Bücherei, Alfred Jennewein, formulierte es weniger pathetisch und mit professionellem Blick: Der Buchbestand solle systematisch und gegenwartsmäßig aufgebaut werden, die Bücher sollten würdig statt behelfsmäßig untergebracht werden, und es sei fachlich gut geschultes Personal bereitzustellen.

Knapp dreizehn Jahre später, am 26. März 1965, wurde die Zentralbücherei im Wilhelmspalais mit 62.000 Medien auf 3100 Quadratmetern eröffnet – nunmehr Teil des Kulturamts und – wie die Presse schrieb – ein „Prachtstück unserer Stadt“. In drei Jahren war aus dem in den 1830er Jahren von Giovanni Salucci errichteten Domizil, in dem bis zu seiner Abdankung 1918 König Wilhelm II. gewohnt hatte, eine moderne Bürgerbibliothek geworden: mit einer Kinder- und Musikbücherei sowie der Süddeutschen Blindenhörbücherei. Der Direktor Wolfgang Thauer legte Wert auf das Freihandsystem, erweiterte Öffnungszeiten und das kostenlose Angebot.

Die Zentralbücherei eroberte im Laufe der Jahre das gesamte Palais und erlebte unter ihren Leitern Gustav Rottacker, Hannelore Jouly und seit 2001 unter Ingrid Bussmann viele Veränderungen: die Einführung der EDV, eine Graphothek mit Kunstraum, die Stuttgarter Literaturszene und einen futuristischer Lesesalon.

Die Bücherei verwandelte sich in einen Ort des lebenslangen Lernens. Als im Winter 2001 unter dem Motto „Glückspendend“ das 100-jährige Bestehen der Stadtbücherei gefeiert wurde, platzte das Gebäude mit seinen rund 250.000 Medien schier aus allen Nähten – dass zehn Jahre bis zur Fertigstellung der neuen Stadtbibliothek vergehen würden, hat damals wohl noch niemand geahnt.

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