Es ist eine kluge, höchst vergnügliche Aufführung, die am Ende viel Applaus erhält: Annette Pullen gibt ihrer Inszenierung von „Biedermann und die Brandstifter“ aktuelle Bezüge.
Stuttgart - Das Licht erlischt im Hause Biedermann. Nur die Nebelmaschine produziert ein wenig Grau. Verborgen sind die Protagonisten hinter dem Vorhang, reihenweise gehen die Gasometer der Vaterstadt in die Luft. Hymnische Klänge aus dem Off wandeln das Burleske der Aufführung kurzzeitig zum Melodrama. Knapp zwei Stunden lang haben die Brandstifter ihre Gastgeber verhöhnt, sie brüsk herausgefordert, Biedermann gar in die Zündschnüre verwickelt. Doch Biedermann, Meister der Verdrängung, wollte nicht wahrhaben, was kommen musste: ein Flächenbrand.
„Schon tausendmal und mehr“, bekannte Max Frisch, Autor der Parabel „Biedermann und die Brandstifter“ (1958 im Schauspielhaus Zürich uraufgeführt) habe er die Frage gestellt bekommen, wer seine Brandstifter nun seien. Verführer, Weltverbesserer, Pyromanen? Frisch entschied sich, sie „apolitische Dämonen“ zu nennen. Kritiker und Publikum fassten es anders auf: Die Brandstifter wurden mal als Kommunisten, mal als Nazis identifiziert.
Kaltschnäuzig wird die Katastrophe geplant
Auch die Inszenierung durch Stuttgarter Schauspielschüler in der Regie von Annette Pullen nimmt Abstand vom harmlosen Hausierer und spielt mit aktuellen Bezügen. Jannik Mühlenweg als ehemaliger Profisportler und „Hartz-IV-Bezieher“ Schmitz ist ein raffinierter Widersacher für Philippe Thelen als Biedermann. Bald ist den Zuschauern klar, was Biedermann in seiner geistigen Bequemlichkeit nicht wahrnehmen will: Dieser Typ hat mehr drauf als er vorgibt zu sein.
Geschmeidig wie ein Panther bewegt er sich auf dem von Iris Kraft konzipierten, zweistöckigen Bühnenaufbau. Er wechselt die Facetten seiner Persönlichkeit wie ein Chamäleon die Farbe. Zeigt er in der obereren Wohnetage Leutseligkeit, Angriffslust, Weltmännischkeit („der Beaujolais könnte etwas wärmer sein“), so plant er im Dachgeschoss – das entgegen den Realitäten hier im Erdgeschoss liegt – mit Inga Behring als Komplizin kaltschnäuzig die Katastrophe. Die straff gebügelten Hosenbeine in Halbstiefel gesteckt, weicht er im Gespräch mit dem Unternehmer Biedermann zurück, um blitzschnell wieder anzugreifen, wenn es gilt, seinen Rausschmiss aus dem Haus zu verhindern.
Die Regisseurin hat Betuchliches aus Frischs Text gerafft
Thelen, überzeugend als Unternehmerfigur und devoter Gatte seiner shoppingsüchtigen Babette (Elena Berthold), verächtlich gegenüber einem entlassenen Mitarbeiter, kann seines Naturells wegen nicht zulassen, Flagge zu zeigen. Der Kerl ist arm dran: Statt konsequent zu sein, übt er sich mit ganzem Körpereinsatz in pseudodemokratischer Duldsamkeit. Dem Motto „Warum reichen wir uns nicht die Hände, Arm und Reich?“ entsprechend, deckt Kim Vanessa Földung als Hausmädchen Anna einen rustikalen Tisch. Doch auch Biedermanns symbolhaft überfrachtete Einladung „Wir brauchen kein Tafelsilber, kein weißes Tischtuch, wir brauchen Menschlichkeit“, stoppt die Brandstifter nicht.
Pullen hat Betuliches aus Frischs Texten gerafft, die Figuren bewegen sich zwischen Bedrohung und Burleske. Spottbetont tritt der Chor der Feuerwehrleute auf. Sie skandieren, die förmliche Sprache der Daktylen parodistisch verfremdend, immer wieder erklingt ihr „Heil uns, nichts ist geschehen der schlafenden Stadt.
Das Drama endet burlesk
Eine Leiter vom Musikergraben (ausgelegt mit Matten) zu einer der Theaterlogen ermöglicht wunderbar akrobatische Einlagen. Und dann ist da noch die Figur des Dr. phil. Milan Gather spielt ihn- das schwarze Outfit den Existenzialisten geraubt - als Ideologen, der seine „Bewegung“ verraten sieht. Seine handschriftlichen Botschaften „Ruck durch Deutschland“ und „Entartete Demokratie“ wirken seltsam verloren. Das Drama endet erneut burlesk. „Nun sag den Leuten, was war das?“, fordert an der Bühnenrampe ein Feuerwehrmann einen zweiten auf. „Noch ein Gasometer“, spricht der ins Publikum. Viel Beifall für eine kluge, höchst vergnügliche Premiere.