Die Mitteilung über die schwere Krebserkrankung kam am Sonntag aus dem persönlichen Büro Bidens. Demnach wurde beim 46. US-Präsidenten am vergangenen Freitag eine besonders aggressive Form von Prostatakrebs diagnostiziert, die bereits auf die Knochen übergegriffen und metastasiert habe. Allerdings scheine der Krebs „hormonsensitiv“ zu sein, so wörtlich, was die Chancen auf eine erfolgreiche Behandlung erhöhe.
Der amtierende US-Präsident Trump reagierte ungewöhnlich freundlich. Auf seiner Plattform Truth Social übermittelte er seinem Vorgänger Genesungswünsche. „Melania und ich sind traurig über Joes Diagnose und wünschen ihm alles Gute“, schrieb Trump.
Bedauern äußerte auch Kamala Harris, seine ehemalige Vizepräsidentin. Sie sprach Biden Mut zu und schrieb: „Joe ist ein Kämpfer – und ich weiß, dass er diese Herausforderung mit der Stärke, Beharrlichkeit und Optimismus angehen wird, wie sie sein Leben und seine Führungsrolle geprägt haben“.
Biden mit Dank für die Anteilnahme: „Krebs betrifft uns alle“
Biden bedankte sich für die Anteilnahme. „Danke, dass Sie uns mit Liebe und Unterstützung aufrichten“, schrieb er auf X, und weiter: „Krebs betrifft uns alle.“ Dazu postete Biden ein Foto, auf dem er in die Kamera lächelt und neben seiner Ehefrau Jill Biden sitzt, die eine Katze im Arm hält.
Für Biden ist diese Diagnose ein weiterer Schicksalsschlag in einer langen Reihe von tragischen Ereignissen, die sich durch sein Leben ziehen. 1972 starben bei einem Autounfall seine erste Frau Neilia und seine kleine Tochter Naomi. 1988 wurde er wegen eines geplatzten Hirnaneurysmas notoperiert. 2015 starb sein Sohn Beau an einem Hirntumor – ein Verlust, den Biden nie verwunden hat.
Biden, der 82 Jahre alt ist und damit nur drei Jahre älter als sein Nachfolger Trump, war der bislang älteste Präsident in der Geschichte der USA. Sein zunehmend schlechter Gesundheitszustand zeigte sich in unsicherem Schritt und etlichen Stürzen, aber auch in wachsenden mentalen Ausfällen, die das Land bis heute beschäftigen. Biden wird vorgeworfen, sein Versprechen gebrochen zu haben, nur eine Amtszeit zu regieren und als „Brückenpräsident“ einen Generationswechsel einzuleiten. Obwohl seine gesundheitlichen Schwächen immer offensichtlicher wurden, habe er sich zu einer zweiten Präsidentschaftskandidatur entschlossen und damit einem erneuten Wahlsieg Trumps Vorschub geleistet, lautet der Vorwurf. Erst am Wochenende waren Videoaufnahmen von einer Befragung Bidens zu sehen gewesen, in denen sich Biden weder an das Todesjahr seines Sohnes noch an das Jahr der ersten Wahl Trumps erinnern konnte. Dennoch hat Biden seinen schlechter werdenden Gesundheitszustand immer abgestritten.
Als geradezu schockierend ist das TV-Duell mit Trump im Juni 2024 in Erinnerung, das Biden als altersschwachen, fahrigen und stotternden Bewerber zeigte, der Trump sichtbar unterlegen war. Obwohl die Öffentlichkeit den Eindruck gewann, dass Biden einer weiteren Amtszeit kaum gewachsen sein würde, hielt er an seiner Bewerbung fest und gab erst einen Monat später auf.
Vizepräsidentin Harris brachte das in die schwierige Lage, viel zu spät in den Wahlkampf zu starten. Die verlorene Wahl geht zu einem guten Teil auf das Konto Bidens und stürzte die Demokraten in eine anhaltende politische Sinn- und Führungskrise. So warf der Historiker und Pulitzer-Preisträger Jefferson Cowie jüngst Biden in einem Interview vor, einen demokratischen Wahlkampf verhindert zu haben, der Trump wirkungsvoll die Stirn hätte bieten können.
Haben sich Familie und Berater unverantwortlich verhalten?
Die Verlautbarung von Bidens Krebserkrankung kam am Vorabend der Veröffentlichung eines Buches, das die Fehlleistung Bidens nachzeichnet und auch schwere Vorwürfe gegen sein persönliches und politisches Umfeld erhebt. Der Washingtoner CNN-Korrespondent Jake Tapper und der Politikchef des Nachrichtenportals Axios, Alex Thompson, dokumentieren in ihrem Buch den „erschreckenden Prozess des geistigen Verfalls Bidens“. Familie und Berater hätten sich unverantwortlich verhalten, weil sie versuchten, den wahren Zustand Bidens zu verheimlichen.
Das Buch mit dem Titel „Die Erbsünde. Der Niedergang Präsident Bidens, seine Vertuschung und seine verheerende Entscheidung, erneut zu kandidieren“, zitiert einen Wahlstrategen der demokratischen Partei mit den Worten: „Biden hat der Demokratischen Partei und dem amerikanischen Volk die Wahl gestohlen“. Wenige Stunden vor Bekanntwerden der Erkrankung Bidens kam das Wall Street Journal zu dem harschen Urteil, „die Vertuschung von Bidens geistigem Verfall wird als einer der größten Skandale der modernen Politik in die amerikanische Geschichte eingehen“.
Die mediale Abrechnung dürfte nach Bekanntwerden der Erkrankung Bidens ein wenig abklingen. Doch die Demokraten haben dieses dunkle Kapitel ihrer Geschichte noch immer nicht aufgearbeitet. Sie sind in Richtungskämpfe verstrickt und haben bis heute keinen neuen Hoffnungsträger gefunden.