Bienenstöcke als Inhalatoren Das Geschäft summt

Wie jeden Sommer pilgern Hunderte Patienten nach Ochsenhausen und lassen Geld bei Hans Musch, um seine Bienenstockluft zu atmen. Foto: Andreas Reiner

Seit mehr als fünfzig Jahren inhaliert Imker Hans Musch aus Ochsenhausen die Luft aus seinen Bienenstöcken. Asthmatiker und Allergiker aus ganz Deutschland lassen sich bei ihm behandeln. Doch die Methode ist umstritten.

Ochsenhausen - Hans Musch lupft den Deckel eines Bienenstocks. Ein hölzerner Kasten, unterteilt in einen Honig- und einen Brutraum. Auf den Waben wimmeln und summen die Bienen. Er tauscht den Deckel gegen einen selbst gebauten Apparat mit Holzverkleidung, daran befestigt: ein langer Schlauch mit Atemmaske und ein Kabel, das zur Steckdose führt. Er drückt sich die Maske auf Mund und Nase. Atmet tief ein. Ein süßlich stickiger Duft nach Wachs, Honig und Bienenwaben strömt durch den Schlauch. Die feuchtwarme Luft des Bienenstockes füllt seine Lungen. Musch bläst sie durch den Mund wieder aus. Atmet erneut ein. Sein kariertes Hemd spannt. Statt Imkerhut, Schutzanzug und Handschuhen trägt er Jogginghose und Socken in Sandalen. Über seinen grauen Locken, am Dachbalken des Häuschens, schaukeln Bienen aus Pappe und Bügelperlen. An den Wänden kleben Kinderbilder, Dankesbriefe, Gedichte: „Auf Taschentücher können wir nun verzichten, davon wollen wir berichten.“ Daneben ein Zeitungsausschnitt und ein Meisterbrief: Hans Musch, Imkermeister.

 

Er schnauft und nimmt die Atemmaske ab. „Asthma bekomme ich weg, mit dreißig Sitzungen, wenn’s nicht vererbt ist. Und Pollenallergie, das ist das einfachste Geschäft“, sagt er in breitem Schwäbisch und fügt hinzu: „Das machen wir so im Vorbeilaufen, das ist gar kein Problem.“

Musch ist Apiimker – eine Bezeichnung, die vor allem von Anhängern der Bienenheilkunde verwendet wird. Als Apiimker produziert und verkauft er Bienenprodukte zur medizinischen Verwendung. Zum Beispiel das Bienenharz Propolis, Bienengift und Gelee Royal, das Futter der Bienenkönigin. Doch sein Steckenpferd, seine Erfindung, ist die Behandlung mit Bienenstockluft. Die Inhalation soll Bronchitis, Asthma, aber auch Migräne, Pollenallergie und die chronisch obstruktive Lungenkrankheit COPT lindern oder sogar heilen. Bewiesen ist die Methode nicht – im Gegenteil: eher umstritten.

Acht Euro für die halbe Stunde

Im Jahr 2015 erhielt Musch Post vom Regionalamt Baden-Württemberg. Er geht in sein Büro. In den wandhohen Regalen drängeln sich Bücher über Bienen, das Imkern und Insekten aneinander, die Bibel steht zwischen Ordnern und Bienenwachsfiguren. Er zieht eine dicke Mappe aus dem Regal, blättert durch die Seiten, dann pocht er mit dem Finger auf ein Schreiben: „Durchführung des Medizinproduktgesetzes“ steht dort. „Die haben keine Ruhe gelassen, seitenweise Briefe, die wollten meinen Betrieb einstellen.“ Bei der Inhalation von Bienenstockluft können allergenauslösende Partikel direkt in den Körper gelangen, die mitunter zu einer allergischen Reaktion führen, hieß es. Musch holte sich Rat bei einem Rechtsanwalt – und nannte seine Therapiemethode von nun an „Wellnessanwendung“. Damit ist er auf der sicheren Seite. Denn bei Produkten mit einer angeblich gesundheitsfördernden Wirkung liegt die Beweislast beim Hersteller und muss mit klinischen Studien belegt werden. Und diese Studien gibt es nicht.

