Künstler können anstrengend sein. Kaum haben sie einen Auftrag, beginnt das Nörgeln, dass Licht, Wände, Räume, dass was auch immer ihrem künstlerischen Geist zuwiderläuft. In Venedig gehört das Lamento längst zum Programm. Wird jemand eingeladen, bei der Kunst-Biennale den Deutschen Pavillon zu bespielen, kann man sicher sein, dass gebaggert und gebohrt wird und man Wänden, Decke, Böden zu Leibe rücken will. Seit Jahrzehnten arbeiten sich Künstler an dem Bau ab, um der Welt zu zeigen: Der „Nazipavillon“ repräsentiert nicht mehr das heutige Deutschland.
Wer in den kommenden Wochen nach Venedig zur Kunst-Biennale reist, den erwartet im Deutschen Pavillon eine Baustelle. Der Boden wurde geöffnet und bietet Einblicke ins Fundament. An den Wänden hat ein Restaurator verschiedene Putzschichten abgetragen. Die Künstlerin Maria Eichhorn will damit die wechselvolle Geschichte des Pavillons aufzeigen, der 1909 errichtet und 1938 von dem Naziarchitekten Ernst Haiger ausgebaut wurde. Wo beginnt sein Werk und endet der Vorgängerbau? Maria Eichhorn zeigt die Fundamente und hat die Umrisse und Fugen von Fensteröffnungen und Wanddurchgängen freigelegt, damit die Nahtstellen zwischen den verschiedenen Gebäudeteilen sichtbar werden.
Denkmalamt: Nicht alles ist möglich
So reiht sich die Berliner Künstlerin in die lange Tradition ein, die dazu geführt hat, dass passionierte Biennale-Besucher sich vorab schon neugierig fragen, was die Deutschen wohl diesmal mit ihrem Pavillon anstellen werden. Ihm wurde schon übel zugesetzt: 1993 zertrümmerte Hans Haacke den Marmorboden und hängte ein Foto von Adolf Hitler in den Eingang. Isa Genzken verhüllte ihn 2007 mit einem Baunetz, um ihn quasi verschwinden zu lassen. 2013 tauschten Deutschland und Frankreich kurzerhand ihre Gebäude. 2017 ließ Anne Imhof ihn einzäunen und von drei Dobermännern bewachen. Innen zog sie einen gläsernen Boden ein. Immer wieder müssen bei diesen Eingriffen Statiker zurate gezogen werden. Auch für das Institut für Auslandsbeziehungen (Ifa) stellt sich die bange Frage, was die Künstlerinnen und Künstler da wieder aushecken. Das Ifa ist seit mehr als 50 Jahren für die Koordination des Deutschen Pavillons zuständig und inzwischen auch Kommissar, will sagen, von Stuttgart aus wird initiiert, konzipiert – und muss man die kreativen Ideen mitunter auch bremsen. Denn alle Freiheiten haben die Biennale-Künstler nicht. Das italienische Denkmalamt entscheidet letztlich, was realisiert werden kann und was nicht. „Seit 2016 darf grundsätzlich nur noch der Putz angefasst werden“, so Ifa-Sprecherin Miriam Kahrmann, „Eingriffe in die Substanz der Mauer werden nicht mehr genehmigt.“
Sogar Mauern wurden schon rausgebrochen
2016 wurde dem Nazibau so energisch zugesetzt wie nie zuvor. Auf Wunsch eines Kuratorenteams wurden vier große Mauerdurchbrüche vorgenommen. Acht Tonnen Ziegelsteine wurden aus den denkmalgeschützten Wänden gebrochen, weil man den Pavillon in ein offenes Haus verwandeln und der Welt damit zeigen wollte: Deutschland hat offene Grenzen für Flüchtlinge in Not. Dass dies möglich wurde, lag an der Superintendentin der Denkmalpflege, die ihr Recht geltend machte, in Ausnahmefällen von Leitlinien abweichen zu dürfen.
Das Nazierbe wird geschützt
Eine radikale Aktion, die Folgen hatte, seither sind solcherlei massive Eingriffe untersagt – ohne Ausnahme. „Heute würden diese Öffnungen nicht mehr genehmigt,“ erklärt Miriam Kahrmann. Das Konzept von Maria Eichhorn konnte dennoch realisiert werden, weil es zwar die Statiker, nicht aber die Denkmalschützer auf den Plan rief. „Die diesjährige Ausgrabung im Innenraum konnte nur erfolgen, weil der Steinboden nicht mehr original ist“, sagt Miriam Kahrmann, nur die Steine in den seitlichen Räumen seien zum Großteil noch original. Man kann es Ironie des Schicksals nennen, dass die italienischen Behörden heute streng darüber wachen, dass die faschistischen Visionen der Naziarchitektur originalgetreu erhalten bleiben. So erzählt der Pavillon weiterhin vom Geist des Nationalsozialismus. Ernst Haiger, ein erfolgreicher Architekt unter Hitler, ließ zum Beispiel die Säulen durch mächtige Rechteckpfeiler und das Parkett durch Marmor ersetzen. Ein Steinmetz meißelte in die Fassade den Schriftzug „GERMANIA“ – alles mit dem Ziel, „eine eindrucksvolle, vornehme und würdige Repräsentation des Dritten Reiches“ zu ermöglichen, wie die Bauverwaltung damals erklärte. Debatten, den „Nazipavillon“ doch einfach abzureißen, wurden übrigens auch immer wieder geführt. Während in den anderen Länderpavillons in erster Linie künstlerische Fragen verhandelt werden, ist der Deutsche Pavillon ein Ort geworden, an dem die Kunst kaum umhinkommt, Position zu beziehen und sich auf immer neue Weise an der Vergangenheit abzuarbeiten und mahnend an sie zu erinnern.
Ansturm auf die Lagunenstadt
Göttliche Kunst
1909 wurde auf dem Giardini-Gelände in Venedig der Bayerische Pavillon von einer bayerischen Künstlerinitiative errichtet. Und weil sie sich – wie lang üblich in der Kunst – gern in göttlichen Gefilden wähnten, glich er einem antiken Tempel. Bis zum Ersten Weltkrieg wollte man hier vor allem Kunst verkaufen, deshalb gab es auch eine Kooperation mit der Bahn. Dank verbilligter Zugtickets fuhren Hunderttausende Besucher nach Venedig.
Info
Die aktuelle Kunst-Biennale ist bis 27. November geöffnet: Di–So 11–19 Uhr, Mo geschl. (außer 30.5., 27.6.).
Tickets unter www.labiennale.org. Zu Maria Eichhorns Projekt „Relocating a structure“ im Deutschen Pavillon werden auch Stadtführungen zu Orten der Erinnerung an den antifaschistischen Widerstands in Venedig angeboten.
Infos unter www.deutscher-pavillon.org. adr