Bidens mögliche Nachfolgerin Wofür steht Kamala Harris?

Joe Biden empfiehlt seine Vize Kamala Harris als Präsidentschaftskandidatin der Demokraten. Foto: dpa/Evan Vucci

Kamala Harris gilt als Favoritin für die Biden-Nachfolge bei den Demokraten. Doch Zweifel an ihrer Eignung verstummen nicht.

Die Schlüsselfrage bei Joe Bidens Vizepräsidentin Kamala Harris als Nachfolgerin seiner Wahl an der Spitze der Demokraten im Wahlkampf 2024 lautet: Kann Sie die Wähler begeistern und dem republikanischen Grobian Donald Trump etwas entgegensetzen? Viele Beobachter sind skeptisch – bei all ihren im Vergleich zu möglichen demokratischen Rivalen unbestreitbaren Vorteilen: Die Kalifornierin steht seit vier Jahren im nationalen Rampenlicht, könnte auf Bidens gut geölte Wahlkampfmaschine zurückgreifen und verkörpert anders als Trump mit ihren indischen und jamaikanischen Wurzeln auch das neue, ethnisch gemischte Amerika.

 

Schlechter Führungsstil

Trotzdem begleiten Harris von Anfang an die Zweifel an ihrer Eignung. Mitarbeiter beklagten sich über einen schlechten Führungsstil und quittierten reihenweise den Dienst in ihrem Team. Undankbare Aufgaben, die Biden ihr übertrug, wie die Massenmigration über die Grenze nach Mexiko, konnte sie nicht wirklich lösen. Bei öffentlichen Auftritten mangelte es ihr erkennbar an Charisma.

Die 59-Jährige ist ein Produkt der Politik in Kalifornien der 90er Jahre, als dort die Republikaner noch ein Wörtchen mitzureden hatten. Ihre politische Karriere begann sie als Staatsanwältin von Oakland, protegiert von einem 30 Jahre älteren Königsmacher, mit dem sie auch zusammen war. 2010 wurde sie zur Generalstaatsanwältin gewählt. Ihr Erfolgsrezept: Sie neigte im Strafrecht den Konservativen zu und suchte gleichzeitig auch den Demokraten zu gefallen. Als die Demokraten nach links rückten, änderte sie etwa bei der Todesstrafe, die sie zunächst unterstützt hatte, ihre Position. Ihre Kritiker warfen ihr Opportunismus, viel Ehrgeiz und wenig eigene Überzeugungen vor. Ein Ruf, den sie bis heute nicht losgeworden ist.

Vertreterin des neuen Amerika

Gleichzeitig bieten Laufbahn und Hintergrund einiges, worauf viele US-Wähler heute wertlegen: Ihre verstorbene Mutter, eine Medizinerin aus Indien, lernte ihren Vater, ein Volkswirt aus Jamaika, auf Bürgerrechtsveranstaltungen Ende der 60er Jahre in Berkeley kennen. Trotzdem überzeugten ihre Versuche, ihre Biografie als Barrieren überwindende Leistungen einer schwarzen und asiatischen Frau darzustellen, bisher kaum.

Kann sie nun nach einem sehr späten Start – etwas mehr als 100 Tage vor den Präsidentschaftswahlen – als Wahlkämpferin die Erfolgschancen der Demokraten deutlich erhöhen? Ihre Erfahrung und Stärken als Staatsanwältin stellte sie als Senatorin seit 2017 in Hearings in Washington mehrfach unter Beweis. Ihr eigene Kandidatur für die Präsidentschaftswahlkampf 2020 kollabierte aber sehr früh, noch bevor alles losging. Aber als Rednerin hat sie Probleme mit dem Improvisieren. Würde es Harris, die Trump zuletzt ihren Wahlkampfreden scharf angegriffen hat, gelingen ihn auch in einer Debatte zu stellen, fragen sich manche Experten.

Ehrgeizigere Innenpolitik

Politisch müsste Harris natürlich für die unpopulären Aspekte der Bidenschen Regierungsbilanz den Kopf hinhalten: Das Trump-Team hat schon damit begonnen, sie als „Invasionszar“ für ihre gescheiterte Rolle bei der Eindämmung der Massenmigration über die Südgrenze der USA zu brandmarken. Sollte sie zur Präsidentschaftskandidatin der Demokraten gekürt werden, müsste sie auf Trumps Attacken gegen die Einwanderungspolitik direkt und effektiver reagieren und insgesamt mit einem neuen und ehrgeizigeren innenpolitischem Programm auftreten als dies Biden zuletzt getan hat.

Außenpolitisch ist Harris bisher als Vertreterin der Mitte, Transatlantikerin und Unterstützerin der Ukraine in Erscheinung getreten. Daher wird erwartet, dass sie zumindest im Wahlkampf der Außenpolitik Bidens treu bleibt. Damit würde sie klar im Gegensatz zu Trump und seinem „Amerika-zuerst“-Vizepräsidentschaftskandidaten J.D. Vance einen deutlichen Kontrast abgeben. „Ich glaube, es ist im fundamentalen Interesse des amerikanischen Volkes, dass die USA ihre angestammte globale Führungsrolle wahrnimmt“, sagte Harris etwa im Februar auf der Münchner Sicherheitskonferenz.

Konventionelle Politikerin

Harris hat in den vergangenen dreieinhalb Jahren einige Krisen miterlebt, ihr unabhängiges Urteil in unerwarteten außenpolitischen Krisen bleibt aber wie bei den allermeisten Vizepräsidenten unklar.

Sollte Harris im August von den Demokraten in Chicago offiziell zur Präsidentschaftskandidatin ausgerufen werden, steht ihr Wahlkampf vor einer beispiellosen Herausforderung. Aber auch ihr Rivale Trump ist historisch unpopulär und dazu ein verurteilter Straftäter. Vielleicht gelingt es der ehemaligen Staatsanwältin, seine Lügen zu entlarven und die Wähler an seine Normüberschreitungen zu erinnern, auch wenn sie bisher nur als konventionelle Politikerin mit unterdurchschnittlichen Qualitäten als Wahlkämpferin aufgefallen ist.

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