Muschs Bienenhaus, gelegen an einem kleinen Hügel in Ochsenhausen nahe Biberach, zählt 24 Bienenstöcke. „Jetzt ist wieder Saison“, sagt er und deutet aus dem Fenster auf eine Streuobstwiese, wo Bienen summen und brummen. Wie jeden Sommer pilgern Hunderte Patienten nach Ochsenhausen und lassen Geld bei ihm, um seine Bienenstockluft zu atmen. Er blättert durch seinen Kalender: Der Juni ist ausgebucht. Bis zu zwanzig Patienten kommen an einem Tag. „Jeder bringt noch zwanzig andere, das ist mein Problem: Es werden immer mehr.“ Acht Euro kostet die halbe Stunde, sechs für Kinder.

1965 stürzte Musch von einem Gerüst, sieben Meter in die Tiefe. Er erlitt einen Schädelbruch, es folgte eine Gehirnhautentzündung. Kopfschmerzen quälten ihn, jahrelang. „Irgendwann habe ich gemerkt, dass es mir besser geht, wenn ich bei meinen Bienen war und die Luft geschnuppert habe.“ Aus dem Lüfter eines alten Diaprojektors und einem Pappkarton bastelte Musch sein erstes Inhalationsgerät. Damals arbeitete er noch als Regionalsekretär in Biberach. Nach der Arbeit marschierte er direkt ins Bienenhaus, „um zu schnaufen“, wie er sagt. Die Kopfschmerzen wurden besser. Es folgten Jahre der Tüftelei, Musch baute einen Pollen- und einen Bienenfilter in sein Gerät, dazu ein Ventil, damit die eingeatmete Luft nicht zurück in den Bienenstock fließt. „Api Air“ taufte er seine Erfindung. Api ist griechisch und bedeutet Biene.

Die chemische Zusammensetzung

Die angeblich heilende Wirkung der Bienenstockluft sprach sich herum. Immer mehr Menschen baten Hans Musch um Hilfe, und er begann, sein Gerät in Serie zu produzieren. Sein Sohn, ein gelernter Schreiner, baute die Kästen, ein befreundeter Elektroniker setzte die Teile zusammen, eine kleine Firma aus dem nahe gelegenen Laupheim managte den Vertrieb. Patienten, Heiltherapeuten, Ärzte und Imker aus ganz Deutschland kauften das Gerät. In Bad Königshofen eröffnete ein Therapiezentrum für Bienenstockluft, gefördert von der Europäischen Union. „Und einmal stand sogar eine Gruppe Chinesen vor der Tür, die hatte im Internet von mir gelesen“, sagt Musch. Sie kauften mehrere Geräte, eröffneten eine eigene Api-Air-Station in Peking und ernannten Musch zu ihrem Api-Air-Berater. So steht es auf Muschs rosafarbenem Arbeitsvertrag, dessen chinesische Schriftzeichen golden glänzen. Irgendwann begann auch die Forschung, sich für die Bienenstockluft zu interessieren.

Rund fünfhundert Kilometer entfernt: Technische Universität Dresden, Professur für Spezielle Lebensmittelchemie. Hier untersucht ein Team um Professor Karl Speer die Luft aus Bienenstöcken. Dazu installierten sie Bienenstöcke auf der Terrasse der Universität und im Forstbotanischen Garten in Tharandt. Die zum Patienten führenden Schläuche fertigten sie aus Kupfer und Teflon, um zu verhindern, dass andere Aromastoffe in die Probe gelangen. Bei der Analyse der Stockluft wird diese gaschromatografisch in ihre einzelnen Bestandteile aufgetrennt, diese werden mithilfe der Massenspektrometrie identifiziert. So konnten die Forscher bereits mehr als fünfzig verschiedene Bestandteile in der Bienenstockluft nachweisen.

Die Verbindungen stammen überwiegend aus Propolis und Bienenwachs, Honig ist kaum enthalten. Ob die Stoffe in den homöopathischen Dosen, in denen sie in der Luft vorkommen, tatsächlich eine heilende Wirkung entfalten, ist jedoch unklar. Das Team konzentriert sich einzig auf die chemische Zusammensetzung. „Wie viel positive Wirkung zum Beispiel die Ruhe auf dem Land hat – und inwiefern Einflüsse wie Temperatur oder Wassergehalt des Bienenstocks die Probe beeinflussen, muss noch erforscht werden“, sagt Speer. Nur mit einer Doppelblindstudie unter Anleitung eines Mediziners lässt sich ein Placeboeffekt ausschließen. Bei einer solchen Studie wissen weder Studienleiter noch Teilnehmer, ob ihnen Bienenstockluft oder doch nur heiße Luft verabreicht wird.

Als Nächstes schreibt Musch ein Buch

Hans Musch winkt ab. Sollen die Forscher doch so viel forschen, wie sie wollen. Er glaubt an seine Bienen, auch ohne wissenschaftliche Beweise. Er spürt eine Wirkung und ob diese nun ein Placebo ist oder nicht, steht für ihn an zweiter Stelle. Und das Geschäft brummt, auch ohne Studien.

Er verschließt die Türe seines Bienenhauses hinter sich, der Schlüssel dreht im Schloss, über dem Eingang ein großes Holzschild mit der Aufschrift: „Willst du Gottes Wunder sehen, musst du zu den Bienen gehen.“ Dann geht er gemächlichen Schrittes den kleinen Feldweg hinunter zu seinem Wohnhaus, vorbei an einem Lehrpfad, den er für seine Patienten aufgebaut hat, vorbei an einer kleinen Holzhütte mit spitzem Giebel, das neun weitere Bienenstöcke beheimatet. „Das Häusle meines Vaters“, sagt er und deutet hinüber. Schon sein Vater, Soldat im Ersten und Zweiten Weltkrieg, imkerte. Als er 1945 fiel, war Hans Musch zwei Jahre alt. Ein Heimatvertriebener kümmerte sich um die Bienen, bis Musch alt genug war. Als er viele Jahre später heiratete und von Rot an der Rot ins zehn Kilometer entfernte Ochsenhausen zog, nahm er seine Bienen mit.

Er ist sich sicher: Seitdem haben seine Bienen viele Menschen geheilt oder zumindest ihre Leiden gelindert. Aus Dankbarkeit komponierte er einen „Bienchenwalzer“, mit Stimmen für ein ganzes Blasorchester. Er selbst spielt Klarinette. Musch geht ins Obergeschoss seines Wohnhauses, sucht auf dem Rechner die Datei mit der Aufnahme und spielt sie ab. Dann lehnt er sich in einen Sessel und wiegt sich im Klang seiner eigenen Musik. „Ein wunderschöner Walzer“, sagt er. Gerade arbeitet er an einem Buch über die Bienen, das Imkern und seine Erfindung. „Ich vermute, dass die das verfilmen, da sind schon ganz heiße Sachen drin, das Buch gibst du nicht mehr aus der Hand, wenn du einmal angefangen hast.“ Die Biberacher Verlagsdruckerei hat sich bereit erklärt, es abzudrucken.

Wenn es nach ihm ginge, könnte alles bleiben, wie es ist. Für die Zukunft seiner Bienen hat er bereits gesorgt: Den Betrieb übernimmt sein Enkel, der gerade eine IT-Ausbildung macht. Nebenbei lernt er Imkern. „Hajo, des isch a Goldgrub“, sagt Hans Musch.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Reportage Bienen Imker Ochsenhausen